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Robin Rumler im Interview
Robin Rumler

Pfizer-Corporation-Austria-Geschäftsführer

Leben
02.12.2020
Prof. Dr. Robin Rumler ist studierter Humanmediziner, Pharma-Manager und seit 2009 Geschäftsführer der Pfizer Corporation Austria. Darüber hinaus ist er Vizepräsident der Pharmig (Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs), Vizepräsident der AmCham Austria (American Chamber of Commerce in Austria) und Präsident der Pharmig Academy (Verein zur Fortbildung im Gesundheitswesen). 2019 wurde Rumler das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich verliehen.

Wir befinden uns im zweiten Lockdown des Jahres. Wie geht’s Ihnen?

Es geht mir sehr gut. Wie wir alle habe ich mich der Situation angepasst. Homeoffice ist für mich nun tägliche Routine, wenngleich mir die direkte Interaktion mit meinem Team und natürlich auch mit meinen Freunden fehlt. Grundsätzlich schaue ich ganz klar nach vorne, ins »new normal«, und darauf, was wir alles gelernt haben, was wir besser machen und was wir auch zurücklassen können. Ich möchte das Alte hinter mir lassen und das Neue mit nach vorne nehmen. Das ist die Triebfeder, die mich in diesem neuen Lockdown motiviert sein lässt. Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass ich, bedingt durch das Homeoffice, mehr Zeit mit meiner Familie verbringe. Mein Leben ist in gewissen Belangen zweifelsfrei auch entschleunigter.

2020 wird als Pandemie-Jahr in die Geschichtsbücher eingehen. Handelt es sich aus Pharma-Sicht um ein Konjunkturjahr?

Nein. Es handelt sich um ein verändertes Jahr. Früher hatten wir ein planbares Business-Jahr. Soll heißen: Was spielt sich im Krankenhausbereich ab? Wie entwickeln sich manche Therapien? Dazu gab es planbare saisonale Themen wie etwa die Grippezeit. Das hat sich insofern verändert, dass durch den spontanen Lockdown viele Patienten gesagt haben, dass sie nun nicht mehr ins Krankenhaus gehen – aus Furcht, sich dort anzustecken. Oft sind auch Operationen verschoben worden. Das hat dieses Jahr extrem beeinflusst! Trotzdem haben sich die pharmazeutische Industrie und die Medizin richtig aufgestellt. Geplante Aktivitäten wurden verschoben, und man hat gelernt, damit umzugehen. Aktuell würde ich sagen, dass es sich wirtschaftlich gesprochen um ein durchschnittliches Jahr handelt. Zweifelsfrei sind wir weder Gewinner noch Verlierer.
»Wir mussten den richtigen Schlüssel für das Schloss Covid-19 finden«

Wie darf man sich Ihre Position aktuell vorstellen? Sie sind Geschäftsführer eines Unternehmens in einer Branche, auf die die ganze Welt hoffnungsvoll blickt – gerade auch auf Ihr Unternehmen, durch die Ankündigung eines Corona-Impfstoffs. Lastet viel Druck auf einem, muss man umso besser funktionieren, da die Auswirkungen größer als sonst sind?

Im ersten Augenblick, wenn man mit einer Pandemie konfrontiert wird – was auch für mich das erste Mal ist –, war vollkommen klar: Wir geben Hoffnung, wir liefern Therapien und wir sind Partner von circa 1,5 Millionen Menschen in Österreich, die unsere Medikamente einmalig oder regelmäßig einnehmen. Die Arzneimittelversorgung muss also funktionieren! Das war und ist die oberste Prämisse. Dementsprechend habe ich gerade am Anfang mit Improvisation, aber auch mit viel Kommunikation unser Team neu orientiert und im Homeoffice neu aufgestellt. Parallel dazu laufen unsere klinischen Studien. Die pharmazeutische Industrie ist – wirtschaftlich gesehen – ein Hochrisikogebiet. Wir investieren sehr viel in Forschung und Entwicklung. Da muss man darauf achten, dass diese Studien nicht einfach abgebrochen werden, sondern weiterlaufen, um die Medikamente entsprechend zu entwickeln. Das ist uns gelungen! 

Was dazu kommt: Wir sind ein Unternehmen, das sich als Impfstoffexperte bezeichnen darf. Das heißt, dass wir unsere Ressourcen natürlich umgehend in der Impfstoffforschung gebündelt haben. Wobei die Impfung gegen Corona nicht komplett neu erfunden werden musste, weil wir wissen, wie Impfstoffe entwickelt werden. Aber: Wir mussten den richtigen Schlüssel für das Schloss Covid-19 finden. Hier hat die pharmazeutische Industrie vorbildhaft gearbeitet. Datenbanken wurden geöffnet, Synergien genutzt und Know-how wurde gebündelt. Pfizer hat zusätzlich mit dem Unternehmen BioNTech, mit dem wir die Impfung nun gemeinsam herausbringen, in Deutschland bereits zuvor intensiv zusammengearbeitet. Durch Know-how, Enthusiasmus, Elan, Engagement und auch Glück können wir nun voraussichtlich eine Lösung im Kampf gegen die Pandemie anbieten.

Können Sie mehr zu dem Corona-Impfstoff sagen, von dem vor Kurzem bekannt wurde, dass Pfizer ihn gemeinsam mit BioNTech mit einer 90-prozentigen Wirksamkeit auf den Markt bringt?

Wir haben einen Impfstoff entwickelt, der jetzt an 44.000 Menschen in einer klinischen Studie getestet wurde. Das ist eine sehr große Kohorte. Die Auswertung der Daten zeigte in Probanden ohne vorherige SARS-CoV-2-Infektion einen 95-%-igen Schutz vor der Erkrankung. Wir haben diese Studie in den USA, in Deutschland, der Türkei, in Südafrika, Brasilien und Argentinien durchgeführt. Nun werden die Daten in einem sogenannten Rolling-Review-Verfahren von der EMA (Anm.: European Medicines Agency, Europäische Gesundheitsbehörde) auf Qualität und Sicherheit evaluiert. Erst wenn alle Parameter passen, hat der Impfstoff alle Prüfungen bestanden.
Robin Rumler im Gespräch

Aktuell liest man sehr viele Informationen, sieht Interviews mit Medizinern und tut sich als naturwissenschaftlich nicht bewanderte Person schwer, vieles einzuschätzen. Über den neuen Impfstoff hört man beispielsweise, dass es sich um eine neue Klasse handelt, die mittels eines neuen Mechanismus auf die genetischen Informationen des Erregers zurückgreift. Es wird ein Viruseiweiß, im Fall von Corona das Oberflächenprotein, nachempfunden, um den Virus vom Eindringen in die Zelle abzuhalten. Da es sich um eine neue, vergleichsweise unerforschte Methode handelt: Wie sicher kann man sich sein, dass es für die Weltbevölkerung in fünf Jahren kein böses Erwachen gibt?

Bei dieser sogenannten »Neuentwicklung« handelt es sich tatsächlich um eine »neuere« Entwicklung, da wir mit BioNTech schon länger an diesen RNA-Impfstoffen forschen. mRNA- Impfstoffe enthalten Genabschnitte des SARS-CoV-2-Virus in Form von messenger-RNA, die auch als Boten-RNA bezeichnet wird. Ausgehend von der mRNA werden nach der Impfung Proteine hergestellt, die dann das Immunsystem zu einer gezielten Antikörperbildung gegen SARS-CoV-2 anregen und so eine Immunreaktion erzeugen. Es handelt sich quasi um ein Stück des genetischen Bauplans des Virus. mRNA-basierte Impfstoffe haben den Vorteil, dass eine große Anzahl Impfdosen innerhalb weniger Wochen hergestellt werden kann. Ganz offenbar haben auf Boten-Nukleinsäuren basierende Impfstoffe großes Zukunftspotential.

Also ein sicherer Impfstoff, bei dem man sich in den kommenden Jahren nicht fragen muss, ob es ein böses Erwachen gibt?

Es ist immer schwierig zu sagen, was in fünf Jahren ist. Aber es handelt sich um einen Impfstoff, der die gewünschte Reaktion auslöst, nämlich Antikörper zu bilden. Er regt das Immunsystem an zu reagieren. Wenn das zu 95 % passiert, ist das ein respektables Ergebnis! Zum Vergleich: Bei Grippeimpfungen sehen wir eine Wirksamkeit von 60 % bis 70 %, weil das Grippevirus sehr mutationsfreudig ist. In den Monaten zwischen der Entwicklung der Impfung und der Verabreichung bilden sich bereits wieder einige neue Virusstämme. Das Coronavirus mutiert zum Glück sehr langsam.
Robin Rumler im Gespräch

Was wollen Sie an dieser Stelle allen Verschwörungstheoretikern ausrichten, die meinen, dass hinter der Pandemie die Pharmaindustrie steckt?

Die Fakten, mit der die Welt von diesem Virus getroffen wurde, sprechen eine klare Sprache: Bisher gibt es 1,4 Millionen Tote weltweit und auch die Lage in Österreich ist sehr ernst. Diesen Leuten möchte ich ganz klar sagen: Hier überwiegen die Fakten! Jeder ist nicht nur seines Glückes Schmied, sondern auch für sein Umfeld verantwortlich – und kann dazu beitragen, dieses Virus in den Griff zu bekommen. Sich gegen den Mund-Nasen-Schutz zu weigern und Coronapartys zu veranstalten ist der absolut falsche Weg! 

Ganz ein anderes Thema: Sie sind Träger des Großen Ehrenzeichens der Republik Österreich. Wie ist es dazu gekommen? Waren Sie überrascht? Und: Sehen Sie es rein als Bestätigung für die eigenen Tätigkeiten oder gar als Ansporn, höhere Sphären innerhalb der Republik anzustreben?

Als man es mir mitgeteilt hat, habe ich mich extrem darüber gefreut, und ich bin stolz, es bekommen zu haben! Der Grund dafür: Ich engagiere mich vor allem in den vergangenen 15 Jahren intensiv, über den Tellerrand hinausschauend, für meine Branche. Ich bin sehr aktiv in allen möglichen Gremien und sehe mich dort als Link zwischen Politik, Pharmazie und Medizin. Das passiert alles unentgeltlich, im Sinne vieler Extrameilen. Wenn man dann nach Jahren vorgeschlagen wird, diese Auszeichnung zu erhalten, dann ist das ein schöner Applaus, den ich gerne entgegengenommen habe. 

Zu den höheren Weihen: Ich lebe im Jetzt, denke in die Zukunft und sehe mein Engagement als ungebrochen an. Auch jetzt, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Aber weitere Ambitionen habe ich aktuell nicht.
Robin Rumler im Gespräch

Das Jahrzehnt hat bedingt durch Corona mit einer weltweiten Verunsicherung und Vollbremsung begonnen. Wenn Sie an die Forschung, Wirtschaft und sich selbst ganz persönlich denken: Wie wird die Welt am Ende des Jahrzehnts aussehen?

Ich bin ganz sicher, dass der medizinische und technische Fortschritt weitergehen wird – und zwar unaufhaltsam! Ich hoffe, dass wir aus der Pandemie gelernt haben, an einem Strang zu ziehen, und dass wir das auch nach der Pandemie tun werden, wenn es notwendig ist und es etwas bringt. Es bedeutet verbesserte Lebensqualität und eine höhere Lebenserwartung. Dazu gehört auch, sich Ziele zu setzen, nicht nur im Jetzt zu leben und nicht nur die eigenen Partikularinteressen zu vertreten.

Wenn uns keine Kriege oder andere Naturkatastrophen zurückwerfen, bin ich davon überzeugt, dass wir uns am Ende des Jahrzehnts weiterentwickelt haben werden. Dass wir älter werden. Dass unser Leben zweifelsfrei digitalisierter geworden ist mit diversen kleinen Helferleins, wie Sensoren und Computersystemen, vor denen wir dann weniger Angst haben werden als heute. Idealerweise haben wir eine noch weiter entwickelte Lebensqualität, als wir sie ohnehin heute schon haben dürfen. 

Was ich mir ganz persönlich wünsche: Mehr gesunde Lebensjahre. Im Vergleich zu anderen Ländern ist Österreich hier sehr schwach. Wir haben 60 gesunde Lebensjahre bei einer Lebenserwartung von 81+. Diese Zahl muss raufgehen. Skandinavische Länder und Deutschland zeigen uns, dass 70 gesunde Lebensjahre und mehr möglich sind. 

Was müsste man in Österreich dafür verändern?

Wir müssen weg von Floskeln wie »Weg von der Reparatur, hin zur Prävention«. Das muss definitiv in Angriff genommen und umgesetzt werden! Es kann nur funktionieren, wenn wir schon unsere Kleinsten, also Kinder im Kindergarten, mit den Themen »Leben« und »Gesundheitskompetenz« in Berührung bringen. Was bedeutet gesundes Leben? Sport, nicht rauchen, impfen und so weiter sind für ein gesundes Leben förderlich! Wenn man das verstanden hat, kann der Präventionsgedanke angenommen werden. Aktuell beträgt der Prozentsatz der Vorsorgeuntersuchungen in Österreich 10 %. Wenn dieser Prozentsatz gesteigert werden kann, wird man Krankheiten früher erkennen! Wenn wir es schaffen, diesen Schalter umzulegen, sind wir auf dem richtigen Weg. Und auch hier gilt das Credo der Zusammenarbeit mit dem geflügelten Begriff »Health in all Policies«. Das heißt, nicht nur politisch zu entscheiden und zu fragen, was es kostet, sondern zu fragen, was es den Menschen bringt.

Lieblings-

Buch: Illuminati (Dan Brown)
Film: Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten 
Song: Ain’t no mountain high enough (Billy Paul) 
Schauspieler/in: Jennifer Aniston
Motto: Geht nicht gibt’s nicht.
Autor/in: Dan Brown
Serie: Haus des Geldes
Stadt: Hamburg, Cannes
Land: Italien
Gericht: Italienisch, Tafelspitz
Getränk: Cola light, Grüner Veltliner

Persönliches Mitbringsel

Mein Handy. Darin habe ich ganz viele Fotos und kurze Filme. Ich liebe es, Videos zu drehen, sie zu schneiden, und schau sie mir dann, wenn ich zum Beispiel unterwegs bin oder – in Nicht-Lockdown-Zeiten – im Flugzeug, an. Damit verbinde ich schöne Momente. Auch beruflich habe ich damit immer bei mir, was ich brauche. Es ist so ein bisschen mein technischer Freund, den ich ungern aus der Hand gebe.

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Ich hatte letzten Donnerstag eine Meniskusoperation. Drei Stunden nach dem Aufwachen hatte ich die erste Physiotherapie und vier Stunden nach dem Aufwachen bin ich den Gang entlanggegangen. Das war sensationell!

Negativstes: Ich bin am Mittwoch aufgewacht und habe festgestellt, dass über meinem Bett ein riesiger Wasserfleck war. Gott sei Dank war es kein Wasserrohrbruch, womit es relativ rasch auch wieder Entwarnung gegeben hat.

Berufswunsch als Kind

Kinderarzt

Wen wollten Sie immer schon einmal treffen?

Barack Obama

Teenie-Schwarm

Caroline von Monaco

Café während des Gesprächs

Caffè Latte

Ort des Interviews

Cisco WebEx
Aufgrund des zweiten seitens des Gesundheitsministeriums verhängten Lockdowns sowie weiterführender Sicherheits- und Präventionsmaßnahmen seitens der Firma Pfizer Corporation Austria wurde das Interview weder in einem Kaffeehaus geführt noch persönlich bei einem Coffee-to-go, sondern via Video-Call über ein System der Firma Cisco WebEx.