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Im Gespräch mit Aussteiger Gangerl
 
       
       

Wolfgang »Gangerl« Clemens

Aussteiger

Leben
02.12.2025
Wollten Sie schon mal alles hinwerfen und hinter sich lassen? Den nervigen Job, die kalte Jahreszeit, falsche Freunde und bürokratische Sinnlosigkeit? Wolfgang Clemens – Spitzname »Gangerl« – hat genau das getan ... und zwar in einer Zeit, als es noch nicht als »chic« und »mutig« galt. Die meisten hielten ihn für einen Verrückten, als er 1988 mit seinem selbst gebauten Schiff Deutschland verließ und von da an durch die Weltmeere segelte. Die einen sehen ihn als Aussteiger – wie er auch im 2025 erschienenen Film »Ausgsting« gezeigt wird –, er selbst sieht sich als Entdecker auf der Suche nach den letzten Paradiesen dieser Erde. Ein Gespräch über Romantik und Realität während der Suche nach Unabhängigkeit.

Du bist in den 80ern nach einem Gefängnisaufenthalt in Griechenland nach Deutschland zurückgekehrt und hast dann beschlossen, mit deiner selbst gebauten Yacht »King of Bavaria« in See zu stechen. Anfänglich mit deiner Freundin und eurem Hund, ab 1992 dann alleine. Im Grunde hast du wie Hape Kerkeling gesagt: »Ich bin dann mal weg.«

(grinst) Na ja, da hat sich der Hape Kerkeling ein bissl leichter getan als ich damals. Ich habe an meinem Schiff insgesamt zwölf Jahre lang gebaut. Zwischendurch gab es viele Unterbrechungen wie den von dir erwähnten Gefängnisaufenthalt in Griechenland. Aber ich bin auch zweimal mit einem Drachen abgestürzt. Einmal war der Absturz 35 Meter tief. Der Grund: Ich habe mich nicht eingehängt und war nicht mit dem Drachen verbunden. Das zweite Mal waren es 25 Meter auf Lanzarote direkt in die Felsen hinein. Da bin ich dann bewusstlos auf einer Felsnarbe gelegen, wo es 500 Höhenmeter runterging. Auch beim Skifahren hatte ich schwere Unfälle und bin öfters im Krankenhaus gelandet. Daher ist mir mein Leben mehr oder weniger wurscht, ich hänge nicht dran. Betrübt bin ich aber auch nicht. Allerdings weiß ich, dass wir alle früher oder später sterben werden. Ich lasse einfach keine Angst aufkommen, weil sie mich hemmen würde. Ich sehe bei ängstlichen Menschen die Nachteile, die sie haben. Nach meinem ersten Drachenabsturz bin ich vier Monate im Krankenhaus gelegen. Das Erste, was ich nach meiner Entlassung gemacht habe: Ich bin sofort wieder Drachenfliegen gegangen, damit ja keine Angst aufkommt. Das ist meine Art, an mir zu arbeiten und mich selbst zu erforschen – was ist gut für mich, was ist schlecht für mich.

Was war der Anstoß, dein eigenes Schiff zu bauen?

Die deutsche Bürokratie! Ich hatte eine Kunstschmiede mit einer alten Toilettenanlage – einem Plumpsklo. Mir wurde auferlegt, das mit einer Kanalisation zu erneuern. Auch mein Hotel, das ich damals hatte, hätte ich umbauen müssen. All diese Auflagen sind mir auf den Keks gegangen. Ich lasse mich nicht steuern! Der leichtere Weg war, mir mein Schiff zu bauen und einfach abzuhauen.

Anfänglich warst du noch mit deiner damaligen Freundin unterwegs.

Ja. Ich war Turniertänzer für Rock 'n' Roll und Standard, und sie war dort bei den Aufführungen eine der Hauptpersonen. Ich wollte eigentlich alleine los als Einhandsegler, aber sie wollte unbedingt mit. Im Endeffekt war ich dann froh, dass sie dabei war. Sie konnte Englisch, ich nicht.

Mittlerweile ist die Verständigung aber kein Problem mehr.

Nein, überhaupt nicht. Ich spreche kein gutes Englisch, komme aber zurecht, weil ich perfekte Gestensprache beherrsche.
»Stinkefinger nach oben, euch zeig ich’s allen«

Du warst Unternehmer und hast viel Geld verdient. Davor allerdings warst du Kriegsflüchtling und arm.

Ich bin von Breslau nach Bayern gekommen. Es war klar, dass die Bayern die Preußen nicht mochten. Im ersten Monat unserer Ankunft unter widrigsten Bedingungen wie Frost und Hunger haben die meine Oma sterben lassen. Sie hätte ein Krankenhaus benötigt, aber nicht mal ein Krankentransport ist gekommen. Von dem Moment an habe ich die Bayern gehasst und habe einen Krieg gegen die Lehrerschaft geführt. Von denen bin ich dann geschlagen worden. Am schlimmsten war der katholische Pfarrer. Daraufhin bin ich in den Wald gelaufen und habe mich dort versteckt. Es ist vorgekommen, dass ich eine ganze Woche von der Polizei gesucht worden bin, wie ein Revolutionär. Später ist es dann bergauf gegangen, als ich das Handwerk zum Kunstschmied gelernt habe. Da bin ich erstmals in meinem Leben gelobt worden – mit guten Zeugnissen und einem guten Abschluss. Da dachte ich mir dann: Stinkefinger nach oben, euch zeig ich’s allen! (lacht) Diese Zeit von damals schlummert heute immer noch in mir.

Kommt die heutige Abneigung gegen Menschen und die zivilisatorische Gesellschaft von deinen Erfahrungen aus deiner Kindheit?

Mit Sicherheit! Ich bin später, als ich Geld verdient habe, ein richtiger Angeber geworden, habe teure und auffällige Autos gefahren wie beispielsweise Bugatti. Viele Leute hatten damals Neid mir gegenüber. Da sind die Deutschen wirklich die Schlimmsten auf der Welt mit ihrer Neidgesellschaft. Ich war in 134 Ländern dieser Erde und glaube daher, ganz gut mitsprechen zu können. (grinst)

Im Film »Ausgsting« sieht man dich mit einer Kamera auf einer Insel herumspazieren. Sinngemäß meintest du, dass man vieles fürs Ego macht und dass dein Schiff viel Geld benötigt. Du verwendest das Bild- und Filmmaterial für Vorträge. Es hat mich gewundert, dass das Ego nach so vielen Jahrzehnten auf hoher See anscheinend immer noch sehr stark präsent ist und man gesehen werden möchte. Und ich habe mich gefragt, wie sehr man ausgestiegen sein kann, wenn man immer wieder zurückkommt, Vorträge hält und Geld verdienen muss. Wie sehr kann man sich denn wirklich von all dem lösen?

Man braucht einen gewissen Mittelweg. Ich habe immer wieder sogenannte Aussteiger getroffen, die sich irgendwo festbeißen und für ein paar Jahre den Eremiten spielen. Aber irgendwann geben sie dann auf. Sich selbst zu ernähren durch Ackerbau und Viehzucht, ist kein einfacher Weg. Damit werden sie dann wieder zu Rudeltieren. Ich bin lieber alleine als unter Menschen. Es macht mir überhaupt nichts aus, alleine auf See zu sein. 42 Tage am Stück waren die längste durchgehende Zeit. Ein paar Monate aussteigen ist schon möglich, aber alleine festgesetzt auf einer Insel zu leben, würde ich niemals akzeptieren. Ich brauch mein Segelschiff, um immer wieder abhauen zu können.

Aber warum? Brauchst du doch ab und an Gesellschaft um dich herum? Oder willst du gesehen und geschätzt werden?

Das weniger. Wenn ich irgendwo durch die Länder ziehe, kann ich nicht erwarten, geschätzt zu werden. Im Gegenteil: Ich muss erwarten, dass man mich nicht mag, wenn ich in den Friedenskreis von indigenen Völkern eintrete. Sie switchen dann aber ganz schnell um, weil ich nicht aufdringlich bin. Ich schlage meine Zelte etwas weiter weg auf und warte, bis sie auf mich zukommen. Ich bin also nicht unterwegs, um gesehen zu werden. Aufgenommen habe ich alles, weil ich mir dachte: Wenn mich mal jemand vermarkten möchte, kann die Person das übernehmen und für mich machen. Anfänglich war ich zwölf Jahre unterwegs, ohne zurück nach Deutschland zu kommen. Zwölf Jahre habe ich mich von der Gesellschaft abgeseilt und niemand – außer meiner Kinder – wusste, wo ich bin. Also nach Publicity und Geld bin ich nicht süchtig. Zwölf Jahre lang hat damals das Geld gereicht. Dann habe ich gemerkt, dass ich etwas anbieten muss, und habe Leute mitgenommen. Die konnten mich chartern. Und so hab ich dann begonnen, mich zu vermarkten, unter anderem auch mit Südseefilmen. Die haben total eingeschlagen und ich dachte mir: Das ist ja so eigentlich ein ganz angenehmes Leben. Daher fahre ich weiter in der Weltgeschichte herum, einfach weil ich sehr neugierig bin.
Im Interview: Aussteiger Wolfgang »Gangerl« Clemens

Wenn man dich und dein Schiff chartert, wie genau funktioniert das?

Man darf mich nicht falsch einschätzen. Wer glaubt, ich wäre die MS Deutschland oder ein Entertainer, der die Leute unterhält, der braucht gar nicht zu mir kommen. Die liegen komplett falsch. Ich fahr euch herum und unterstütze euch auf der Reise, aber das war es auch schon.

Wie ist es alleine am Schiff, auch gesundheitlich? Du meintest vorhin, dass du aufgrund deiner Vergangenheit – mit diversen Drachenabstürzen und Skiunfällen – keine Angst hast. Dennoch kann man auch mal stürzen, Zahnschmerzen haben oder dergleichen. Wie geht man damit um? Du bist angeblich nicht mal versichert.

(grinst) Ich möchte vorwegnehmen: Ich bin versichert, wenn ich in Europa bin. Die AOK versichert nur europaweit. Draußen, außerhalb Europas auf See, bin ich nicht versichert. Dazu muss man wissen, dass mich früher mal ein deutscher Arzt komplett vermurkst hat, den ich dann verklagt habe. Gegen Ärzte ist es schwierig zu gewinnen. Dennoch hab ich gewonnen und einen schönen Batzen Geld bekommen. Zu der Erfahrung kommt, dass mir draußen, wenn ich unterwegs bin, sowieso niemand helfen kann, es sei denn, ich bin gerade in einer Stadt. Mir ist es schon passiert, dass ich das Dengue-Fieber hatte am Weg von den Philippinen nach Papua-Neuguinea. Auch Malaria hatte ich schon fünfmal. Ich bin zwei Wochen ohne Segel, mit hohem Fieber, einfach auf See herumgetrieben und dachte: Jetzt ist es so weit, ich sterbe. Ich habe mir alle mir verfügbaren Medikamente eingeworfen und es ist wieder geworden. Später hat es mich dann erneut erwischt, da war ich dann in einem Krankenhaus, das mich wieder aufgepäppelt hat. Die Krankenhäuser dort kann man aus eigener Tasche bezahlen. Letztens erst war ich in Thailand. Durch den vorhin erwähnten Ärztemurks muss ich Marcumar, also Blutverdünner, nehmen, und das muss von Ärzten kontrolliert werden. Währenddessen ist eine meiner Adern geplatzt. Ohne Hilfe wäre ich innerlich verblutet. Ich war dann 14 Tage im Krankenhaus. Sechs Tage davon war eine Krankenschwester Tag und Nacht an meinem Bett, um mir Bluttransfusionen zu geben und mich zu kontrollieren, da ich bewusstlos war. Dass die das hinbekommen haben, war ein glattes Wunder. Für die zwei Wochen im Krankenhaus habe ich 1.500 Euro gezahlt. Wenn ich da überlege, was ich vergleichsweise an monatlichen Krankenkassenraten zahlen müsste, könnte ich mir das gar nicht leisten.
»Wenn alle Entdecker dieser Erde gute Familienväter gewesen wären, hätten wir heute eine schwarze Erdkugel«

Du warst erst vor Kurzem in Deutschland unterwegs für Vorträge und Lesungen.

Ich bin nach wie vor Deutscher und bin meistens für drei bis vier Monate hier. Sobald es kalt und teuer in Deutschland wird, reise ich ab und bin wieder weg. Mein Schiff liegt aktuell in West-Papua-Neuguinea.

Im Sommer bist du also in Deutschland und im Winter auf deinem Schiff.

Nicht immer. Ich habe vor, nach Japan und dann von dort nach Alaska weiterzufahren. Da werde ich dann mal wieder zwei Jahre nicht nach Hause kommen.

Wie geht es deinen Kindern damit? Die haben dich wahrscheinlich nie anders kennengelernt.

Stimmt, haben sie nicht. Ich werde immer wieder dumm angeklagt, dass ich kein guter Familienvater wäre. Ich bin halt anders gewickelt. Wenn alle Entdecker dieser Erde gute Familienväter gewesen wären, hätten wir heute eine schwarze Erdkugel, die noch komplett unentdeckt ist. So sind Entdecker, Abenteurer und Reisende. Mein Bruder ist Kapitän und war früher auch monatelang nicht zu Hause. Wenn man beruflich unterwegs ist, ist es okay, wenn man in der Freizeit viel unterwegs ist, dann wird man angeklagt. Also ganz ehrlich: Die Gesellschaft ist einfach nur verlogen.
Talk mit Aussteiger Wolfgang »Gangerl« Clemens

Kommen wir kurz zu einer Szene im Film, bei der ich sehr lachen musste. Du bist ins Meer gesprungen und hast nachher, als du wieder an Bord warst, gesagt, dass das für dich Freiheit bedeutet: dich im Meer zu waschen, ins Meer zu pinkeln und zu kacken. Ein WC bedeutet für dich keine Freiheit. Für jeden bedeutet es etwas anderes, aber das war schon ein großartiges Bild – das Meer ist deine Dusche und dein WC.

Genau so ist es. So ist das bei mir am Schiff. Frauen tun sich damit manchmal ein bisschen schwer, aber ein Mann wird mir sicher nicht in mein Schiffsklo kacken. Zum Scheißen soll der ins Meer gehen.

Ist das eine Überwindung für die Leute oder machen die gerne mit?

Die machen gerne mit, auch wenn sie anfänglich vielleicht noch kurz ein Problem damit haben. Ich gebe ihnen dann folgenden Rat: Mach keine Schwimmbewegungen, sondern häng dich hinten ans Schiff dran. Mach keine Schwimmbewegungen, sondern konzentrier dich auf deinen Arsch.
»Das Gesetz der Meere sollte man kennen«

Hattest du kritische Situationen mit Meerestieren? Man sieht auf Social Media immer wieder mal Videos von Haiangriffen, wenn Menschen vom Schiff ins offene Meer springen. Oder plötzlich taucht ein Wal auf.

Solche Sachen werden logischerweise dramatisiert. Ich kann mich aber schon erinnern, dass ich auf den Malediven mal eine Situation hatte, in der es eskaliert ist, als ein Tauchlehrer Haie gefüttert hat. Die sind in den Fressrausch gekommen. Wenn man wilde Tiere füttert, muss man halt damit rechnen. Oder auch wenn man harpuniert und ein Fisch zappelt. Haie oder Barrakudas werden dadurch sofort angelockt. Es sind Jäger und die reagieren auf Ultraschall, der dann ausgesendet wird. Auch wenn man Fische füttert und die in einen Fressrausch kommen, kann es passieren, dass du auf einmal mehrere Haie um dich hast. Das Gesetz der Meere sollte man schon ein wenig kennen. Ein normaler Taucher wird niemals von einem Hai angegriffen werden. Ein Schwimmer mit leuchtenden gelben Flossen wird ein Jagdtier erregen. Meine Freundin ist in gelben Flossen von einem Barrakuda gebissen worden.

Gibt es Erlebnisse, die dir seit dem Start deiner Reise im Jahr 1988 speziell in Erinnerung geblieben sind?

Einmal bin ich in den größten Sturm des vergangenen Jahrhunderts gekommen, Zyklon »Polly«. Der hatte 80 Knoten Geschwindigkeit, was rund 150 Kilometer pro Stunde entspricht, und 20 Meter hohe Wellen. Ich war im Cockpit schwer verletzt angeschnallt und immer wieder ist viel Wasser aufs Schiff gekommen. Damals habe ich auf den Tod gewartet, der, Gott sei Dank, nicht eingetreten ist.

Ein anderes Highlight waren die Abu-Sayyaf-Piraten in der Sulusee. Ein Freund von mir wurde von ihnen entführt. Da er bereits davor von Somali-Banditen entführt worden war und der deutsche Staat ihn damals freigekauft hatte, ging das nicht nochmals gut. Vier Monate später haben sie ihn vor laufenden Kameras geköpft. Da ich auch Kontakt zu den Piraten hatte, sind sie einmal in der Nacht auf mein Schiff gekommen. Durch einen Alarm bin ich aufmerksam darauf geworden. Die zwei hatten Kalaschnikows und sind in die Hauptkabine. Sie waren mit dem Rücken zu mir und ich habe geschossen. Einer war sofort tot, der andere ist am Bauch gelegen und hat gewinselt. Als ich ihn umgedreht habe, hat er mir mit einem Messer den gesamten linken Unterarm aufgeschnitten. Ich habe ihm dann mit einem Knüppel auf den Kopf geschlagen und ihn ins Wasser gerollt. Danach bin ich sofort nach Borneo ins Spital und bin dort genäht worden. Die Narbe sieht man heute noch.

Eine andere Geschichte ist, als ich bei Kapstadt angelegt habe und auf dem Landweg mit dem Rucksack zwei Jahre lang durch 30 Länder bis nach Deutschland gewandert bin. Es gibt so viele Geschichten, dass ich ewig weiterreden könnte. Einmal bin ich meinem Schiff stundenlang nachgeschwommen, weil es nach einem Tauchgang abgetrieben ist. Nur durch eine Winddrehung, die es zu mir getrieben hat, konnte ich wieder an Bord gehen.

Du scheinst dem Tod schon öfter von der Schippe gesprungen zu sein als viele andere. Dein Freund wurde geköpft. Du hast zwei dieser Piraten umgebracht. Wie war das für dich?

Die Frage bekomme ich oft und es ist die dümmste Frage überhaupt. Es ging um Selbstverteidigung – die oder ich! Ich wusste Bescheid, dass das eine ganz gefährliche Truppe ist. Das ZDF hat einen dieser Piraten in Gefangenschaft interviewt, und der hat damals freudestrahlend erzählt, dass er schon über 40 Menschen umgebracht hat. Das war eine Mörderbande und mittlerweile ist dieses Piratennest ausgeräuchert worden. Daher habe ich nicht im Geringsten gezögert. Die anderen, die noch auf ihrem eigenen Boot waren, sind dann abgehaut.
»Ich bin mindestens schon 20-mal überfallen worden«

Hast du immer eine Waffe bei dir am Boot?

Ja, ich habe eine Pumpgun und einen Smith-&-Wesson-Revolver an Bord. Gaspistolen hatte ich auch.

Das heißt: Wenn man so lange wie du unterwegs ist, sollte man mit Messern und Pistolen bewaffnet sein, um sich selbst verteidigen zu können.

Das ist eine gespaltene Frage. Generell wird man als deutscher Segler dazu angehalten, keine Waffen zu führen. Man muss allerdings schon sagen, dass eine Selbstverteidigung zu 90 Prozent nicht funktionieren würde, weil andere da draußen hochbewaffnet sind. Bei den Piraten hatte ich ehrlicherweise leichtes Spiel, weil die in die Hauptkabine sind und mit dem Rücken zu mir standen. Augen in Auge wird man nie eine Chance haben. Daher sollte jedem Menschen freigestellt sein, wie man sich ausrüstet. Es sind viele Banditen unterwegs. Ich bin mindestens schon 20-mal überfallen worden. Durch Diebe, Einbrüche und Überfälle habe ich sicherlich schon deutlich über 20.000 Euro verloren. Auch Deutsche haben mich schon beschissen. Die sind zu Hause nix geworden, gehen dann ins Ausland. Auch dort schaffen sie nix. Und was passiert dann? Dann gehen sie halt auf ihre Stammesbrüder los. Das ist mir auch schon viermal passiert.

Da verliert man doch den Glauben an die Menschheit. In deinem Fall sogar schon in der Kindheit. Kannst du überhaupt noch jemandem trauen?

Ich falle immer wieder auf die Schnauze. Ich sperre nicht mal ab, weil ich nicht zulasse, dass ich mich negativ belaste. Das ist Argwohn. Ich lebe leichter, werde aber auch leichter überfallen, mit meinem unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen. Sobald ich wieder auf die Schnauze falle, bin ich eine zeitlang wieder wach. Und irgendwann passiert es wieder. Ich kann es einfach nicht glauben, dass Menschen so schlecht sein können. Ich lasse es nicht zu, dass ich ein argwöhnischer Mensch werde, der niemanden an sich ranlässt. Jedem nur mit Misstrauen zu begegnen, hat etwas extrem Nachteiliges. Wenn ich schon im Vorhinein in jedem nur das Schlechte sehe, kann nix Gutes zwischen zwei Menschen entstehen und aufgebaut werden, daher sehe ich immer nur das Gute. Da draußen überwiegt das Gute permanent, weil ich von der Herzlichkeit und Menschlichkeit von armen Menschen überrascht werde. Die unterstütze ich dann auch mit Einzahlungen bei Hilfsorganisationen. Auch ein Dach auf einer Schule habe ich schon gebaut. Wenn ich freundlich auf die Leute zugehe, werde ich immer belohnt. Natürlich ist es auch schon passiert, dass mir ein Einheimischer meinen Außenborder geklaut hat. Jo, meine Güte. Der sieht, dass ich reich bin, mit meiner Yacht. Würde man das selbst nicht auch tun an seiner Stelle? Wahrscheinlich schon. Den klage ich nicht an. Was ich anklage: die Zivilisation, wo sich die Leute gegenseitig untereinander bescheißen. Das toleriere ich nicht.
Talk mit Aussteiger Wolfgang »Gangerl« Clemens

Waren die beiden Piraten die einzigen Menschen, die du umgebracht hast?

Ja, logisch! Ich erzähle das ja nur, weil es ein Highlight war. Außerdem möchte ich wissen, wie Menschen darauf reagieren. Viele fragen dann, ob ich nach so einer Tat überhaupt noch schlafen kann. Ob ich noch schlafen kann, wenn ich einen Menschen umgebracht habe. Nach so einer Frage habe ich den schon analysiert und weiß, dass ich mich mit dem Depp nicht weiter unterhalten möchte. Die Frage hat überhaupt nichts Logisches, sondern ist ganz glatte Dummheit! Wenn ich mein Leben nicht verteidigen darf, bin ich doch ein Idiot, oder nicht?!

Ja.

Na eben! In dem Fall hat es sich sogar um eine Gangstertruppe gehandelt, die die ganze Welt in Atem gehalten hat. Vier Jahre nach meiner Erfahrung mit denen sind sie in die Schlagzeilen gekommen, wegen der Familie Wallert, die sie entführt haben.

Das, was du angesprochen hast bezüglich Selbstverteidigung und des Wissens, welche Ausrüstung man dabei haben sollte, hat auch etwas mit Freiheit zu tun. Freiheit ist der Wille zur Selbstverantwortung und die Abwesenheit von Zwang. Aktive und passive Freiheit. Nicht: Alle anderen entscheiden für mich, und wenn was passiert, ist es deren Verantwortung.

Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen! Ich lasse mich nicht bevormunden von Leuten, die geistig klüger sind als ich, weil sie studiert haben, aber menschliche Halbkrüppel sind. In der Politik sind so viele Deppen unterwegs, die nicht den geringsten Menschenverstand haben. Ich kann das. Egal bei welchen Stämmen ich unterwegs bin, werde ich aufgenommen, weil die spüren, dass ich ehrlich bin. Politiker sind nicht ehrlich, nicht mal zu sich selbst. Warum sollte ich mich von dieser verkommenen Gesellschaft, die die Zivilisation in meinen Augen ist, belehren lassen? Nach deren Richtlinien soll ich handeln? Wenn ich mich hier aufhalte, dann mach ich das, weil ich ein gesetzestreuer Mensch bin, aber da draußen habe ich meine große Freiheit. Genau deswegen fahre ich immer noch alleine um die Welt, weil ich im Großen und Ganzen das machen kann, was ich möchte. Ich bin ein Menschenstudierer und in anderen Teilen der Welt ist die Menschheit noch unverdorben.
»In anderen Teilen der Welt ist die Menschheit noch unverdorben«

Wenn du auf die heutige Welt blickst im Vergleich zur Welt damals, als du aufgebrochen bist: Was hat sich verändert?

Vieles. Der Tourismus ist viel schlimmer geworden. Ich war bei den Turm- und Lianenspringern von Vanuatu auf der Insel Pentecost. Ein bekannter Reiseveranstalter hat das mitbekommen und dadurch das moderne Bungee-Jumping davon abgeleitet. In die Berge dorthin wären niemals Touristen hingekommen. Was ist dann passiert? Ein Kreuzfahrtschiff nach dem anderen hält an, und am Strand springen sie dann alle und schauen zu. Massentourismus ist die blanke Kotze! Woanders, wo ich eigentlich meinen Lebensabend verbringen wollte, wurde ein Flugplatz hingebaut. Ich hasse es!

Du hast jetzt deinen Lebensabend angesprochen. Am 4. Dezember wirst du 84 Jahre alt. Sowohl körperlich als auch geistig wirkst du komplett fit. Allerdings hast du bereits einen Plan, wie es ab einem gewissen Punkt, wenn du nicht mehr so fit bist, weitergehen soll.

Ja, richtig! Und das werde ich auch so durchziehen. Ich habe so viele arme Leute mitbekommen auf den vielen Inseln. Überall gibt es eine Frau, die ihren Mann, der Fischer war, verloren hat und nun mit ihren Kindern in Notlage ist und schauen muss, wie sie die Familie ernährt. Wenn ich der Frau im Monat 300 Euro gebe, wird sie ihre Hand schützend über mich halten. Diese Variante ist deutlich besser, als in Deutschland in irgendein Altersheim zu gehen.

Du meintest einmal, dass du, solltest du fix nach Deutschland zurückgehen, innerhalb von ein paar Monaten tot wärest.

Glaube ich schon, ja. Aber weißt du, was mich ehrlicherweise aufgeilt? Wenn ich Vorträge halte, sind die total positiv und stürmisch, was mir und auch ihnen Hoffnung gibt. Man sollte sich viel mehr auf sich selbst konzentrieren und nicht alles glauben, was einem die Politik erzählt.

Man liest und hört immer wieder von Menschen, die sich am Lebensende befinden, was sie im Rückblick am meisten bereuen und mit dem Wissen von heute anders machen würden. Oft kommt dann, dass sie weniger arbeiten hätten sollen. Was ist es bei dir?

Ich habe alles richtig gemacht. Nichts würde ich anders machen, da ich alles so durchgezogen habe, wie ich es mir eingebildet habe. Das, was du gerade angesprochen hast, ist, dass viele Menschen weniger arbeiten wollen, vor allem in Deutschland. Aber wofür ist der Mensch geschaffen? Zum Arbeiten, nicht zum Faulenzen! Ich habe mein ganzes Leben wie ein Verrückter gearbeitet. Ich hatte drei Jobs – mein Hotel, meine Kunstschmiede und den Bau meines Schiffs. Zu der Zeit habe ich jeden Tag 17 bis 18 Stunden gearbeitet. Auch wenn ich jetzt unterwegs bin als Einhandsegler, habe ich oft nur einen Sekundenschlaf, wenn viele Schiffe unterwegs sind. Aber in Deutschland regen sich die Leute auf, wenn sie nicht acht Stunden durchschlafen, und mokieren sich darüber, wie schlecht sie nicht geschlafen haben. Das sind alles solche Weicheier! Fürchterliche Weicheier.

Wenn jemand sagt, du bist ein Lebenskünstler, wie siehst du das?

Da gebe ich der Person recht. Ich kann das Schlechte auskapseln. Auch wenn ich es erlebe, werde ich nicht dran hängen bleiben. Die Leute erzählen dann andauernd, was ihnen nicht Schlechtes passiert ist und wie schlecht es ihnen geht. Ich sage den Leuten lieber, wie gut es mir geht. Alles Negative verdränge ich aus meinem Kopf.
»Das Schlimme sind unsere Faulheit und unsere Weicheier-Mentalität«

Letztes Jahr ist ein früherer Nachbar von mir 100-jährig verstorben. Nach dem Krieg ist er nach Kanada ausgewandert und er ist seinem Leben sehr viel gereist. Auch mit Mitte 70 hat er noch einen dreiwöchigen Trip durch den Yosemite-Nationalpark gemacht. Er war in jungen Jahren Gletscherskifahren mit dem Helikopter und im hohen Alter noch Tiefschneefahren in den Schweizer Alpen. Einmal ist er in Australien oder in den Everglades ins Wasser zu Krokodilen gefallen. Er hat viel erlebt. Einer seiner Lieblingssätze war: Egal wohin du reist, auf der Welt ist es am schönsten.

Ein total gescheiter Mensch! Wir Deutschen wissen gar nicht, in welchem Paradies wir leben. Weißt du, wann mich die Weißglut packt? Vor Jahren war eine Klimakonferenz in Indonesien. Das ist diesbezüglich eines der schlimmsten Länder der Welt, weil die Wasserflaschen aus Plastik ins Wasser geworfen werden. Die Regierung verbannt das nicht, aber auf der Klimakonferenz wird groß geredet. Alles erbärmliche Lügner! In Wirklichkeit sind wir nahe am Abgrund, aber wirklich dagegengesteuert wird nicht. Es wird nur gelabert und blöd gequatscht.

Bist du froh, schon solch ein hohes Alter erreicht zu haben?

Nein, bin ich gar nicht. Ich würde gerne ewig leben, weil ich es liebe, da draußen herumzureisen, und es mag, unter einfachen Menschen zu sein. Mit 84 bin ich aber noch ziemlich jung. Mein Opa ist 102 Jahre alt geworden. Der hatte die gleiche Mentalität wie ich. Mit 99 ist der noch Fahrrad gefahren. Als er gestürzt ist, hat er es bleiben lassen. Mit 100 hat er auf seiner Jubiläumsfeier mit 20 Frauen getanzt. Das zeigt: Alles ist Kopfsache. Das Schlimme, was unsere Krankenkassen belastet, sind unsere Faulheit und unsere Weicheier-Mentalität. Diese Sensibilität, nur nicht zu viel zu machen, weil uns das schadet. Das Gegenteil ist der Fall: Die, die viel arbeiten, bleiben gesund und werden ziemlich alt werden. Das ist meine Einschätzung.

Vorausgesetzt, man macht das, was einem Spaß macht und wo die Leidenschaft drinsteckt. Du hattest schließlich dein eigenes Unternehmen und bist auch jetzt dein eigener Herr. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt.

Ganz genau! Ich habe mich daher auch von meinem Manager getrennt. Der ist 40 und hat alle Eigenschaften der Jugend – unzuverlässig, nicht pünktlich und faul. Mit solchen Leuten kann ich nicht arbeiten. Ich mache jetzt alles selber, auch bei meinen Vorträgen. Ich sitz an der Kasse, hänge die Plakate auf, betreibe Social Media und stimme mich auch mit der Presse ab. Dann weiß ich, dass es gut und nicht versaut wird.

Welchen Tipp kannst du Menschen geben, die immer wieder hinterfragen, ob das, was sie im Leben machen, alles sein kann?

Nach einem Vortrag letztens ist ein jugendlicher Mann vor mir gestanden und meinte, ich solle sein Mentor werden, weil er nicht mehr weiter weiß. Ich hab ihm geantwortet, dass ich kein Sozialpädagoge bin und ihm nicht helfen kann. Er muss sich jeden Tag selbst in den Arsch treten. Wenn du in der Früh müde bist, dann tritt dir gefälligst selbst in den Arsch und steh auf! Schau halt, dass es funktioniert. Pessimistisch sein und sich mit negativen Gedanken aufhalten bringt überhaupt nichts. Man muss die Sachen positiv betrachten. Ich schulde dem deutschen Staat keinen Cent und bin nicht einmal in meinem Leben stempeln gegangen. Wenn ich einmal pleitegehen sollte, würde ich Tote ausziehen und waschen. Sogar Scheißhäusel würde ich putzen! Die Leute sind alle viel zu bequem. Steigt mal alle von eurem hohen Ross runter und fangt an zu arbeiten und hört auf mit dem Faulenzen! Alle suchen andauernd Hilfe beim Psychiater, dabei sollten sie ihr eigener Psychiater sein: rausgehen in die Natur und den Vögeln beim Fliegen zuschauen. Die Leute sind blind und sehen das gar nicht mehr. Wenn ich höre, dass Leute im Urlaub zur Erholung nach Mallorca zum Ballermann fahren, dann wundert es mich nicht, dass die kränker nach Hause kommen, als sie hingefahren sind. Da bin ich zu 100 Prozent davon überzeugt.

Lieblings-

Buch: Ich bin kein Buchleser. In jungen Jahren mochte ich Abenteuerbücher wie zum Beispiel »Winnetou«. Später habe ich dann die grausigen Geschichten des Krieges gelesen, weil uns das früher alles verschwiegen wurde.
Film: Am liebsten Naturdokumentationen, denn mit Menschen habe ich bisschen ein Problem.
Song: Bis zu Abba kann man mich begeistern, aber alles, was danach kommt, wie der moderne Hip-Hop und all das Geschrei, verstehe ich nicht.
Schauspieler/in: Charles Bronson, Sophia Loren
Motto: Die Bescheidenheit des Menschen.
Autor/in: Spezielle Menschen wie der Dalai Lama.
Serie: Denver Clan
Stadt: Sydney
Land: Pazifik-Atolle ohne Flugplätze und ohne Touristen.
Gericht: Gibt es nicht.
Getränk: Gibt es nicht.

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Ich habe einen Vortrag gehalten, der Saal war komplett voll und es gab Standing Ovations! Denen dürfte es total gefallen haben. Vorab wurde das Publikum vor meiner politisch unkorrekten Lebensweise und Ausdrücken gewarnt. Aber dann gab es keinen einzigen Shitstorm, die haben gejubelt, sind danach teilweise auf die Bühne und haben sich gefreut, dass sie ehrlich behandelt wurden.

Negativstes: Auseinandersetzungen mit meinem Manager. Der ist leider nicht mehr zu gebrauchen. Wenn ich nur an den denke, kocht alles hoch bei mir. Seit mehreren Jahren ist das ein Auf und Ab mit dem. Es gibt ein neues Buch von mir, aber bisher ist es nicht veröffentlicht.

Persönliches Mitbringsel

Ich habe die Häuptlingswürde von Sir Wamp Wan erhalten. Das war ein Kannibale im Hochland von Papua-Neuguinea. Er hat den Kannibalismus dort eingestellt und wurde 1975 von Queen Elizabeth geadelt. Und er hat mir seine Häuptlingswürde gegeben.

Berufswunsch als Kind

Abenteurer wie Old Shatterhand. Schon als Kind hatte ich Messer und war damit im Wald, habe mir Höhlen und Baumhäuser gebaut. Ich war damals schon lieber in der Natur als unter Menschen. Die Erwachsenen haben mich geschlagen, deswegen habe ich mich gerne versteckt.

Wen wolltest du immer schon einmal treffen?

Den Dalai Lama und den König von Tonga. Ein Freund von mir, Politiker, hat das mit dem König arrangiert. Beim Dalai Lama habe ich sogar eine Audienz bekommen, allerdings war er dann zu der Zeit, als ich dort war, gerade auf Besuch in England.

Teenie-Schwarm

Als Kind war das Pippi Langstrumpf. Sie war ein Revolutionär wie Huckleberry Finn. Die haben mich immer begeistert.

Ort des Interviews

Online via MS-Teams
Es ist das erste Mal seit Langem – seit der Lockdowns während der Pandemie –, dass ein Talkaccino-Interview online statt im Café stattgefunden hat. Der Grund: Gangerl ist aktuell in Deutschland und bald wieder auf hoher See. Und trotz des geografischen Abstands zwischen Wien und Lübeck war es ein offenes und ehrliches Gespräch voller Menschlichkeit im positivsten Sinn. Da kann man nur sagen: Oh, Captain, my Captain, Schiff ahoi!