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Psychotherapeut Maximilian Ehn im Interview
Maximilian Ehn

Wiener Psychotherapeut

Gesellschaft
29.05.2020
Mag. Maximilian Ehn, MSc ist 1982 in Wien geboren und praktizierender Psychotherapeut. Seine thematischen Arbeitsschwerpunkte liegen unter anderem auf Angst, Panikattacken, Burnout, Beziehungen, Partnerschaft, Pubertät und Depression.

Manche Leute sagen ja, dass man Psychotherapie nur zur Ausbildung wählt, weil man selbst etwas zu überwinden hat. Ist da was dran?

Bei manchen ist das bestimmt der Fall. Ich habe beim ersten Studium in die Thematik »Therapie« hineingeschnuppert, und das hat mir ganz gut gefallen. Ich sehe mich nicht die ganze Zeit hinter einem Computer sitzen. Ich brauche den Kontakt zu Menschen und möchte sie gerne unterstützen.

Psychotherapeuten sind prinzipiell Fremde, die nur mit einem reden, weil man ihnen Geld gibt. Ich kann mich mit einem Freund unterhalten, der mich kennt, oder mit einem Fremden in einer Bar mitten in der Nacht. Warum soll ich mit einem Psychotherapeuten reden?

Man kann sehr vieles mit Freunden besprechen. Manche Themen sind aber auch Freunden zu viel. Wenn es zu lange darum geht. Wenn es ein permanentes Thema ist, das immer wiederkehrt. Schwer belastende Themen. Freunde sollen einen unterstützen, etwas durchzustehen, aber nicht Träger des Symptoms werden. Freunde sind ganz wichtig. Aber bei manchen Themen ist professionelle Hilfe wichtig, weil ich einen Blick von außen habe. Zum Beispiel in Beziehungsthemen steht mein bester Freund natürlich auf meiner Seite und nicht auf der Seite des Partners. Als Therapeut kann ich da ganz unvoreingenommen sein. Ich brauche keine Partei ergreifen.

Das braucht der Fremde in einem Club um drei Uhr in der Nacht bei einem gemütlichen Bier auch nicht.

Genau. Aber meist hat man um drei in der Nacht nicht nur ein oder zwei Bier, sondern schon mehrere. Dementsprechend lallt man da irgendeinen Wildfremden zu mit seinen Problemen. Die wildfremde Person gibt dann wahnsinnig kluge betrunkene Ideen zurück. Und am Schluss steht man betrunken mit diesen neuen Erkenntnissen da. Um drei in der Früh ist das dann vielleicht eine gute Idee. Ob das weitreichende positive Entwicklungen nimmt, diese Ideen zu verfolgen, sei dahingestellt.
»Ein Zahnrädchen, das klemmt, wieder ins Laufen zu bringen, kann einfach sein, muss es aber nicht«

Was sind – anonymisiert natürlich – die bisher schwierigsten, härtesten oder schlichtweg außergewöhnlichsten Fälle, mit denen Sie im Zuge Ihrer Tätigkeit konfrontiert waren?

Herausfordernd sind sicherlich Familienkonstrukte, wo das Kind geschickt wird und es eine riesige Familiendynamik gibt. Wenn das schon richtig eingefahren ist und stagniert und keiner mehr weiß, wie man irgendetwas verändern kann. Und dann kommen die, stülpen einem das »Problem« über und erwarten relativ schnell die ultimative Lösung mit therapeutischem Trick. Und so geht das halt nicht.  Das ist herausfordernd und spannend. Ein Zahnrädchen, das klemmt, wieder ins Laufen zu bringen, kann einfach sein, muss es aber nicht.

Ich vergleiche das gerne mit einem riesigen Knoten. Mit dem Gordischen Knoten. Nur dass halt sehr viele unterschiedliche Enden herausschauen. Und anders als Alexander der Große, der das Schwert gezogen hat, ziehe ich systematisch an einem Faden nach dem anderen und versuche, das gemeinsam zu ordnen. Ich arbeite gemeinsam mit den Klienten daran zu erkennen, was sie in diese Situation gebracht hat und wie sie einen Weg heraus finden können.

Ansonsten sind sicherlich Jugendliche, die im Zwangskontext  geschickt werden, eine Herausforderung. Die kommen auf Grund von Weisungen und verweigern entsprechend. Da ist der Beziehungsaufbau die Arbeit, damit sie wissen, ich bin nicht der Böse.

Kann man sich das vorstellen wie im Film »Good Will Hunting«? Matt Damon wird hier zu Robin Wiliams geschickt, schweigt ihn an, provoziert und ignoriert ihn, bis Robin Williams sich als Therapeut öffnet und beginnt, von seiner toten Frau zu sprechen.

Ja, zum Teil. Im Psychodrama nennt man diese Technik »Sharing«. Das gibt es schon. Man muss es schon aushalten, wenn man vorher abgewertet wird und alles blöd ist. Die Erfahrung zeigt, wenn man nicht wegbricht als stabile Person und sie verstehen, dass der Raum in der Praxis nur ihnen gehört, um sich frei zu äußern und zu schimpfen, dann funktioniert auch der Teil der therapeutischen Beziehung, der wichtig ist. Kann aber dauern.
Psychotherapeut Maximilian Ehn im Café Korb

Hatten Sie schon mal Angst vor einem Patienten?

Angst per se nicht. Aber einen gewissen Respekt.

Weil?

Da ging es um die Thematik, die behandelt hätte werden sollen. Da ging es allerdings weniger um das Behandlungsmodell, also um Therapie, sondern um eine Legitimation seine Fantasien auszuleben.

Die im rechtlichen oder im moralischen Sinne schwer oder verwerflich gewesen wären?

In jeglichem Sinne. Das war dann auch ein Fall, den ich nicht übernommen habe.

Sind Sie schon einmal bedroht worden?

Von Erwachsenen nicht. Und so direkt bedroht auch nicht oder mir wäre es zumindest nicht aufgefallen. Vielleicht eher entwertet im Gespräch.

Worauf wird man in der Ausbildung nicht vorbereitet?

Es gibt in der Ausbildung immer wieder Sachen, die einem erst nachher auffallen. Bei der Ausbildung denkt man zum Beispiel, man ist total d’accord. Da ich davor schon als Sozialpädagoge und auf der Psychiatrie gearbeitet habe, habe ich schon vieles gekannt.

Am wenigsten lernt man über die bürokratischen Hürden, die einen nach der Ausbildung erwarten.

Hat man als Psychotherapeut Laster?

Als Psychotherapeut ist man auch nur ein Mensch. Laster ist ein schwieriges Wort. Das kann vieles sein. Ich glaube, ich habe mittlerweile keine exzessiven Laster mehr. Ich bin mittlerweile verheiratet und habe zwei Kinder. Ich gehe gerne bis in der Früh tanzen. Vielleicht fahre ich auch zu schnell Motorrad.
»Man muss sich schon auch eingestehen, dass man vielleicht nicht immer für alle Themen offen und geeignet ist«

Wie oft denkt man sich in Ihrem Berufsstand: »Fuck … ich kann dir einfach nicht helfen!«? Und … wie oft sagt man es?

Habe ich mir so eigentlich noch nie gedacht. Ich habe mir schon mal gedacht: »Scheiße, wo soll das hinführen? Wo soll diese Reise hingehen? Wie kann ich denjenigen aus der Stagnation, die mich selber reizt, rausholen?« Ich sage schon manchmal, wenn gar nix weitergeht, dass wir stagnieren. Ich kann ja nur das bearbeiten, was kommt. Aber es ist nicht meine Aufgabe zu sagen: »So müssen wir das jetzt machen!« Sonst wäre ich Coach geworden. Meine Rolle ist schon in einem gewissen Grad zu helfen, aber doch mehr zu begleiten und zu unterstützen. Da bin ich dann schon ehrlich und sage: »Wenn Sie mir nix bringen, können Sie nicht rausgehen und sagen, der Herr Ehn hat mir gar nicht geholfen.« Manchmal hatte ich schon den Gedanken, dass das vielleicht eine etwas zu konfrontative Intervention war. Wenn es zu wild war, merkt man das meist aber unmittelbar.

Zu sagen, dass man nicht helfen kann, weiß man meist schon beim Erstgespräch. Da, wo ich vorhin gesagt habe, dass ich dann für die Thematik der falsche Therapeut bin. Man muss sich schon auch eingestehen, dass man vielleicht nicht immer für alle Themen offen und geeignet ist.

Ab wann ist man süchtig und bis wann ist man einfach nur sehr passioniert?

Ich glaube, süchtig ist man, wenn man nicht mehr aus eigenen Stücken aufhören kann. Also wenn ich zum Beispiel um neun in der Früh an einem Wochentag ein Bier aufmache, weil’s so schön ist und mir langweilig. Dann ist man in einer Suchtthematik. Alles, was man übermäßig viel betreibt, geht in eine gewisse Suchtthematik. Es gibt auch die Sport-Sucht. Wenn zum Beispiel jemand sagt, er muss jeden Tag 15 Kilometer laufen, weil der Tag sonst nicht begonnen werden kann. Prinzipiell ist das was recht Gesundes. Aber wenn jemand anderer drunter leidet, hat es etwas Zerstörerisches. Sucht und die permanenten Gedanken daran haben meistens etwas Zerstörerisches und Selbstzerstörerisches.

Beim Thema Sex kann es einem aber keiner übel nehmen, wenn man oft daran denkt und es gerne macht – sei es als Single oder in einer Partnerschaft.

Sex ist etwas total Schönes. Geht wohl jedem so. Aber wenn man es nicht schafft, eine Beziehung aufrecht zu erhalten, weil man es dreimal täglich braucht, die Partnerin aber zum Beispiel nur alle drei Tage, und sicherheitshalber geht man mal fremd, beginnt da wahrscheinlich die Problematik. Und wenn man dann vielleicht sogar beginnt, Sex einzufordern, nervt das vielleicht jemanden und zerstört die sexuelle Ambition. Oder wenn man Leute permanent und überall nur noch mit dem Gedanken kennenlernt: »Ma, wie wär das jetzt, mit dem oder der Sex zu haben?« Den Gedanken gibt es natürlich oft. Bei Männern und bei Frauen. Aber es gibt überall Grenzen.

Lieblings-

Buch: Superwurm (Julia Donaldson), Die Badewanne des Archimedes (Sven Ortoli, Nicolas Witowski), Gottes Werk und Teufels Beitrag (John Irving)
Film: Besser geht’s nicht, Clockwork Orange
Song: SOS (ABBA)
Schauspieler/in: Charlie Sheen, Adam Sandler
Motto: Nutze den Tag und mache eher Sachen, die dir Spaß machen anstatt dich nur zu blockieren.
Autor/in: Jussi Adler-Olson
Serie: Anger Management
Stadt: Wien
Land: Brasilien
Gericht: Entenbrust mit Rotkraut und Knödel   
Getränk: Weißer Spritzer

Persönliches Mitbringsel

Meine Mütze. Die ist eine Art Markenzeichen, aber dennoch etwas Privates. Die habe ich von meiner Schwiegermutter bekommen. Nachdem die Großmutter nicht mehr stricken kann, hat sie das übernommen.

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Richtig cool war, dass ich viel Zeit mit meinen Kindern hatte. Am Wochenende waren wir in Kärnten, und sie haben gesagt, sie finden’s ur schön, dass ich gerade so viel da bin. Das fand ich ur supa! Was natürlich auch schön war, war, als nach den Lockerungen der Ausgangssperren (Anm.: Corona) sich meine Klienten wieder gemeldet haben und meinten, sie wollen gerne wieder in die Praxis kommen.

Negativstes: Das schlimmste Erlebnis. Hm. Ich habe momentan das Glück, dass gar nicht so viele negative Sachen passieren. Das Schlimmste war, dass ein Freund von mir ein Kind bekommen hat und ich es nicht sehen durfte (Anm.: Corona). Das finde ich schon schlimm! Wir sind, seit wir 16 waren, eng befreundet, und jetzt hat er ein Kind und ich kenne es nur über Fotos. Das ist eher traurig.

Berufswunsch als Kind

Nach dem Kindergarten wollte ich direkt in Pension gehen, weil ich’s bei meiner Oma so toll fand. Ohne Umschweife über Schule und lernen. Dann wollte ich wahnsinnig gerne Tischler werden. Kunsttischler mit Einlegearbeiten. Dann ist mir gesagt worden, dass ich schwerer Allergiker bin. Staub und so.

Wen wollten Sie immer schon einmal treffen?

Als Therapeut könnte ich jetzt eigentlich »mich selbst« sagen. Ein Austausch mit Sigmund Freud oder Jakob Levy Moreno wäre sicherlich spannend.

Teenie-Schwarm

Das Auto K.I.T.T. von Knight Rider. Später war’s dann Baywatch.

Kaffeehaus-Bestellung

Soda-Zitron

Ort des Interviews

Café Korb
Das Café Korb ist eine Wiener Institution, nur wenige Gehminuten vom Stephansplatz entfernt. Inhaberin ist Susanne Widl, das vielleicht erste österreichische It-Girl. Und das, bevor es den Begriff überhaupt gab. Mit Auftritten am Wiener Opernball im Frack, Zusammenarbeiten mit Schauspielgrößen wie Burt Lancaster, Peter Falk sowie Peter Alexander und anrüchigen Werbespots für Mineralwasser wurde sie in den 80ern einem breiten Publikum bekannt. Bilder an den Wänden im Café Korb geben Einblicke in die Zeit ihrer extravaganten Auftritte. Die Liebe zur Inszenierung findet sich auch in der eine Etage tiefer liegenden Art-Lounge wieder. Hier finden regelmäßig Veranstaltungen statt – von klassischer Musik über Jazz, Literatur, Theater und Kabarett ist alles dabei. Und auch Diskussionsformate wie beispielsweise »Freud im Korb« finden regelmäßig statt.