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Uhrmachermeister Levan Martiashvili im Gespräch
Levan Martiashvili

Uhrmachermeister

Gesellschaft
09.12.2020
Levan Martiashvili ist gebürtiger Georgier und Uhrmachermeister in Wien. In seinem Atelier am Alsergrund repariert und restauriert er nicht nur alte Uhren, sondern fertigt auch Unikate nach Kundenwünschen an. Sein Credo: sich Zeit nehmen für seine Kunden, ihre Uhren und deren Geschichten.

Du bist Uhrmachermeister und hast dich unter anderem auf Vintage-Uhren spezialisiert. Was war die teuerste Uhr, die du jemals in Händen gehalten hast?

Das war eine Blancpain Léman Tourbillon bei der Uhrenmesse in Basel im Jahr 2013 oder 2014. Es handelt sich um eine meiner Lieblingsmarken – traditionell, mit viel Geschichte und einem der ältesten Manufakturwerke. Uns wurden Uhrneuheiten präsentiert, und da ich denjenigen, der die Uhren präsentierte, gekannt habe, meinte er, dass ich die Uhr kurz in Händen halten darf. Der Wert: fast zwei Millionen Euro.

Zwei Millionen Euro!!!

Ja, zwei Millionen Euro. Die Uhr hatte zwei oder drei Zeiger, war voll besetzt mit Diamanten und hatte ein Tourbillon aus Platin, was das Coolste war. Das war die teuerste Uhr, die ich je in Händen gehalten habe. 

Eine der teuersten Uhren, die ich jemals repariert habe, war aus dem Jahr 1920 – eine Monopusher, ein sehr alter Chronograph. Eine andere war eine modernere, eine Logical One. Die haben einen Wert von 40.000 oder 50.000 Euro.

Aber was ist teuer, wie definiert man »teuer«? Wenn man es heute in Geld messen will, sind es Uhren von Rolex, Audemars Piguet, Patek Philippe und Vacheron Constantin. Dann kommen die anderen. Wenn ich mir heute eine Rolex um 9.800 Euro Listenpreis kaufe, kostet sie beim Verlassen des Geschäfts sofort 3.000 bis 4.000 Euro mehr. Das ist teuer! 
»Uhren sind nicht nur Zeitmesser, sie zeigen unseren Charakter«

In Krisenzeiten haben alternative Wertanlagen immer Hochkonjunktur – so aktuell auch Luxusuhren. Uhren sind damit nicht nur Zeitmesser oder Schmuckstücke, sondern eben auch Wertanlage oder gar Investitionsgut. Was ist deine Meinung dazu?

Uhren waren immer Spielzeuge für Männer. Vor 200 Jahren hatten nur die Reichen Uhren. Mein Uhrmachermeister hat mir Folgendes erzählt: »Stell dir das Szenario vor, dass es in der Schweiz ein Dorf gegeben hat, in dem es eine Kirche gegeben hat mit einer Uhr. Stell dir vor, dass diese Uhr vor 200 Jahren nur einen Zeiger hatte und rein die Stunden angezeigt hat. Diese Uhr hat zu Mittag geläutet. Rundherum waren der Bäcker, der Schuster, der Schmied und der Uhrmacher. Zu Mittag sind alle im Zentrum zusammengekommen oder nach Hause gegangen, um zu essen und Pause zu machen. Manche sind allerdings zur Kirche gegangen, haben ihre Taschenuhren eingestellt und sich gegenseitig gezeigt, was die Uhren können. Die eine hatte ein Goldgehäuse, die andere hatte ihr Glas frisch vom Uhrmacher poliert bekommen, die nächste hatte ein schöneres Zifferblatt und wieder eine andere einen blauen Zeiger.«

Diese Geschichte zeigt, dass Uhren immer komplizierter wurden, und meistens hatten nur reiche Männer solche Uhren. Ein Spielzeug zum Herzeigen und Vergleichen. Und das ist nach wie vor so. Weil, was machen wir? Die Uhren werden auf Uhrmessen präsentiert und danach präsentieren wir uns mit diesen Uhren. Sie sind nicht nur Zeitmesser, sie zeigen unseren Charakter. Und natürlich sind sie auch Geldanlage – gewisse Uhren von gewissen Marken. 

Worauf ist zu achten, wenn man sich eine Uhr als Geldanlage kaufen möchte?

Zwei wichtige Punkte sind: Die Uhr braucht Geschichte und die Geschichte der Uhr muss authentisch sein. Und auch die Marken müssen ein Geschichte haben. Beispiele dafür sind die Omega Speedmaster Moonwatch oder die James-Bond-Uhr. Patek Philippe, Rolex und Omega haben unglaubliche Geschichten. Und wenn die Uhren von solchen Marken dann noch technisch fortgeschritten sind, sind sie eine Geldanlage und sehr wertvoll.

Präzisions- und Luxusuhren haben ihren Ursprung traditionellerweise in der Schweiz. Ist diese Denkweise mittlerweile überholt oder nach wie vor gültig?

Die Schweizer Uhrenindustrie hatte zur Zeit des Quartzbooms in den 60ern eine Krise. Nicolas Hayek, Gründer der Swatch Group, hat die Schweizer Uhrenindustrie sicherlich gerettet. Sein Markenzeichen war, vier Uhren zu tragen. »Swiss Made« ist nach wie vor ein Begriff, auch wenn es einige Firmen mittlerweile nicht mehr gibt. Aber: Die Starken – Blancpain, Patek Philippe, Rolex – haben trotzdem überlebt. Das ist Tatsache und in keinster Weise überholt. Ich persönlich bin Fan von Schweizer Uhren. Schweizer Uhren sind sehr logisch gedachte Uhren. Japanische Uhren sind auch gute und fortgeschrittene Uhren, allerdings auch sehr kompliziert.
Levan Martiashvili im Interview

Gustav Mahler soll einst gesagt haben: »Wenn irgendwann einmal die Welt untergehen sollte, ziehe ich nach Wien, denn dort passiert alles fünfzig Jahre später.« Gemäß diesem Satz: Haben die Schweizer die Uhren und die Österreicher die Zeit?

Ich würde sagen, dass die Deutschen pünktlich sind und die Österreicher deutlich gelassener und gemütlicher. Daher haben wahrscheinlich die Deutschen die Zeit, weil sie punktgenau sind. In Georgien ist es wieder zu viel an Gelassenheit. Wenn dort gesagt wird, dass jemand kurz nach fünf Uhr kommt, ist die Person kurz vor sechs da. Das ist typisch für Georgien.
»Je präziser wir mit der Zeit werden, desto mehr verstehen wir, dass es unmöglich ist, sie zu messen«

Als Uhrmacher hat man meist mit der absoluten Zeit – also Sekunden, Minuten und Stunden – zu tun. Wie geht es dir, wenn du an den relativen Zeitbegriff – also individuelles Empfinden – oder die natürliche Zeit – zum Beispiel von der Blüte bis zum Verwelken einer Blume – denkst?

Es gibt Dinge, die unter den gleichen Rahmenbedingungen wahrscheinlich konstant die gleiche Zeit benötigen – zum Beispiel ein Liter Wasser, bis er beim Erreichen der 100 Grad Celsius zu kochen beginnt. Eine Schwangerschaft dauert neun Monate lang. Dieser Zeitraum ist eine Tatsache, die man weder beschleunigen noch kürzen kann. Das ist also vorgegeben. Tag und Nacht messen wir in 24 Stunden, aber jeder von uns empfindet diesen Zeitraum anders. Die Montagszeit ist nicht die gleiche wie die Dienstagszeit, weil es immer Abweichungen gibt. Je präziser wir mit der Zeit werden, desto mehr verstehen wir, dass es unmöglich ist, sie zu messen. Mathematisch kannst du alles berechnen. 0 ist gleich 0 und 1 ist gleich 1. Aber in der Physik benötigst du Materie, um sie zu einer Uhr zu entwickeln. Neben der Materie wirken dann die Kräfte auf die Masse. Eisen, Messing und Gold leben nicht, aber trotzdem ist etwas los innerhalb dieser chemischen Verbindungen. Die verändern sich ständig. In der Physik kannst du mathematische Berechnungen also nicht eins zu eins anwenden. Das physikalische Pendel ist anders als das mathematische Pendel. Es gibt keine genaue Zeit, sie ist abhängig vom Raum. Es muss einen Fehler geben, denn wenn es keine Abweichungen geben würde, würden die Uhren stehen. 

Also, was ist schon Zeit? Manche Schmetterlinge leben nur wenige Tage. Ist das lange? Innerhalb dieser Tage entwickeln sie sich extrem, da ist also viel Action vorhanden. Manche Menschen saufen drei Tage durch und haben dann eine Zeitlücke von mehreren Tagen. 

Um einen weiteren Zeitbegriff zu bemühen: die Generation. Teure Uhren werden oft zu speziellen Anlässen wie einer Firmung oder einem runden Geburtstag geschenkt und im gleichen Atemzug mit der Gratulation als Erbstück bezeichnet. Ist eine Uhr tatsächlich für Generationen gemacht? Sie laufen im wahrsten Sinne des Wortes rund um die Uhr ... und doch hat alles irgendwann ein Ende.

Patek Philippe wirbt genau damit! Sie werben damit, dass echte Innovationen für Generationen gemacht sind. Ich habe schon einhundert Jahre alte Uhren gesehen. Die erste Generation, die sie getragen hat, ist schon gestorben. Und die aktuellen Besitzer wollen diese Uhr repariert haben. Hier kommt der Uhrmacher ins Spiel, da Uhren gewartet und serviciert gehören. Mir hat einmal eine alte Dame eine Pendeluhr gebracht. Sie meinte, sie habe in ihrer Kindheit immer das »Tick-Tack« gehört, und möchte dieses Geräusch wieder hören. Also ja, Uhren kann man für Generationen anfertigen. Was sie dann brauchen, ist die entsprechende und regelmäßige Wartung. Wenn ich als Besitzer auf sie aufpasse, sie aufziehe und pflege, dann lebt sie, und ihr Wert steigt damit auch kontinuierlich. 

Wenn du dich für ein Uhrenmodell entscheiden müsstest, von nun an bis zum Ende der Zeit. Welches wäre es und warum?

Schwierige Frage, denn es gibt sehr viele Uhren und sie werden noch mehr! Es gibt kein Genug an Uhren für mich. Ich sammle und kaufe Uhren an. Ein paar verkaufe ich dann wieder. Manche sind teuer und speziell, manche auch überhaupt nicht. Die kann auch einen Wert von nur 100 Euro haben und ich mag sie. Um nicht verrückt zu werden, durchs zu viele Sammeln, habe ich mir folgendes Ziel gesetzt: Sobald ich mir eine Rolex Daytona Platin um 70.000 Euro leisten kann und für mich persönlich gekauft habe, dann höre ich auf. 

Lieblings-

Buch: Enigma (Robert Harris)
Film: Good Will Hunting, Hachiko
Song: Blues im Allgemeinen
Schauspieler/in: Christoph Waltz, Robert De Niro, Leonardo DiCaprio, Kate Winslet, Charlize Theron
Motto: Wie du mir, so ich dir.
Autor/in: Friedrich Nietzsche
Serie: Mein cooler Onkel Charlie, Dr. House, How I Met Your Mother
Stadt: Wien
Land: Georgien, Österreich
Gericht: Georgische Bohnensuppe
Getränk: Rotwein

Persönliches Mitbringsel

Einerseits eine Omega Speedmaster Professional Mark II. Es ist ein Upgrade der Moonwatch. Heute sind sie im Racing Style sehr beliebt. Im Weltall, unter Schwarzlicht, leuchtet sie in anderen Farben. Am Glas aufgedruckt ist eine Tachometer-Skala. Die Stunden- und Minutenzeiger sind vom mitlaufenden Sekundenzeiger vom Chronographen farblich getrennt. Damit kann sich der Pilot leichter orientieren. Ich wollte die Uhr immer haben. Im aktuellen Zustand kostet sie auf diversen Portalen circa 2.500 bis 4.000 Euro. Das ist viel Geld für mich. Ein Freund von mir hatte die Uhr in kaputtem Zustand zu Hause und er hat sie mir um deutlich unter 1.000 Euro verkauft. Mit der Zeit habe ich sie langsam restauriert und mittlerweile ist sie wieder vollständig. Ich mag die Uhr einfach. Da sie nun so teuer geworden ist, kann ich sie nicht mehr verkaufen und behalte sie mir. 

Die zweite Uhr ist eine Jaeger-LeCoultre, also auch aus einer Schweizer Manufaktur. Es ist eine Automatikuhr in Roségold. Sie hat einen Wecker und einen ewigen Kalender. Die Uhr kann nicht nur jeden Monat ausrechnen, ob er 30 oder 31 Tage hat, sondern kann auch alle vier Jahre während eines Schaltjahrs anzeigen, ob der Februar 28 oder 29 Tage hat. Auch die Mondphasen kann sie anzeigen. Es ist eine außergewöhnliche Uhr, die ich allerdings nicht behalten werde. Ich bin aktuell noch nicht in dem Alter, um die Uhr tragen zu wollen. Mit 50 oder 55 wäre sie dann etwas. Solange möchte ich sie aber nicht ungetragen bei mir haben. Da verkaufe ich sie lieber.
Eine Omega Speedmaster Professional Mark II in Titan und eine Jaeger-LeCoultre in Roségold

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Beide Erlebnisse sind zusammenhängend mit meiner Omega Speedmaster Professional Mark II. Ich habe alle Teile von Omega aus der Schweiz geliefert bekommen, um sie zu reparieren, weil sie nicht mehr gelaufen ist. Ich war total aufgeregt, sie bald wieder tragen zu können. Es ist auch eine Moonwatch – die haben ein Werk wie einen Traktor, die funktionieren. Und da ich so aufgeregt war, habe ich zu schnell gearbeitet und dabei den Sekundenzeiger abgerissen. Damit war ich wieder am Anfang und sehr traurig, weil ich erneut ein Teil bestellen musste. Und ich wusste, dass sie dann trotzdem noch nicht funktionieren wird, weil ich den Fehler noch nicht gefunden hatte. Dann kam ein Freund vorbei und meinte, dass er so einen Zeiger zu Hause habe und er ihn mir vorbeibringt. Nach zwei Stunden hatte ich den Zeiger, konnte die Uhr reparieren und sie wieder tragen. Das war dann schon cool! Kleine Sachen machen einen oft sehr glücklich. Ich wollte in diesem Moment einfach nur diesen kleinen Zeiger haben.

Berufswunsch als Kind

Schiffskapitän

Wen wolltest du immer schon einmal treffen?

Abraham Louis Breguet. Er war ein Uhrmacher im 18. und 19. Jahrhundert. Er hat wunderschöne Uhren gemacht. Alles, was heute am teuersten und kompliziertesten ist, hat er erfunden.

Teenie-Schwarm

Weiß ich nicht mehr.

Café-Bestellung

Heiße Schokolade

Ort des Interviews

Caffè a Casa
Das Caffè a Casa ist eine Kaffeerösterei in Klosterneuburg mit mehreren Coffeeshops in Wien. Die Filiale in der Servitengasse befindet sich nur unweit des Ateliers von Levan Martiashvili, das in der Porzellangasse zu finden ist.

Video – Handwerk eines Uhrmachermeisters