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Kinderyogalehrerin Hanna Pessl auf rotem Sofa
Hanna Pessl

Kinderyogalehrerin aus Klosterneuburg

Leben
02.06.2020
Hanna Pessl. Pädagogin. Yogini. Mutter zweier Kinder. Geboren in der Steiermark. Wohnt in Klosterneuburg. Nachdem Hanna jahrelang in diversen Schulen in Wien gearbeitet hat, beschließt sie sich als Kinderyogalehrerin selbstständig zu machen und gründet Littleyogi.

Ich muss zugeben: Ich kenne mich mit Yoga 0 aus. Mit Kinderyoga erst recht nicht. Also habe ich ein bisschen recherchiert. Eines der ersten Bilder, die mir auf deinem Facebook-Auftritt aufgefallen sind, ist ein Kind mit Boxhandschuhen. Was hat das mit Yoga zu tun?

Also ich glaube, dass die Vorstellung von Yoga bei uns im Westen sehr eingeschränkt ist. Da geht es über das Körperliche und Shanti, also inneren Frieden, nicht hinaus. Da braucht man sich teilweise nur Yoga-Werbung ansehen. Da geht es sehr viel darum, in die Stille zu gehen. Und ich will eben zum einen provozieren und zum anderen mache ich Kinderyoga. Und da geht es nicht nur um Shanti. Kinder sind eben laut und wild und dreckig. Es sind einfach Kinder. Die sind kreativ. Das ist das Leben. Wir Erwachsenen denken uns: Uh, geht das jetzt, darf ich das und bla. Ein Kind macht einfach. Die scheißen einfach drauf. Egal ob es ankommt. Egal ob es Likes bekommt. Ein Kind macht einfach, weil das Leben aus ihm oder ihr heraussprudelt.
»Kinder sind laut, wild und dreckig«

Also, wenn Kinder beim Kinderyoga aggressiv sind und andere schlagen, weil es aus ihnen heraussprudelt, ist das okay.

Aggression ist ja an sich nichts Negatives. Aggression ist die Lebenskraft an sich. Hätten wir überhaupt keine Aggression in uns, würden wir nicht aus dem Bett kommen. Das, was man kennt, ist, dass Aggression schlecht ist. Dass Aggression zerstört. Was sie ja auch per se machen kann! Aggression ist im Yoga – und das ist jetzt wirklich ganz tiefes Yoga aus dem tantrischen Bereich – Shakti. Und Shakti ist Lebenskraft. Und wenn wir Shakti haben, aber auch natürlich mit einem Ratio »das geht und das geht aber nicht«, was das Erwachsenwerden ausmacht, dann ist Aggression die geilste Kraft der Welt. Und das den Kindern zu sagen: »Ja, ich sehe, du bist aggressiv, und das ist erlaubt, und das ist aber nicht erlaubt«, das ist meine Aufgabe. Als Mama, als Pädagogin und als Kinderyogalehrerin. »Ich sehe, du bist wütend, und ich kann das total nachvollziehen, weil so geht es mir auch manchmal. Und jetzt machen wir alle die Übung, weil die tut uns allen gut.« Und dann stampfen wir, oder wir schreien, oder wir brüllen, oder wir hauen gegen irgendeinen Boxsack. Und dann hat die geile Kraft einen Kanal bekommen und muss nicht irgendwo explodieren.

Und dann wird man wieder ruhiger.

Auf alle Fälle fährt die Aggression nicht mehr Schlitten mit einem. Das ist ja das, was passiert, wenn man keine Strategie hat. Bei Erwachsenen ist es dann so, dass sie es nach innen lenken und depressiv werden oder sie explodieren irgendwann. Im Büro oder an ihren Kindern. Sie kommen heim, haben den ganzen Tag funktioniert, und dann geht’s »bumm«. Und das ist mein Wunsch, dass ich kleinen Menschen zeige, wie man mit Emotionen umgeht, damit sie Handwerkszeug mitbekommen, um es an ihren Körpern ausagieren zu können.

Wenn man dann auf deiner Facebook-Site weiter runterscrollt, dann kommt ein Posting mit dem Titel »Ein Kotzball geht um die Welt«. Was ist damit gemeint?

Das ist eine Übung, wie du Energie, die sich irgendwo angestaut hat, wieder ins Fließen bringst. Das ist genau das, was Yoga machen will. Es kann ganz oft sein, dass du aufwachst und dich »bäh« fühlst. Vielleicht ist da auch Wut. Wir Erwachsene haben ganz oft gelernt durch Schule und Beruf, dass das nicht sein darf. Und dann speichert man das. Hält es zum Beispiel in den Schultern fest. Das macht man nicht bewusst. Das macht der Körper, weil es gerade die schlaueste Strategie ist, damit umzugehen. Und der Kotzball bringt die Energie wieder zurück in den Körper. Und dort beginnt er, sie zu schütteln. Vom Kopf über die Schultern über die Arme. Und was das Schütteln macht, ist, dass dich diese Anspannung wieder freilässt. So wie wenn man ein Gefäß schüttelt, wo etwas drinnen ist. Du bringst das dann alles in Schwingung. Alles in Bewegung. Und somit können sich Anspannungen wieder lösen. Und dann speibt man das Ganze wieder raus. Ich tu mir ein bisschen schwer, solche Übungen zu beschreiben. Da muss man mitmachen. Es gibt Videos von mir, da kann man sich das anschauen.

Wenn man Kinderyoga unterrichtet, hat man auch mit Eltern zu tun. Hand aufs Herz: Wer ist anstrengender – die Eltern oder die Kinder?

Hm. Wer ist anstrengender. Es ist anders zu arbeiten, wenn die Eltern dabei sind, weil die Dynamik eine andere ist. Das wird dann komplexer. Mit jedem Menschen, der dazukommt, mit jedem Ego, das dazukommt, wird es komplexer. Und immer wenn die Eltern dabei sind oder die Großeltern, dann kommt die Beziehung zwischen der Familie viel stärker durch. Zwischen Oma und Enkerl. Zwischen Mama und Kind. Das ist anders, als wenn die Kinder alleine bei mir sind. Und ich hab mit den Kindern meist nicht die Themen, die innerhalb der Familie Thema sind. Das heißt, in einer Familienyoga-Stunde kann es öfter mal passieren, dass Beziehungskonflikte gezeigt werden. Somit: Einfacher habe ich es mit den Kindern alleine. Und das schönste Arbeiten ist allerdings trotzdem mit den Familien, weil ich dann sehen kann, wo ich innerhalb der Familienbeziehungen unterstützen kann. Ganz oft kommen die alle gestresst am Freitagnachmittag und motzen miteinander. Ich kenne das ja selbst von meiner eigenen Familie, wenn man unter Zeitdruck ist. Eine Stunde Familienyoga macht einfach friedlicher.
Hanna Pessl im Interview

Sieht man das dann bei den eigenen Kindern auch so? Da steht man ja nicht außerhalb und schaut zu, sondern ist selbst emotional involviert.

Gelingt mir ehrlich gesagt nicht immer. Ich bemüh mich schon, dass ich das mit meinen eigenen Kindern auch lebe. Sie spiegeln mir das ja auch, wie es mir geht. Wenn sie sehen, dass ich gerade unter Druck bin, dann machen die einfach nicht mit und sind bockig. Und immer wenn es mir dann gelingt, in die Meta-Perspektive zu gehen und zu sagen: »Du, schau, Hanna, ich seh’ da gerade eine Mama, die komplett unter Zeitdruck ist und ihren Kindern irgendwas überstülpen will. Das kann das vierjährige Kind kognitiv einfach nicht verarbeiten.« Dann bin ich schon wieder entspannt und kann wieder in die Beziehungsebene hinein.

Stichwort »Boxhandschuhe«: Ist dir schon mal die »g’sunde Watschn« ausgekommen?

Nein. Die g’sunde Watschn ist mir zum Glück noch nie ausgekommen. Ich find’ die übrigens auch nicht g’sund. Aber natürlich gab’s Momente, in denen ich mit meinen eigenen Kindern an die Grenzen gekommen bin. Und da musste ich dann schon auch mal sagen: »Bitte bleibt mal kurz hier. Ich gehe jetzt ins Badezimmer und dresche jetzt mal kurz auf meine Meditationskissen ein. Ich komme gleich wieder, weil ich habe gerade einen fürchterlichen Zorn. Es liegt aber nicht an euch.« Ich finde, das Wichtigste in Beziehungen – egal ob mit kleinen oder großen Menschen – ist, dass man sich zeigt.

Egal wie?

Na ja, es ist schon ein Unterschied, ob man es an ihnen auslässt oder ob man ihnen zeigt, wie es einem geht. Bei Erwachsenen reicht da ganz oft zu sagen: »Ich bin wütend.« Da muss man mit niemandem schreien. Es reicht zu sagen, was gerade abgeht.

Das heißt Kinderyoga ist eigentlich kein klassisches Yoga sondern ein unkonventioneller spielerischer Austausch der Ehrlichkeit.

Schön gesagt. Ja. Wobei … was ist schon konventionelles Yoga? Das sind halt die Übungen, die bei uns im Westen angekommen sind. Das ist ein Bruchteil. Yoga an sich heißt: Verbindung. Das ist das, was mich anturnt. Da geht’s um Verbindung zu mir, meinen Emotionen, Menschen in meiner Umgebung, zur Natur. Verbindung schließt nix aus. Das heißt: Verbindung zu all den Anteilen in mir.

Heißt das, dass wir im Westen die Verbindung zu all dem verloren haben?

Das weiß ich nicht. Da Yoga aber schon so alt ist, gehe ich davon aus, dass Yoga so entwickelt wurde und nicht für die total reizüberfluteten Westler. Die gab’s damals noch nicht. Wir definieren uns halt stärker über unseren Körper als die Inder. Das trau ich mich schon zu behaupten.
»Yoga ist eine Sehnsucht unserer Zeit«

Wenn Yoga westlich geworden ist, ist Yoga vielleicht nur ein Trend unserer Zeit?

Ich habe das Gefühl, Yoga ist eine Sehnsucht unserer Zeit. Die Sehnsucht nach Verbindung. Weil wir alle so individuell geworden sind. Was eh geil ist. Aber jeder muss sich von irgendwas abgrenzen. Yoga zeigt: »Ja, du bist individuell UND verbunden mit allem« – und das will ich zeigen.

Sind Yoginis alle Gutmenschen?

Ich hoffe nicht! (lacht) Ich glaube, sie bemühen sich. Sie bemühen sich manchmal zu sehr und sehen dabei ihren Schatten ganz oft nicht. Das sind sie ja auch. Böse und schlecht und mit schlimmen Gedanken. Ich habe mit meiner Arbeit den Wunsch, dass ich sie wieder ganz mache. Nicht zu Gutmenschen. Zu Menschen.
»Pädagogisch zu reagieren ist ein fucking Konzept«

Du bist studierte Pädagogin. In welchen Situationen reagierst du überhaupt nicht pädagogisch. Wann haut’s dir, auf gut Wienerisch, »den Vogel auße«? Wann ist es vorbei mit »Einatmen, ausatmen, Namaste«?

Ich finde es ganz furchtbar, wenn man pädagogisch reagiert. Es ist dann immer ein Konzept. Ein fucking Konzept. Ich versuche immer, menschlich zu reagieren. Das Leben durch mich sprechen zu lassen. Ob das pädagogisch ist oder nicht … ich habe Werte, denen ich folge, und ich versuche dabei, menschlich zu reagieren und in Verbindung zu mir zu bleiben, was dann wieder Yoga ist. Mir haut’s den Vogel auße, wenn ich Ungerechtigkeit sehe. Wenn ich sehe, was Menschen mit dieser Erde machen. Was Menschen mit Menschen machen. Wenn ich das Gefühl habe, ohnmächtig zu sein.

Jeder meiner Interviewpartner kann ein persönliches Mitbringsel mitnehmen und darüber reden wir dann. Was hast du mitgenommen?

Ich habe drei Mitbringsel mit. Zum einen meine Eule, meinen Yoga-Assistenten. Der kommt immer zum Ende der Yoga-Stunde dran. Die Yoga-Eule ist fürchterlich schüchtern und soll den Kindern helfen, in die Stille zu kommen. Das geht dann am besten, wenn man es spielerisch macht. Die Eule kommt erst dann, wenn es ganz leise ist. Die hat nämlich ein gutes Gehör. Und wenn die Kinder noch herumquatschen und -kreischen, dann kommt die einfach nicht. Die setzt sich dann immer auf die Schulter von den Kindern und streichelt über das Kopferl und hilft ihnen dabei in die Entspannung zu kommen. Die Kinder stehen voll drauf und möchten sie dann auch immer streicheln.

Dann habe ich noch meinen Atem-Ball dabei. Der hilft mir dabei, Atmen anschaulich zu machen. Yogis sagen: »Konzentration kommt vor Meditation.« Das heißt, wann immer du dich auf etwas konzentrieren kannst, kannst du dich auch in Meditation versetzen. Mit dem Ball hast du dann sogar zwei Meditations-Objekte, nämlich die Atmung und die visuelle Konzentration. Das funktioniert immer. Das ist so mein magic trick. Beim Einatmen geht der Ball auf, beim Ausatmen zu. Dabei werden die Kinder ganz ruhig.

Und das dritte Mitbringsel ist mein Sprechstab. Das kommt eigentlich aus dem Schamanischen von den Indianern. Wann immer du den Sprechstab hast, schauen alle Augen auf dich und alle Ohren hören dir zu. Damit hast du die ganze Aufmerksamkeit. Der geht dann einmal am Anfang und einmal am Schluss im Kreis herum. Das hilft den Kindern, um zu zeigen, wer gerade dran ist. Außerdem trauen sie sich dann mehr zu sprechen, wenn sie was in der Hand haben, weil sie dann damit herumtun können. Die Aufmerksamkeit ist dann von dir selbst ein bisschen weg. Und manchmal kann ich den Sprechstab auch als Zauberstab verwenden. Dann verwandle ich dich in eine Hexe oder in einen Baum.
Hanna Pessl mit Stofftier, Atemball und Sprechstab

Welche Übungen kannst du zum Abschluss empfehlen?

Atmen. Einfach atmen. Bewusst atmen. Biologisch kommt damit Sauerstoff ins Hirn. Yogisch betrachtet, bringst du damit das Prana, also die Lebenskraft, wieder zum Fließen. Die Buddhisten sagen: »Du kannst nicht vorausatmen, du kannst nicht hinterheratmen.« Das heißt, wann auch immer du atmest, bist du im Moment.

Lieblings-

Buch: Die unendliche Geschichte (Michael Ende)
Film: Die Schöne und das Biest
Song: Drachen (Sarah Connor)
Schauspieler/in: Scarlett Johansson
Motto: Liebe!
Autor/in: Ken Wilber, Gerald Hüther, André Stern, Veit Lindau
Serie: Outlander
Stadt: Wien
Land: Italien
Gericht: Canh Chua (Vietnamesische Suppe)
Getränk: Matcha Latte

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Theater mit meinen Kindern hier im Dschungel (Anmerkung: Das Interview wurde vor dem Corona-Lockdown geführt)
Negativstes: Keine Ahnung

Berufswunsch als Kind

Tierärztin und Psychologin für Scheidungskinder

Wen wolltest du immer schon einmal treffen?

Jesus

Teenie-Schwarm

Leonardo DiCaprio

Kaffeehaus-Bestellung

Eistee und Belugalinsen-Salat

Ort des Interviews

Neben dem Café ist der Dschungel Wien vor allem ein Theaterhaus für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im siebenten Wiener Gemeindebezirk direkt im MuseumsQuartier. In unterschiedlichen Produktionen stehen Künstlerinnen und Künstler aus über 20 Nationen für ein Publikum von einem halben Jahr bis zwanzig Jahren auf der Bühne. Neben klassischen Theaterstücken gibt es außerdem die Möglichkeit, bei der Open Stage selbst auf der Bühne zu stehen, bei Poetry Slams mitzumachen oder sich im Zuge der Dschungel-Akademie, einer Lehrveranstaltung der Universität Wien, weiterzubilden. Weiters gibt es einen Pädagogikclub und eben das Café mit kulinarischen Köstlichkeiten. In diesem Sinne, frei nach Astrid Lindgren: Schau vorbei und sei frech und wild und wunderbar!

Kinderyoga am Morgen