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Gläubigerschützer Karl-Heinz Götze im Talk
 
       
       
Karl-Heinz Götze

Gläubigerschützer

Gesellschaft
19.12.2025
Karl-Heinz Götze arbeitet beim KSV1870 (Abkürzung für den 1870 gegründeten Kreditschutzverband) im Insolvenzbereich, seit 2020 als Leiter. Durch die medial hohe Aufmerksamkeit der Insolvenzen rund um Signa und KTM wurde er regelmäßiger Interviewgast bei diversen Zeitungen, Fernseh- und Radiosendern. Nun sitzt er im Café Ritter auf der Mariahilfer Straße, um Talkaccino Einblicke in seinen Beruf als Gläubigerschützer zu geben.

Sie sind seit 2020 Leiter des Insolvenzbereichs beim KSV1870. Sie haben also während der Pandemie gestartet, dann kamen die Wirtschaftskrise, Inflation, stockende Lieferketten, der Ukraine-Krieg, die militärischen Konflikte in Nahost rund um Gaza und Israel. In Ihrem Bereich kam es dann mit dem Zusammenbruch der Signa zur größten Insolvenz der österreichischen Wirtschaftsgeschichte und kurz darauf war auch der Traditionsbetrieb KTM betroffen. Kurz gesagt: Wirklich ruhige Zeiten haben Sie in Ihrer Führungsposition noch nicht erlebt.

Ziemlich auf den Punkt gebracht. Wobei die Covid-Zeit bezogen auf Insolvenzen relativ ruhig war. Davor, im Jahr 2019 beispielsweise, hat es in Österreich rund 5.000 Insolvenzen gegeben. Während Covid waren es zweimal aufeinander jährlich rund 3.000 Insolvenzen. Es wurden also Firmen gefördert, die nicht mehr förderungswürdig waren, wodurch es weniger Insolvenzen gegeben hat. Im Nachhinein kann man nun natürlich leicht reden, aber: Auch wenn es damals wichtig war, dass der Staat eingreift, hätte man es anders machen können. Auch von uns wurden mehrere Empfehlungen abgegeben, die allerdings nicht gehört wurden. Abseits dessen gab es bei uns natürlich durch die Lockdowns auch Unsicherheiten bei den Mitarbeitern, wenngleich wir die Zeit genutzt haben, uns digital deutlich besser aufzustellen. Insgesamt war es damit also schon auch intensiv.

Sie haben sich sozusagen in der Ruhe vor dem Sturm vorbereitet, weil Sie gewusst haben: Der Tornado wird noch kommen.

Na ja … Tornado … in so einer Extremsprache bin ich nicht gerne unterwegs, aber ja, uns war bewusst, dass es danach mehr Insolvenzen geben wird. Und es war gut, dass wir uns darauf vorbereitet haben, sonst könnten wir das aktuell nur schwer abarbeiten.

Sie meinten, dass Sie von der Politik nicht gehört wurden. Was hätte man anders machen können? Klar ist es im Nachhinein immer leichter, dennoch in der Nachbetrachtung: Was hätte wirklich Mehrwert gebracht und besser geholfen?

Die Firmenförderungen waren undifferenziert. Man hätte unterschiedliche Kriterien ansetzen können, um nicht mit der berühmten Gießkanne zu fördern. So sind Firmen am Leben gehalten worden, die nicht lebenserhaltungswürdig waren. Denen kann man keine Vorwürfe machen. Die haben das Geld angenommen, da sie gehofft haben, ihre Probleme damit lösen zu können. Konnten sie allerdings nicht, weil es von vornherein andere waren. Die sind nun in den Folgejahren in die Insolvenz gegangen. Die Förderungen waren damit vergebene Liebesmüh. Was fairerweise dazugesagt werden muss: Die Unterscheidung, wer gefördert wird und wer nicht, ist keine einfache, auch wenn die Finanz prinzipiell gute Einblicke hat. Nun, im Nachhinein, ist es natürlich leichter, das zu analysieren.
»Heuer rechnen wir mit bis zu 6.900 Insolvenzen«

Wie viele Insolvenzen gibt es nun nach Corona?

Heuer rechnen wir mit bis zu 6.900 Insolvenzen.

Was sind die häufigsten Gründe, warum Unternehmen in Insolvenz gehen? Und: Wie könnte man entgegensteuern?

Was wir in der Covid-Zeit verstärkt gemerkt haben, ist, dass Firmen nicht resilient genug aufgestellt sind. Eine Pandemie kann man natürlich nicht erahnen oder nur schwer einplanen. Was man aber tun kann: sich auf Situationen vorbereiten, die mit externen Einflussfaktoren schwierig selbst beeinflussbar sind. Hier muss man breiter aufgestellt und besser von der Struktur her finanziert sein. Helfen kann hier, wenn man in Alternativszenarien stärker in die Zukunft denkt. Im Sinne von: Wenn ich im Export Probleme bekomme, probiere ich es mit einem anderen Produkt oder mit dem gleichen Produkt in einem anderen Markt, um dort Fuß zu fassen. In Alternativen zu agieren, ist wichtig. Und: Das Um und Auf eines jeden Unternehmens ist Liquidität. Wir sehen oft, auch bei großen Firmen, dass keine Liquiditätsplanung besteht.

Warum ist das so?

Gute Frage, kann ich nicht beantworten. Für mich wäre das selbstverständlich. Ohne Liquiditätsplanung kann ich ein Unternehmen nicht führen. 95 Prozent oder mehr Insolvenzen passieren aufgrund von Zahlungsunfähigkeit.

Weil zu wenig Puffer besteht.

Genau. Es gibt zwei Gründe für eine Insolvenz. Einer ist Zahlungsunfähigkeit, der andere ist Überschuldung. Überschuldungen haben wir oft. In dem Fall braucht man eine positive Fortbestehungsprognose, um als Geschäftsführer oder Eigentümer weiter agieren zu dürfen. Ansonsten besteht das Risiko von Insolvenzverschleppung. Was wir oft sehen: Langfristige Investitionen sind kurzfristig finanziert. Die Fristigkeiten zwischen Investition und Finanzierung passen nicht zusammen. Wenn ich eine langfristige Investitionen kurzfristig finanziert habe und die Zinsen gehen hoch, wird es eng, weil ich das Geld für andere Bereiche, wie beispielsweise das Lager, benötige und dann nicht aufwenden kann. Dann beginnt das System zusammenzubrechen. Auch Restrukturierungen kosten Geld – Mitarbeiter freistellen, die vorzeitige Auflösung eines Mietvertrags etc. Das alles kostet Geld. Mittel- bis langfristig gesehen sind Restrukturierungen gut, aber kurzfristig kosten auch sie Geld. Wenn die Mittel kurzfristig nicht dafür vorhanden sind, blutet man langfristig aus.

Wie können solche Dilemmata gelöst werden?

Mit mittel- und langfristiger Planung.

Geht das denn immer?

Wir machen eine Dreijahresplanung, wo wir diverse Eckpfeiler setzen. Da überlegen wir uns dann schon, welche Aufwände wir benötigen, um das zu finanzieren. Ein Dreijahresplan ist für mich das Minimum. Das erste Jahr ist sehr detailliert geplant, das zweite etwas weniger und das dritte als Grundkonzept. Wenn ich dann merke, dass der Umsatz nicht in der geplanten Form kommt, muss ich mir anschauen, an welchen Stellschrauben ich drehen kann, um Kosten zu reduzieren. Da ich aus dem Finanz- und nicht aus dem Vertriebsbereich komme, hat der Kostenbereich einen hohen Stellenwert bei mir. Ein Vertriebler wird mehr auf den Umsatz schauen. Wenn das nicht stimmig ist, habe ich mit meinem Unternehmensplan ein Problem. Um nochmals kurz auf Ihre vorherige Frage zu kommen: Die häufigsten Gründe für Insolvenzen sind Managementfehler. Das können sein: Fehler bei der Finanzplanung im Controlling, strategische Fehlüberlegungen, nicht ausreichend geschaffene Resilienz. Das sind die Hauptursachen.
»Die häufigsten Gründe für Insolvenzen sind Managementfehler«

Provokant gefragt: Machen Manager damit die gleichen Fehler, die Jugendliche manchmal mit dem ersten Taschengeld oder dem ersten selbst verdienten Geld machen? Ganz vereinfacht gesagt: Das neueste Smartphone ist gerade stärker im Fokus als die Miete im nächsten Quartal.

Ein wenig kann man es vergleichen. Sowohl beim Privaten als auch beim Geschäftsführer geht die Übersicht verloren. Man kauft sich ein neues Handy, einen neuen Fernseher und die Leasingrate vom Auto fällt an. Durch Konsumkredite ist es einfacher geworden, dass man sich Dinge anschafft, die man sich eigentlich nicht leisten kann. Wenn man davon ausgeht, dass man immer eine bestimmte Summe verdient, wird man überrascht, wenn man plötzlich arbeitslos wird. Dann geht es sich relativ rasch nicht mehr aus.

Oder die Mieten steigen und durch die Inflation steigen die Kosten des Warenkorbs.

Genau. Finanzbildung ist ganz wichtig und als KSV investieren wir hier auch. Wir gehen in Schulen und in Unis, um Lehrer auszubilden. Das ist uns ein ganz wichtiges Thema. In dem Bereich ist überraschend wenig vorhanden. Da geht es oftmals tatsächlich nur darum, einen ganz einfachen Haushaltsplan aufzustellen, um zu sehen, was man sich leisten kann, was nicht und wie viel Reserve man sich schaffen möchte. Der häufigste Grund für Privatinsolvenzen ist der, über dem eigenen Limit zu leben. Wenn man das auf Firmen umlegt, dann geht es darum, welche Investitionen kann ich tätigen, welche Mitarbeiter kann ich mir leisten und welche Produkte kann ich entwickeln. Was ich einmal erlebt habe: Ein Eigentümer hat ein super Unternehmen geschaffen. Ein Produktbereich war ihm dann besonders wichtig, in den er extrem viel Geld reingesteckt hat. Da das nicht funktioniert hat, ist das Unternehmen in die Gefahrenzone geschlittert und insolvent geworden. Sachlich betrachtet, hätte er etwas abstoßen müssen. Genau das ist die Aufgabe eines Insolvenzverwalters. Der kommt ohne Emotion in ein Unternehmen und hat sich anzusehen, ob ein Unternehmen zu retten ist oder nicht. Wenn es weiter funktionieren kann, ist es fortzuführen, um die Kosten der Gläubiger zu ersetzen. Wenn der aber sieht, dass ein Teilbereich zu schließen ist, wenn damit ein anderer Teil zu retten ist, macht er es sofort. Ein Eigentümer ist dazu meist zu stark in der Emotion drin. Vielleicht auch, weil man sich damit Fehler eingestehen müsste.

Ist das nicht genau der schmale Grat zwischen genialen Unternehmern, die extrem viel schaffen, und jenen, die den Absprung zum Höhenflug nicht hinbekommen, weil womöglich falsch kalkuliert wurde oder auch das Glück nicht mitspielt? Jeff Bezos hat sich zum Start von Amazon einen großen Teil des Ersparten seiner Eltern geborgt mit der Info, dass die hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie es nicht mehr wiedersehen werden. Richard Branson hatte ein Musiklabel und hat dann eine Fluglinie gegründet, wovon ihm viele abgeraten haben. Beide gehören seit Jahren zu den reichsten Menschen der Welt. Viele große Unternehmensentscheidungen sind also nicht rational. Risiko und Bauchgefühl spielen viel mit. Wenn es funktioniert, werden sie angehimmelt und bejubelt, wenn sie scheitern, werden sie als Versager und manchmal als Betrüger gebrandmarkt.

Es ist tatsächlich ein schmaler Grat. Es gibt viele erfolgreiche Unternehmer, die zum Teil mehrfach insolvent geworden sind. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Ein gewisses Risiko ist immer vorhanden. Man wird also nie sagen können, dass es zu 100 Prozent gut geht. Manchmal geht es auch um ein gewisses Gespür, das nicht immer erklärbar ist. Es ist aber ein Unterschied, ob ich mit einem Auffangnetz agiere, sollte es nicht aufgehen, oder ob ich sage: »Hopp oder dropp.« In der Insolvenz gibt es eine gewisse Stigmatisierung à la: einmal insolvent, immer als Loser abgestempelt. Das finde ich ganz fürchterlich. Es kann passieren, dass man mal eine falsche Idee hat, man zu früh oder auch zu spät mit etwas dran ist. Ein Produkt wird gerade nicht vom Markt angenommen, ein paar Jahre später aber schon. Es gibt gute Ideen, aber den falschen Zeitpunkt. Auch wenn scheinbar alles passt, kann es passieren, dass es nicht aufgeht. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Person das absichtlich gemacht hat oder unfähig wäre. Die meisten gehen nicht absichtlich in die Insolvenz. Lustig ist das nämlich wirklich nicht. Die, die es nicht schaffen, sollen dennoch eine zweite Chance bekommen. Denn wie Sie schon gesagt haben: Es ist wirklich ein schmaler Grat.
Im Gespräch mit Gläubigerschützer Karl-Heinz Götze

Sie haben Insolvenzverwalter angesprochen. Sie selbst sind Gläubigerschützer. Können Sie das kurz für alle Leserinnen und Leser differenzieren?

Als Gläubigerschutzverband dürfen wir Gläubiger vor Gericht wie ein Anwalt vertreten. Die meisten von uns haben Jus studiert, auch wenn wir keine Anwälte sind. Per Gesetz sind wir den Anwälten allerdings gleichgestellt und dürfen uns jeden Insolvenzakt ansehen, selbst wenn wir keinen Gläubiger vertreten. Zu unseren Aufgaben zählt auch, dass wir Gläubiger über eine Insolvenz informieren, wenn eine Person oder eine Firma insolvent ist, bei der Forderungen bestehen. Der Gläubiger hat dann die Möglichkeit, seine Forderungen selbst, über einen Anwalt oder über uns anzumelden. Da wir sehr viele Gläubiger vertreten, ist der Weg über uns meist kostengünstiger als über einen Anwalt. Wenn wir den Auftrag erhalten, prüfen wir, ob eine Forderung zu Recht besteht. Wenn das der Fall ist, melden wir sie über Gericht an. In weiterer Folge sind wir auch bei allen Gerichtsterminen vor Ort, schreiben Berichte, informieren und stimmen uns mit den Gläubigern ab. Dann wird abgestimmt, wie weiter vorgegangen wird, wir erhalten die Quoten und verteilen diese an die Gläubiger. Der Insolvenzverwalter hingegen wird bei jeder Insolvenz bestellt und ist damit Herr bzw. Frau des Unternehmens. Ohne Entscheidung des Insolvenzverwalters oder der -verwalterin geht nichts mehr. Die schauen sich das Unternehmen an und entscheiden, ob die Geschäfte fortgeführt werden oder das Unternehmen geschlossen wird. Wenn die Kosten höher sind als die Einnahmen und die Quoten für die Gläubiger dadurch niedriger würden, macht ein Fortbestand keinen Sinn. Da ein Insolvenzverwalter in der persönlichen Haftung ist, schaut er sich das ganz genau an. Wenn man es fortführen kann, hängt es noch von den Eigentümern ab, ob die das auch wollen oder ob sie dankend ablehnen und von selbst schließen wollen. In solchen Fällen wird maximal so lange weitergeführt, bis beispielsweise die Lager geleert werden konnten. Kika/Leiner war so ein Fall.

Wie viel erhalten Sie als Gläubigerschutzverband?

Wir bekommen einerseits eine Entlohnung von den Gläubigern und einen Bruchteil dessen, was der Insolvenzverwalter in die Masse einbringt. Je nach Betragshöhe ist es eine prozentuelle Staffelung, die nach Höhe des absoluten Betrags prozentuell weniger wird, je höher der Betrag ausfällt. Wir probieren daher alle, so viel wie möglich in die Masse zu bringen, weil dann alle am meisten davon haben – der Insolvenzverwalter, die Gläubiger und wir. Um eine Insolvenz zu eröffnen, müssen mindestens 4.000 Euro vorhanden sein, damit die Kosten des Verfahrens gedeckt sind.

Kann man damit sagen: Je schlechter es der Wirtschaft geht, desto prosperierender ist das Geschäft der Insolvenzverwalter und Gläubigerschützer?

So wird das natürlich oft dargestellt. Nur muss man dazu sagen: Je schlechter es einer Wirtschaft geht, desto schlechter fallen auch die Ergebnisse, sprich die Quote, in Insolvenzverfahren aus. Wenn also die Masse immer weniger wird, ist das für niemanden von Vorteil.

Das heißt, dass Sie manchmal auch gratis arbeiten müssen, weil de facto nichts vorhanden ist, Sie es aber dennoch abwickeln müssen?

De facto, ja. Manchmal haben wir höhere Kosten, als wir an Umsätzen generieren.

Signa ist noch nicht abgeschlossen.

Daher handelt es sich um einen Sonderfall. Bei der Signa Prime und Signa Development war es ursprünglich ein Sanierungsverfahren. Die Gläubiger haben dem mehrheitlich zugestimmt. Die Finanzprokuratur hat einen Rekurs eingelegt und recht bekommen. Übrigens war das auch unsere Meinung. Statt der Sanierung wurde es dann ein Konkurs. Da die Gläubiger ursprünglich der Sanierung zugestimmt haben, hat der Insolvenzverwalter für diesen Teil bereits Geld erhalten – und wir dadurch auch. Wenn die Sanierung erfolgreich abgeschossen gewesen wäre, hätten wir mit Signa nichts mehr zu tun. Da es dann ein Konkurs wurde, sind wir nun im Gläubigerausschuss. Alleine durch den Konkurs der Signa Holding, Development und Prime hatten wir über 90 Gläubigerausschuss-Sitzungen. Diese Ausschüsse sind wichtig, aber man muss schon festhalten, dass wir nun ohne Entlohnung arbeiten.

Das kann noch sehr lange gehen, oder?

Die Verkäufe werden frühestens 2026 abgeschlossen sein. Das Verfahren selbst wird noch sehr lange dauern.

Und am Ende des Konkursverfahrens bekommen die Gläubiger nichts?

Doch.

Dann erhalten Sie also schon noch etwas.

Am Ende des Verfahrens, also in dem Fall in zehn oder 20 Jahren … das weiß man nicht. Ich werde es aktiv wahrscheinlich nicht mehr erleben. Da sind sehr viele Verfahren anhänglich wie beispielsweise Schadenersatz oder Anfechtung. Warum wir vom KSV und die Finanzprokuratur dieselbe Meinung hatten, dass es sich nicht um eine Sanierung handeln kann: Es hätte die Kontrollmechanismen eines Konkurses nicht gegeben. Eine Treuhandsanierung kann maximal zwei Jahre dauern – mit dreimaliger Verlängerung um je ein Jahr. Dann ist es allerdings aus. Die Sanierung wäre damit zweckentfremdet gewesen. Es war klar, dass das nicht funktionieren wird und man es nicht fortführen kann.
Im Interview: Gläubigerschützer Karl-Heinz Götze

Wie kann man sich solch einen Spezialfall vorstellen, an dem Personen wie die Milliardäre Hans Peter Haselsteiner und Klaus-Michael Kühne sowie diverse Scheichs involviert sind? Bekommen Sie von solch resoluten Persönlichkeiten extra Druck im Vergleich zu anderen Insolvenzen?

Der Druck war zu Beginn extrem hoch – von verschiedenen Seiten und aus unterschiedlichen Gründen. Die Gläubiger waren hier weniger Thema, denn wenn sie uns nicht als Vertreter hätten haben wollen, hätten sie es auch über Anwälte spielen können. Investoren wie Herr Haselsteiner haben von sich aus gesagt, dass sie sehr überrascht waren, warum sie überhaupt so viel Geld zugeschossen und so lange zugesehen haben. Ich denke daher, dass Druck nicht das Thema war, sondern die Überraschung über die Entwicklung. Mehr kann ich dazu nicht kommentieren. Was für uns speziell war: Das öffentliche Interesse an dem Verfahren von allen möglichen Richtungen war enorm. Da hatte man umso mehr darauf zu achten, dass alles korrekt abläuft, da es ganz unterschiedliche Interessen gab. Es durfte daher nirgends irgendwelche Angriffspunkte geben. Es war die größte Insolvenz der österreichischen Wirtschaftsgeschichte und eine der größten Europas. Klarerweise war jeder bei uns extrem fokussiert, wenn es darum gegangen ist. Wenn es mehrere Interessen von unterschiedlichen Seiten gibt, die womöglich kollidieren, muss man darauf achten, nicht zwischen die Fronten und unter die Räder zu geraten.

Hans Peter Haselsteiner hat in einem Interview gesagt: »Wie konnte mir das passieren?« Der Zusammenbruch der Signa soll aufgrund steigender Kreditzinsen begonnen haben. Vorhin meinten Sie, dass man in Alternativszenarien denken muss. Was, wenn ein Szenario komplett wegbricht, wie im Fall der Investoren die Signa? Was kann man als Privatperson davon lernen? Wie viele Puffer kann oder sollte jemand haben, beispielsweise Bargeld, Gold, Aktien – und was, wenn Extremsituationen diese wegfressen?

Es war Teil ihrer Investmentstrategie, in Immobilien zu investieren. Von den Investoren wüsste ich nicht, dass jemand aufgrund der Signa Insolvenz hätte anmelden müssen – weder privat noch unternehmerisch. Zu den von Ihnen angesprochenen Kreditzinsen und dem damit verbundenen Thema für die Baubranche: Genau das meinte ich damit, wenn man in Alternativszenarien denken muss. Selbst als positivst denkender Mensch kann ich nicht davon ausgehen, dass die Zinsen immer niedrig bleiben werden. So etwas müsste man schon einpreisen. Bei Benko war das vielleicht ein Argumentationsstrang, aber andere Themen hat es hier auch gegeben. Für Privatpersonen, die ein Einkommen haben, ist es sicherlich vernünftig, ihr Geld in unterschiedlichen Assetklassen anzulegen oder zu parken, um einen Polster aufzubauen. Wenn man es relativ rasch griffbereit hat, wird man zusehen müssen, wie es weniger wert wird. Aktien, Gold und Versicherungsprodukte über mehrere Jahre sind langfristige Möglichkeiten ohne der schnellen Verfügbarkeit. Wenn man mehr zur Verfügung hat, kann man auch in das sogenannte Betongold investieren, also beispielsweise eine Wohnung. Das hängt ganz von den Möglichkeiten ab. Alles auf eine Karte setzen sollte man nicht, da es das größtmögliche Risiko ist, das man eingehen kann. In allen Bereichen gibt es Wellen. Blöd ist es, wenn man am höchsten Punkt investiert und dann am niedrigsten Punkt verkauft. Man muss immer davon ausgehen, dass man als Privatanleger nicht die neuesten Informationen hat. Unten wird man also nie wirklich einkaufen und dann oben verkaufen. Das wäre eher Glückssache. Zusammengefasst: Investitionen breit streuen.

Kann der KSV insolvent gehen?

Jeder kann insolvent werden. Auch ein Bundesland oder ein ganzer Staat. Prinzipiell aber auch ein Verein wie der KSV1870. Wobei wir als Institution und Verein schon sehr vorsichtig sind. Aufgrund der Erfahrungen, die wir mit Firmen haben – Bonitätsbeurteilungen, Insolvenzen, Inkasso –, sind wir sicherlich eine eher konservativ geführte Organisation.

Kommen Unternehmen, die gesund sind und gut dastehen, auf Sie zu und wollen von Ihnen durchleuchtet werden?

Wir haben im Regelfall zu jedem Unternehmen in Österreich eine Bonitätsbeurteilung. Die müssen gar nicht zu uns kommen. Es kommt eher vor, dass Unternehmen bei uns nachfragen, warum sie eine eher schlechte Bonität haben. Dann haben sie die Möglichkeit, ihre Bonität zu verbessern, wenn uns entsprechende Informationen vorgelegt werden. Wenn sie uns zusätzliche Informationen geben, die wir bis dato nicht hatten, lassen wir das einfließen in die Beurteilung, was eine Auswirkung auf die Bonität haben kann. Es kann aber genauso passieren, dass die Bonität schlechter wird. Was wir nicht machen: zu Unternehmen zu gehen, um diese zu beraten.
»Es gibt viele Jugendliche, die sich früh verschulden und in Privatinsolvenz gehen«

In Schulen und Universitäten sind Sie schon aktiv.

Hier handelt es sich um Finanzbildung. Es gibt viele Jugendliche, die sich früh verschulden und in Privatinsolvenz gehen. Das ist ein Wahnsinn! Privatinsolvenzen gibt es seit rund 30 Jahren in Österreich. Früher ging es nur über Exekution, was fürchterlich war, weil man aus dem Strudel nicht mehr rausgekommen ist. Heutzutage macht man einen Cut und hat die Möglichkeit, es zu regulieren. Auch hier bietet man den Gläubigern eine Quote an oder man wird bis zum Existenzminimum abgeschöpft. Besser ist allerdings ein Zahlungsplan. 70 Prozent aller Privatinsolvenzen gehen über so einen Plan, 30 Prozent sind Abschöpfungen. Ein Zahlungsplan sieht eine monatliche Summe vor, die auf Basis des Einkommens festgelegt wird. Damit habe ich eine Einigung mit den Gläubigern. Daher gehen wir in Schulen und erklären die Basics in der Hoffnung, dass die Schülerinnen und Schüler in der eigenen finanziellen Planung vorsichtiger werden. Oder wir gehen in die Universitäten – wie die WU Wien. Dort nehmen sogenannte Finanzcoaches unsere Themen mit und besuchen die Schulen. Das ist aus unserer Sicht ein viel größerer Hebel, um möglichst viele Kinder und Jugendliche zu erreichen. Aktuell besteht oft sehr wenig Finanzwissen.

Müsste es in Wirklichkeit nicht fix in den Lehrplan integriert werden?

Absolut. Es ist ganz wichtig. Auch Banken beginnen mittlerweile mit niederschwelliger Wissensvermittlung.

Apropos Banken … wie sehen Sie das: Wenn man einer Bank eine Million schuldet, hat man ein Problem. Wenn man ihr eine Milliarde schuldet, hat die Bank ein Problem.

Kommt auf die Besicherung an. Sie spielen auf »too big to fail« an. In der Regel gibt es schon Sicherheiten im Hintergrund, wenn ein Unternehmen einer Bank eine Milliarde schuldet. Die Frage ist dann eher, wie werthaltig diese Sicherheiten sind. Nehmen wir nochmals Signa als Beispiel: Ich habe keine Bank in Erinnerung, die deswegen Insolvenz angemeldet hat. Dass mitunter Themen entstanden sind, ja, dafür gibt es durchaus Beispiele. Aber eben keine Insolvenzen.

Wie kann man erklären, dass ein Unternehmen Millionen- oder Milliardenschulden anhäufen, aber erst wenn es kracht, kommt man drauf? Wenn man privat so wirtschaftet, hat man bereits bei viel kleineren Beträgen ein Problem.

Unternehmensinsolvenzen entstehen nicht von heute auf morgen. In der Regel haben Banken schon eine sehr gute Übersicht. Sie bekommen Bilanzen und fortführende Unterlagen, die für Finanzierungen benötigt werden. Da erhält man schon einen ganz guten Eindruck. Bei manchen Konstellationen – bleiben wir bei der Signa – werden einzelne Projekte finanziert und nicht die Holding. Wenn man sich das einzelne Projekt ansieht und die Sicherheiten gegenüberstellt, ist man meistens ganz gut abgesichert – im Fall, dass das Projekt doch nicht gut geht. Was man auch dazu sagen muss: Auch eine Bank ist ein Unternehmen mit gewissen Risiken. Wäre eine Bank nicht bereit, unter Risiken zu investieren, würde unsere Wirtschaft nicht funktionieren. Da in viele Projekte investiert wird, kann man es sich »leisten«, wenn das eine oder andere Projekt insolvent geht. Natürlich wird man probieren, das Risiko so gering wie möglich zu halten, passieren kann es allerdings immer.

Ist es nicht ein schlechtes Zeichen für die Wirtschaft, wenn sie nur durch Schulden funktioniert? Robert Kiyosaki, Autor des Buchs »Rich Dad, Poor Dad«, meinte, es sei gut, Schulden zu machen. Trump hat ihm in einem Interview zugestimmt. Der Hintergrund: Durch die Inflation verlieren auch die Schulden an Wert. Aber sind Crashes nicht vorprogrammiert, wenn regelmäßig auf Pump finanziert wird im Vergleich zu generischem Wachstum?

Das umfasst nun sehr viele Themen. In den USA ist das Mindset dazu sicherlich anders. Dort sagt man, dass man kein erfolgreicher Unternehmer sei, wenn man nicht mindestens fünf Insolvenzen hinter sich hat. Sagen Sie das mal in Österreich … unmöglich! Ich glaube, dass man nicht alles in Eigenfinanzierung aufstellen kann. Warum? Weil man einen gewissen Hebel benötigt. Die Frage ist nur, wie riskant dieser Hebel ist. Bei manchen Banken wird man manche Finanzierungen nicht erhalten, weil die auf bestimmte Sicherheiten bestehen, die man vielleicht nicht hat. Andere Banken sind offener für Risiko, weil sie vielleicht ein breiteres Portfolio haben und es sich daher auch leisten können. Es spielen viele Parameter hinein.

Auf der KSV-Website ist zu lesen, dass die Medienanfragen zugenommen haben – wahrscheinlich durch vorhin genannte Insolvenzen sehr bekannter Unternehmen. Wie schwierig ist es, nicht in einem Halbsatz oder mit Unterton etwas zu kommunizieren, was man gar nicht sollte? Gerade bei solch großen Wirtschaftsfällen wird wahrscheinlich jedes Ihrer Worte auf die Waagschale gelegt. Sie müssen extrem aufpassen, was Sie wie sagen.

Grundsätzlich haben Sie vollkommen recht. Es kommt sehr auf den Kontext an. Bei Signa und KTM gab es ein sehr großes Interesse. Daher muss ich sehr darauf aufpassen, dass ich in manchen Momenten nicht etwas sage, das ich aktuell vielleicht noch nicht aussprechen sollte. Das macht es schon schwierig. Was ich nicht mache: etwas sagen, was nicht stimmt. Das liegt nicht in meinem Naturell. Es gibt eine Grenze zwischen Information und nicht alles sagen zu können. Ein schmaler Grat zwischen Wissen und Wahrnehmung. Bei Signa gab es Themen, die ich wusste und die Interviewer gerne gehört hätten, die ich allerdings nicht sagen konnte. Das ist mitunter schon eine Herausforderung. Daher muss man sehr gut vorbereitet in Interviews gehen.

Was durften Sie damals nicht sagen, was Sie nun schon sagen dürfen?

(lacht) Puh …
(denkt nach) … da fällt mir im Moment nichts ein.

Jemand, der bis jetzt mitgelesen hat, weiß bereits, dass Sie manchmal einen höheren Wissensstand haben, als Sie mitteilen dürfen. Daher können Sie nun ruhig verraten, um was es damals ging.

(lacht) Das ist wirklich nicht so einfach.

Glaub ich Ihnen.

Es handelt sich um spezielle Informationen, die im jeweiligen Kontext stehen. Man will es natürlich nachvollziehen können, obwohl es sehr spezifisch ist.

Was hätte passieren können, wenn Sie die Situation, an die Sie jetzt gedacht haben, damals öffentlich gemacht hätten?

Reaktionen von Gläubigern hätten anders ausfallen können. Mitarbeitende hätten zu einem anderen Verhalten geführt werden können. All diejenigen, die davon betroffen sind, hätten zu einer Verhaltensänderung geführt werden können. Die vielleicht aber das falsche Verhalten ausgelöst hätte. Daher ist das schon kritisch. Jede Äußerung kann unterschiedlich interpretiert werden, was aber vielleicht nicht klug wäre im Resultat des geänderten Verhaltens.

Lieblings-

Buch: Der alte König in seinem Exil (Arno Geiger)
Film: Gandhi
Song: Kind of Blue (Miles Davis)
Schauspieler/in: Sophia Loren, Jack Nicholson
Motto: Enjoy life! … und man sollte dabei Gutes tun.
Autor/in: Arno Geiger, Michael Köhlmeier
Serie: Suits
Stadt: Wien, Berlin
Land: Österreich
Gericht: Käsespätzle
Getränk: Cappuccino

Persönliches Mitbringsel

Ich habe ein T-Shirt von Jeunesse mitgebracht. Es handelt sich dabei um einen Verein, den es bereits seit 75 Jahren gibt – sowohl in Österreich als auch international. Die Aufgabe besteht darin, junge Musiker zu fördern, um auftreten zu können und eine Bühne zu bekommen. Alleine in Österreich gibt es mehr als 100 Veranstaltungen im Jahr. Neben der Förderung der Musikerinnen und Musiker sollen junge Menschen die Möglichkeit bekommen, zu vergünstigten Konditionen zu den Konzerten gehen zu können. Das Motto ist sozusagen »Von der Jugend für die Jugend«. Seit einigen Monaten bin ich ehrenamtlicher Rechnungsprüfer.
Ein weiteres Mitbringsel aus dem Movember: mein Moustache – ein Schnautzer als Ermunterung für Männer, dass sie die Vorsorgeuntersuchung rechtzeitig und laufend machen.
Gläubigerschützer Karl-Heinz Götze mit Jeunesse-T-Shirt und Moustache

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Jeunesse hängt sehr stark von Förderungen ab, auch vom Bund. Ohne Jeunesse würde es die Konzerte für Veranstalter und Jugendliche nicht mehr geben. Das Schöne ist, dass das nicht nur der Verein und ich so sehen, sondern auch viele andere Menschen. Aktuell wird überall gekürzt, aber wir haben letztens die Rückmeldung bekommen, dass die Förderungen bis auf Weiteres gesichert sind. Zu wissen, dass das Projekt finanziell abgesichert ist, war eine schöne Nachricht. Es liegt mir persönlich sehr am Herzen, dass die Jugend gefördert wird.

Negativstes: Ich habe mich vor einiger Zeit sehr gewundert über die Meldung der KV-Erhöhung bei der Wirtschaftskammer. Das war schon sehr im Widerspruch zu anderen Branchen. Auch wenn es rechnerisch passt, weil es das Jahr davor betrifft, hat der Kontext zeitlich überhaupt nicht gepasst, wenn andere bereit sind, ihren Beitrag zu leisten. Das war komplett unpassend, was mich persönlich schon geärgert hat. Alleine deswegen, weil ich durch meinen Beruf mitbekomme, wo welche Branchen überall zu kämpfen haben. Die hohe Inflation ist nicht lustig. Jeder von uns sieht, dass das Geld am Konto bei niedrigen Zinsen aktuell weniger wert wird.

Berufswunsch als Kind

Da ich in einer Unternehmerfamilie aufgewachsen bin, habe ich damals den Wunsch gehabt, auch Unternehmer zu werden. Das war im Bereich Baumaschinenhandel. Je älter ich geworden bin, desto weniger wollte ich den vorgegebenen Weg gehen, sondern davon ausbrechen. Ich hab dann die Branche auch nicht mehr so spannend gefunden.

Wen wollten Sie immer schon einmal treffen?

Barack Obama

Teenie-Schwarm

Meine jetzige Frau in zweiter Ehe.

Café-Bestellung

Cappuccino, Soda-Zitron

Ort des Interviews

Café Ritter
Und da war Talkaccino nun wieder einmal zu Gast in einem der altehrwürdigen Wiener Kaffeehäuser, dem Café Ritter auf der Mariahilfer Straße. Erstmals eröffnet wurde es 1867 im Sommerpalais des Fürsten Esterházy, 20 Jahre später, im Jahr 1887, übersiedelte es an das Eckhaus am heutigen Standort. Das Interieur gibt unmissverständlich zu verstehen, dass die Tradition des Wiener Kaffeehauses stolz hochgehalten wird – gepolsterte Sitzbänke, Tische mit Marmorplatten, eine Tortenvitrine und diverse Print-Zeitungen. Doch, passend zum heutigen Gespräch, muss man fairerweise sagen, dass auch das Ritter schon einmal kurz vor dem Aus gestanden hat: 2009 musste Konkurs angemeldet werden. Nach einem Auktionsverfahren hat es der Gastronom Harald Holzer übernommen und führt es bis heute. Totgesagte scheinen manchmal tatsächlich länger zu leben. Dem Ritter sei noch ein langes Leben vergönnt.