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Imker Wolfgang Schmidt im Gespräch mit Talkaccino
Wolfgang Schmidt

Imker & Bienenzüchter

Gesellschaft
29.08.2020
Wolfgang Schmidt ist studierter Handelswirt und hat jahrelang zwei Unternehmen in der Lebensmittelindustrie geleitet. Vor 14 Jahren hat er mit der Imkerei von der Honigseite des Lebens gekostet. Die Begeisterung für Bienen und ihre Bedeutung für die Umwelt haben ihn seitdem nicht mehr losgelassen, sodass er den Beruf des Imkers seit 2013 hauptberuflich ausübt, mit der Demeter-Bio-Imkerei APIS-Z gemeinsam mit Imkermeister Roland Berger in Klosterneuburg.

Albert Einstein soll einmal gesagt haben: »Wenn die Biene einmal von der Welt verschwindet, hat der Mensch noch vier Jahre zu leben.« Die letzten Jahren hört man immer wieder vom Bienensterben. Hat also die Dämmerung für die Menschheit eingesetzt?

Dazu gibt es zwei Sachen zu sagen. Erstens ist das Zitat nicht gesichert von Einstein. Es hat sich ein bisschen im kollektiven Gedächtnis festgesetzt, dass es von ihm ist. Zweitens würde ich das Zitat ein wenig umformulieren. Und zwar: Wenn der Mensch irgendwann einmal ausgestorben sein wird, wird die Biene noch lange leben! Das schwache Glied sind wir und nicht die Biene oder die Biene als Repräsentant für die Insekten. Die werden sich das schon richten.

Naturschutz ... Umweltschutz ... der Natur ist das vollkommen wurscht, was wir mit ihr machen. Eigentlich muss man vom Menschenschutz reden. Die Frage ist, in welchem Biotop wir leben möchten, falls wir die Kurve überhaupt noch kratzen. Die Natur wird sich anpassen. Irgendwas wird passieren und die Natur wird das mit einem Achselzucken zur Kenntnis nehmen. So wie auch schon die letzten Millionen Jahre.
»Wenn der Mensch irgendwann einmal ausgestorben sein wird, wird die Biene noch lange leben«

Der Mensch ist also nur der Wimpernschlag einer Libelle auf der Achse der Zeit.

Wir sind eine Art wie jede andere auch und gerade dabei, unsere Zeit hier zu verkürzen. Die Biene wird das, glaube ich, überdauern.

Es gibt so viele Arten von Honig – Sonnenblumenhonig, Akazienhonig, Waldblütenhonig, Tannenhonig etc. – woher weiß man, welchen Nektar die Bienen gerade zurückbringen?

Das, was Sie ansprechen, ist Sortenhonig und wie man den möglichst rein erntet. Die Antwort ist relativ einfach. Bevor die angestrebte Nektarquelle zu blühen beginnt, ernte ich den Honig von meinen Völkern ab, soweit für die Völker verträglich. Und dann fahre ich mit den Bienenvölkern mitten in die Blüte hinein, zum Beispiel in den Akazienwald oder das Sonnenblumenfeld. Und wenn die Biene das Schlaraffenland vor der Haustüre hat, wird sie sich nicht zwangsweise woanders bedienen. Sie sammelt hauptsächlich aus der Blüte der Umgebung.

Sie produzieren und vertreiben Bio-Honig. Die Bienen entscheiden wahrscheinlich selbst, ob sie unbehandelte Blüten anfliegen oder welche mit Pestiziden und Dünger. Wie kann man hierbei Bio-Honig garantieren?

Wir produzieren nicht nur Bio-Honig, sondern Demeter-Honig. Das ist ein Zertifizierungsstandard, der gerade in der Bienenhaltung weit über bio hinausgeht. Die Vorgabe ist bei uns sogar, dass wir auf die Etiketten schreiben, keine Gewährleistung dafür abgeben zu können, dass unsere Bienen rein biodynamische Flächen anfliegen. Aber wir sind natürlich angehalten, extrem darauf zu achten, wo wir unsere Bienen aufstellen und was sich in der Umgebung tut. Erstens, um die Produkte rückstandsfrei zu halten, und zweitens, um unsere Bienen gesund zu halten. Im Waldviertel gibt es Orte, die fast zu 100 Prozent von Bio-Bauern bewirtschaftet werden. Dort fühlen wir uns sehr zu Hause!

Und warum ist Demeter so viel höher angesiedelt? Was sind die Qualitätsunterschiede zu normalen Bio-Produkten?

Der große Unterschied ist der, dass der Fokus nicht ausschließlich auf rückstandsfreien Produkten liegt, sondern sehr stark in die Art der Bienenhaltung eingreift. Der Fachbegriff lautet: wesensgemäße Bienenhaltung. Es geht um Dinge wie beispielsweise Naturwabenbau im Brutraum. Es gibt also keine vorgedruckten Wachsplatten, sondern die Bienen bauen ihr eigenes Wabenwerk. Wir sehen eigentlich nicht die einzelne Biene als Tier, sondern den Bienenstock als Ganzes. Der wird als Superorganismus betrachtet. So kann man sich den Wabenbau wie ein Exoskelett dieses Organismus vorstellen. Auch in der Vermehrung gibt es einen Riesenunterschied. Es gibt keine künstliche Königinnenzucht. Das Bienenvolk pflanzt sich über den Schwarm natürlich fort, was es in der konventionellen Imkerei zu verhindern gilt. Dann gibt es noch viele andere Details wie zum Beispiel, dass der Honig nicht über 35 Grad Celsius erwärmt werden darf, weil das einigen der über 300 Inhaltsstoffen des Honigs schaden würde.

Wenn man bio nicht garantieren kann ... handelt es sich dann eigentlich nur um einen schönen Verkaufsgag?

Ich glaube nicht, dass es ein Verkaufsgag ist. Es ist ein Verkaufsargument. Und sicher nicht das schlechteste. Anfang der 2000er Jahre gab es eine Untersuchung. Da ist rausgekommen, dass, wenn man bio kauft, man zu 75 Prozent tatsächliche Bio-Ware erhält. Auf den ersten Blick ist diese Fehlerquote von 25 Prozent recht enttäuschend. Auf der anderen Seite habe ich lieber zu 75 Prozent bio als zu 100 Prozent nicht bio. Die Bio-Bewegung kann ja auch nur ein Weg oder eine Zielrichtung sein. Das ist ja nicht das Ende des Weges. Bio ist ja auch nicht gleich bio. Wenn ich bio und regional einkaufe, bekomme ich ein Gefühl davon, wie wichtig dem Landwirt gewisse Prinzipien sind.
»Die Bio-Bewegung kann nur eine Zielrichtung sein«

Wie oft sind Sie schon gestochen worden?

Viele, viele hunderte und tausende Male. (lacht)

Es gibt ja das Klischee – wahrscheinlich auch aufgrund von Winnie Puh –, dass Bären gerne Honig essen. Ist das so?

Ja, das ist durchaus so. Bären sind wie die Bienen Waldtiere. Und Honig ist eine wertvolle Kohlehydratquelle, eine Energiequelle. Das ist für den Bären natürlich attraktiv. Da zahlt es sich schon mal aus, auf einen Baum hinaufzuklettern.
Wolfgang Schmidt mit Kaffee und Zimtschnecke

Wie stark ist der Austausch – auch länderübergreifend – unter Imkern? Gibt es regionale Unterschiede im Handwerk?

Wir sind über die wesensgemäße Bienenhaltung des Demeter-Verbands stark vernetzt. Hier bestehen Kontakte nach Deutschland, aber auch europa- und weltweit. 

Zum Handwerk: Bienenrassen sind charakterlich sehr unterschiedlich. In Zentraleuropa haben wir eine sehr friedliche, fast schon phlegmatische Biene. Da brauchst du teilweise nicht mal Schutzausrüstung. In Botswana bin ich von den hiesigen Imkern wie ein Raumfahrer eingekleidet worden, was ich anfangs etwas übertrieben gefunden habe. Die Überbrückung von Hose und Schuhen wurde mit Gaffaband abgeklebt. Nach der Öffnung des ersten Bienenstocks habe ich mich eines Besseren belehren lassen! (lacht)

Letztes Jahr war davon zu lesen, dass es ein schweres Jahr für Blütenhonig war, dieses Jahr hört man, dass eher die Waldhonigproduktion negativ betroffen ist. Wo liegt der Unterschied und warum ist es dieses Jahr genau umgekehrt?

Es gibt zwei Gruppen von Honig – den Blütenhonig und den Waldhonig. Beim Blütenhonig wird der Nektar von den Blüten eingesammelt. Waldhonig – oder auch Blatt- oder Honigtauhonig – hat eine etwas andere Quelle. Es werden Läuse benötigt, die die Siebröhren der Pflanzen anstechen, und von dort saugen sie den Siebröhrensaft heraus. Dort sind die dann auf der Suche nach Eiweiß. Allerdings ist das Verhältnis von Eiweiß zu Kohlehydraten extrem zu Ungunsten des Eiweiß. Daher werden viele Kohlehydrate ausgeschieden. Und das holen sich die Bienen und machen daraus dann Waldhonig.

Neben dem Waldhonig war der Ertrag vom Blütenhonig dieses Jahr auch nicht sehr hoch. Es gibt zwar natürliche Schwankungen wie beispielsweise den Vierjahreszyklus. Aber so wie es heuer war, nämlich österreichweite Ausfälle, ist es schon speziell. Warum das so ist? Keine Ahnung! Es gibt nicht immer die eine Ursache, was es allerdings wieder spannend macht. Bei der schlechten Akazienernte dieses Jahr ist es relativ einfach zu erklären: Im Mai gab es teilweise starke Frostnächte und die Blütenansätze haben unter dem Frost gelitten.
Wolfgang Schmidt bei Kaffee und Zimtschnecke im Interview

Bienenprodukte erfreuen sich weitreichender Beliebtheit – von Honig, über Wachskerzen bis zu Honigwein oder Seifen. Was macht den Charme dieser Produkte aus und was unterscheidet sie von anderen Naturprodukten wie beispielsweise Hanf oder Aloe vera?

Bienenprodukte haben eine sehr lange Tradition. Die Bienenhaltung gibt es in der heutigen Form seit wenigen hundert Jahren, die traditionelle Form existiert seit mehreren tausend Jahren. Honig war eine der ersten Süßungsmittelquellen für die Leute. Die Imkerei war im Mittelalter hoch angesehen. Nicht nur, weil sie Honig hervorgebracht hat, sondern auch, weil sie Wachs produziert hat. Das war für die Klöster extrem wichtig! Jeder Bauernhof hatte früher seine eigenen Bienenstöcke, um einen Teil seiner Nahrungsquellen daraus zu schöpfen. 

Im Vergleich zu anderen Lebensmitteln weiß ich nicht, ob es so eine herausragende Wirkung hat. Man weiß von vielen gesundheitlichen und medizinischen Eigenschaften von Bienenprodukten. Die sind schon einzigartig.

Sie bieten unter anderem Bienenluft-Inhalation an. Was darf man sich darunter vorstellen?

Wir arbeiten dafür viel mit Ärzten zusammen. Es geht darum, die Luft aus den Bienenstöcken in die Lungen zu bringen. Damit soll das Wohlbefinden bei Menschen mit COPD, Asthma, Bronchitis oder chronischer Nebenhöhlenentzündungen verbessert werden. Im Idealfall handelt es sich um eine Intensivkur – 14 Tage zweimal täglich inhalieren. Viele Leute verbinden die Kur mit einem Wien-Urlaub.

Da sich der Sommer bald dem Ende neigt: Was machen die Bienen im Herbst und Winter?

Um die Sommersonnenwende herum gibt es einen Wechselzeitpunkt im Verhalten. Bis dahin dehnen sich die Bienenvölker aus, danach ziehen sie sich zusammen und bereiten sich auf den Winter vor. Das heißt, sie legen Vorräte an. Wobei das mit der Zeit immer schwieriger wird, weil die Landschaften immer ausgeräumter werden. Und dann legen sie langsam Winterbienen an. Die sind genetisch vollkommen ident mit den Sommerbienen. Aufgrund unterschiedlicher Ernährung leben sie allerdings unterschiedlich lange. Eine Sommerbiene lebt vier bis acht Wochen. Eine Winterbiene kann vier bis sieben Monate leben. Muss sie auch! Sie ziehen sich zu einer Wintertraube zusammen, wärmen die Königin in der Mitte und überwintern so.

Lieblings-

Buch: Da gibt es viele – generell die Bücher von Gabriel García Márquez und Mario Vargas Llosa 
Film: Ich bin überhaupt kein Cineast, aber Brazil aus den 80ern ist mir speziell in Erinnerung. 
Song: Generell Deep-Purple-Lieder
Schauspieler/in: Herbert Föttinger
Motto: Be happy!
Autor/in: Gabriel García Márquez und Mari Vargas Llosa
Serie: The Blacklist und Suits ... das sind aber auch schon die einzigen beiden, die ich gesehen habe! (lacht)
Stadt: Barcelona
Land: Ecuador
Gericht: Mozzarella mit Tomaten
Getränk: Bier

Persönliches Mitbringsel

Mein Smoker. Ich hänge sehr an Dingen. Ursprünglich wollte ich meine Gitarre mitnehmen. Die habe ich seit 35 Jahren. Ich mag Dinge, die mich begleiten und zu mir gehören. Das sind wenige Dinge und die bedeuten mir etwas. Ich überlege seit Jahren, mir eine neue Gitarre zu kaufen, weil die, die ich habe, die möchte ich eigentlich überhaupt nicht spielen. Aber es ist halt meine Gitarre. Und beim Smoker ist es genauso. Der raucht überall anders raus als dort, wo er rausrauchen sollte. Aber er ist halt meiner. Der gehört zu mir. Mit dem Smoker erzeugt man Rauch, um den Bienen vorzugaukeln, dass es brennt. Damit greifen sie nicht an, sondern bereiten sich durch die Aufnahme von Nektar auf eine mögliche Flucht vor.
Wolfgang Schmidt hat als sein persönliches Mitbringsel einen Smoker gewählt

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Meine drei Kinder haben Ferien und es geht ihnen einfach gut. Sie kommen von nächtlichen Touren heim und erzählen davon. Das ist lässig und einfach schön. Und: Bei den Bienen haben sich die Jungvölker gut entwickelt.

Negativstes: Was mich schon bisschen bedrückt hat in letzter Zeit, sind starke und schnell polarisierende Meinungen bei der ganzen Corona-Thematik. Ich will mich da auch gar nicht rausnehmen. Es ist oft schwierig, unterschiedliche Ansichten entspannt zu diskutieren.

Berufswunsch als Kind

Mein erster Berufswunsch war Kasperl. Ich finde, ich bin dem Ideal relativ weit gefolgt! (lacht) Im Sinne von: Im Jetzt leben und sich selbst nicht zu ernst nehmen.

Wen wollten Sie immer schon einmal treffen?

Leute, die eine diametrale Meinung zu meiner haben. Die diese Meinung auch mit einer gewissen Macht, die sie haben, durchsetzen können. Diktatoren zum Beispiel. Ich würde irrsinnig gerne den Lukaschenko treffen. Ich würde gerne rausfinden, was da abgeht. Ob das für mich verständlich ist. Ich hatte früher immer wieder einmal Gespräche mit Leuten aus dem Wirtschaftsbereich. Leute mit wirklichen Top-Positionen in Weltkonzernen. Denen stehe ich sehr kritisch gegenüber. Mir wurde im Gespräch aber klar, dass das, was sie sagen, völlig logisch und nachvollziehbar ist in der Welt, in der sie leben. Es ist spannend, sich damit auseinanderzusetzen, denn dann kannst du nicht mehr einfach nur auf diese Meinung hinhauen. Ich will also Menschen treffen, die völlig diametral zu meiner Lebenseinstellung unterwegs sind.

Teenie-Schwarm

Hm, komisch. Da blitzt gerade ein Bild auf. Es gibt das Buch »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« von Christiane F. Das habe ich gelesen, als ich ungefähr 14 Jahre alt war. Im Buch war ein Bild von einer gewissen Babsi drinnen. Dieses Bild hat mich wahnsinnig fasziniert. Ich glaube, in diese Babsi war ich einige Zeit lang unglaublich verliebt. Ich glaube, es hat ein tragisches Ende mit ihr genommen, aber sie hat irgendwas gehabt. Die ist lange und immer wieder in meinem Kopf herumgegeistert.

Café Bestellung

Großer Brauner mit Zimtschnecke

Ort des Interviews

Bäckerei-Konditorei Hollander
Die Bäckerei-Konditorei Hollander in Klosterneuburg besteht seit Anfang des 20. Jahrhunderts und wird mittlerweile in der 4. Generation betrieben. Die Betreiber legen großen Wert auf eine breite Vielfalt, um neben traditionellem Backwerk auch allergiker- und magenfreundliche Produkte anzubieten. Wer also in Klosterneuburg unterwegs ist und Lust auf einen Kaffee mit hausgemachten Süßwaren hat, sollte unbedingt vorbeischauen! Prädikat: klein, aber fein.