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Jäger Thomas Schön im Gespräch
Thomas Schön

Jäger

Leben
19.01.2021
Thomas Schön ist Bezirksjägermeister im 22. Wiener Gemeindebezirk und damit dem Wiener Landesjagdverband zugehörig. Dieser ist nicht nur die offizielle Interessenvertretung für alle Jägerinnen und Jäger Wiens, sondern steht auch als Informations- und Servicestelle für alle Jagdinteressierten zur Verfügung. Zu Schöns Revieren gehören Breitenlee, Aspern, Süßenbrunn und Essling.

Wann haben Sie zum letzten Mal eine Waffe abgefeuert?

Das war am 29. Dezember 2020.

Was für eine Waffe war das?

Eine Beretta Silver Pigeon, Kaliber 12/76. Das ist eine Schrotflinte. 

Ist das die einzige Waffe, die sie besitzen, oder haben sie mehrere?

Insgesamt besitze ich 13 Waffen. 

Für mich als Laie klingt das nach viel. Braucht man für jeden Jagdeinsatz eine andere Waffe?

Genau, für verschiedene Wildarten muss man verschiedene Kaliber verwenden. Auch bei den Schrotflinten habe ich mehrere, da ich die Sportschrotflinte nur zum Tontaubenschießen aus Übungszwecken verwende. Die hat beispielsweise einen längeren Lauf. Es kommt auf die Feinheiten an. Für Schwarzwild benötige ich ein stärkeres Kaliber als für Raubwild, wie beispielsweise einen Fuchs. 

Was haben Sie am 29. Dezember 2020 erlegt?

Niederwild – Hasen und Fasane.

Bis wohin geht die Arbeit des Jägers – häuten sie das Tier und weiden Sie es auch aus?

Meine Arbeit endet im Grunde in der Küche. 

Also beim Essen.

Genau. Ich verwerte jedes Tier, das ich erlege, außer Raubwild, wie Füchse oder Marder. Entweder bei mir in der Küche oder ich trete auch Freunden etwas ab, wenn sie gerne etwas davon essen wollen, aber eben nicht den Zugang zu dem Fleisch haben, da sie selbst nicht aktiv die Jagd ausüben. Grundsätzlich kommt das von mir geschossene Wild bei mir in die Gefriertruhe und wird in weiterer Folge verkocht. 
Jäger Thomas Schön im Interview

Ist man in Zeiten einer Pandemie als Jäger entspannter? Gerade am Anfang der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 hatten viele Menschen die Sorge, dass auch die Supermärkte zusperren könnten. Sie haben die Möglichkeit, Ihr Essen aus dem Wald zu holen.

Na ja, das ist schon etwas weit hergeholt. Das klingt eher nach der Steinzeit, in der der Mann auf die Jagd gegangen ist und das Essen heimgebracht hat, damit die Familie nicht hungern musste. So ist es ja nicht. 

Wenn wir uns den zeitlichen Ablauf der Pandemie ansehen: Man darf nicht zu jeder Jahreszeit jede Wildart erlegen, da das gesetzlich geregelt ist. Rehwild darf ich nur zu einer gewissen Zeit jagen. Als die Pandemie im März 2020 begonnen hat, hätte ich nicht einfach rausgehen dürfen, um ein Stück Rehwild zu erlegen, da das erst ab April erlaubt ist. Ich hatte solche Gedanken auch nicht. Prinzipiell hätte ich aber, wären die Supermärkte geschlossen worden, noch genug in der Kühltruhe gehabt und hätte mir dann wieder etwas erlegen können. 
»Wir Jäger sind Naturschützer, werden allerdings immer mit dem Bild des Tötens assoziiert«

Auf der Website des Wiener Landesjagdverbands steht, dass Jagd nachhaltig, wildtiergerecht und ökologisch ist. Wie dürfen sich Laien die Aufgaben eines Jägers vorstellen?

Ich sehe die Aufgabe eines Jägers als die eines Naturschützers. Wir sind viel draußen unterwegs und beobachten viel. Da gehören Sachen dazu wie Müll, der einfach in der Natur abgeladen wird. Oder auch frei laufende Hunde, die Wild hetzen. Die Jagd selbst sehen wir als Ernte. Wir entnehmen etwas aus der Natur und betrachten das als natürlichen Vorgang, da immer schon gejagt wurde, auch wenn sich die Voraussetzungen und Gründe geändert haben. Früher war es rein der Überlebenstrieb, wenn die Steinzeitmenschen ein Mammut mit Speeren und Keulen niedergerungen haben. Dennoch ist es nach wie vor eine jagdliche Ernte. Wir ernten das natürlichste und beste Stück Fleisch, das es gibt. Das ist mit Massentierhaltung nicht vergleichbar. Dort werden Hendln und Schweindln mit Lastwägen bei Hitze und Staub über die Autobahn in Schlachthöfe geführt. Das kaufen dann die Leute vom Supermarkt, finden das super, kennen die Vorgeschichte aber nicht. Was mich stört, ist, dass wir als Jäger immer mit dem Bild des Tötens assoziiert werden. Natürlich passieren Fehler, und es gibt sicherlich auch Jäger, die nicht aus den von mir angesprochenen Motiven jagen gehen, das sind allerdings nicht meine Beweggründe.

Da Sie vorher den frei laufenden Hund erwähnt haben: Jäger dürfen Hunde abschießen. Haben Sie schon einmal einen abgeschossen?

Nein.

Wie lange überlegt man, bis man einen frei laufenden Hund in der Wildnis schießt? Oder handelt es sich dann genau um die von Ihnen angesprochenen Jäger, die nicht mit dem entsprechenden Ernst an die Sache herangehen?

Diese Jäger gehören sicherlich zu denen, die so einen Abschuss eher wagen würden. Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen Jägern und Jagdaufsehern. Der Jagdaufseher hat eine erweiterte Jagdprüfung, die mehr in die Tiefe geht und die rechtlichen Rahmenbedingungen stärker behandelt. Als Jagdaufseher, der ich bin, bekommt man einen Dienstausweis und ist der verlängerte Arm der Behörde, mit mehr Rechten. Ich dürfte in meinem Revier einer anderen bewaffneten Person ihre Waffe abnehmen, was ich allerdings nicht machen werde, weil ich in dem Fall die Polizei rufen und nicht den Helden spielen würde. 

Um zurück zur Frage zu kommen: Als Jagdaufseher darf man – und das ist der entscheidende Unterschied – einen wildernden Hund oder eine wildernde Katze erlegen. Als »wildernd« gilt ein Hund laut Jagdgesetz, wenn er sich außerhalb der Ruf- und Blickweite seiner Besitzer bewegt, eine Katze dann, wenn sie in mehr als 300 Metern Entfernung von Häusern herumstreift. Wenn also ein Hund oder eine Katze alleine herumläuft, dürfte ich sie gesetzlich schießen. Man ist allerdings gut beraten, es nicht zu tun. Ohne Zeugen bleibt man über. Ich bin nicht bereit, meine Jagdkarte dafür aufs Spiel zu setzen. Mein Ansehen ist mir wichtiger als solch ein Abschuss.

Hatten Sie schon Probleme mit Tierschützern, da der Jäger trotz seiner Naturverbundenheit oftmals nicht als naturschützend betrachtet wird?

Immer wieder, ja. Wenn wir zur Jagd fahren, steigen wir zum Beispiel bei einem Feld an der Straße aus dem Auto. Wenn dort dann Leute vorbeifahren, bleiben sie stehen und schreien Sachen wie »Mörder« oder »Arschloch« aus dem Fenster. Sowas ist leider ganz normal. Manche sind uns auch schon nachgefahren und wollten uns am Jagdbetrieb hindern.
Jäger Thomas Schön im Interview

Wie viele Jäger gibt es österreichweit?

Gute Frage, über 100.000 werden es schon sein. Um es ganz genau zu erfahren, müsste man alle Landesjagdverbände kontaktieren und nach ihrer Mitgliederanzahl fragen. 

Wie viel Fläche wird einem Jäger zugeschrieben?

Gesetzlich sind mindestens 115 zusammenhängende Hektar ein Eigenjagdgebiet. 

Unterscheidet sich die Arbeit von einem Jäger in Wien im Vergleich zu einem Jäger im Salzkammergut?

Vom Ursprungsgedanken her nicht, von den Gegebenheiten logischerweise schon. In Wien jagen wir klassischerweise Niederwild, Rehwild und Schwarzwild. Im Salzkammergut gibt es andere Wildarten wie Gamswild und Murmeltiere. Bei uns in Wien spielen auch Füchse oder Marder eine größere Rolle, weil es die natürlichen Feinde vom Niederwild sind. In den Bergen spielt der Fuchs keine Rolle. Wenn der den einen oder anderen Waldhasen reißt, ist das egal. 

Die unbebauten Flächen Wiens sind in den vergangenen Jahrzehnten immer weniger geworden. Ist der Jäger in Wien damit ein aussterbender Beruf?

So leid es mir tut, das zu sagen, aber ja, das wird so sein. Einen zeitlichen Horizont kann ich allerdings keinen nennen. Das beste Beispiel ist die Seestadt – hier war früher alles Jagdgebiet! Mittlerweile stehen hier alle paar Monate neue Betonbauten, was Teil der unaufhaltsamen Urbanisierung ist. Die jagdlichen Bedingungen werden also immer schwieriger. 

Gibt es Tiere, denen sie lieber nicht begegnen wollen, wie beispielsweise einem Braunbären?

Einem Bären mag ich nicht gerne begegnen. Was mich auch nicht interessiert, ist Jagd in Afrika. Das Land und die unendlichen Steppen interessieren mich schon sehr. Aber Jagdtourismus in dem Sinne interessiert mich überhaupt nicht. 

Waren Sie auch schon außerhalb Österreichs jagen?

In Tschechien habe ich einen Rehbock und in Ungarn Wildschweine geschossen. In der Slowakei habe ich an einer Niederwildjagd teilgenommen.
»Ich wurde bereits mit einer Schrotflinte angeschossen«

Wie oft passieren in der Regel Jagdunfälle oder Eigenbeschüsse, so genanntes »friendly fire«, bei dem ein Jagdkollege getroffen wird?

Bei der Frage muss ich schmunzeln, da ich bereits selbst angeschossen wurde. Es ist schon länger her, das war 2008. Ich wurde mit einer Schrotflinte angeschossen, habe zwei Schrotkörner in den Oberschenkel und eines in den Bauch bekommen. Der Bauchschuss ist zum Glück durch die Weste abgefangen worden, beim Oberschenkel hat es sich so angefühlt, als hätte mir jemand mit der flachen Hand draufgeschlagen, es war ein brennender Schmerz. Ich habe etwas geblutet. Gott sei Dank ist es nicht in die Haut gegangen und war rein oberflächlich. Es ist also nochmals alles gut gegangen. Wie oft so etwas statistisch passiert, kann ich ehrlicherweise nicht sagen. Schlimme Jagdunfälle habe ich noch nicht erlebt. 

Wenn sich nun auch Leserinnen und Leser des Interviews überlegen, auf die Jagd gehen zu wollen: Wie sieht der Weg von der Überlegung bis zum fertigen Jagdschein aus?

Grundsätzlich sollte sich jeder für sich überlegen, warum man die Jagdprüfung machen will. Ich bin auch Jagdprüfer und oft bekommt man als Antwort, dass man in der Clique jagen gehen will. Hintergrund ist der, dass manche Geschäfte offenbar nicht mehr beim Tennis oder Golf, sondern bei der Jagd gemacht werden. Die wollen halt dabei sein und mitreden können, aber passionierte Jäger werden das mitunter nicht. Ich will auch nicht alle über einen Kamm scheren, oftmals ist es allerdings so. 

Es kommt auch aufs Umfeld an: Hat man aktive Jagdmöglichkeiten oder muss man jedes Mal um teures Geld in ein Jagdgebiet fahren? Viele stehen dann vor dem Dilemma, dass sie also gar nicht die Möglichkeit haben, jagen zu gehen, da die Reviere begrenzt sind. 

Betreffend Jagdmöglichkeiten kann man sich in diversen Jagdzeitschriften informieren. Oft wird in einem Revier ein so genannter Ausgeher gesucht oder aufgenommen. Mitunter könnte der zuständige Bezirksjägermeister auch helfen, da dieser eventuell den einen oder anderen Kontakt vermitteln kann. 

Wann gehen Sie das nächste Mal jagen?

Voraussichtlich kommende Woche, wenn ich mich trotz der Temperaturen dazu durchringen kann. Zurzeit ist die Jagd auf Füchse aktuell, die momentan ihre Paarungszeit haben.

Lieblings-

Buch: Habe ich keines.
Film: Die Hard, Forrest Gump
Song: Alles von Queen und AC/DC
Schauspieler/in: Bruce Willis, Tom Hanks
Motto: Genieße jeden Tag!
Autor/in: Habe ich nicht.
Serie: Ich bin nicht so der Serienschauer. Am ehesten »Columbo« und »Das Model und der Schnüffler«
Stadt: Wien
Land: Österreich
Gericht: Wiener Schnitzel und Pfeffersteak mit viel Pfeffer
Getränk: Bier

Persönliches Mitbringsel

Ich habe einen Anhänger von meinem Herzensclub Rapid Wien mitgenommen. So einen habe ich an jedem meiner Schlüsselanhänger mit dabei. Einen für den Dienstwagen, einen fürs private Auto, einen für den Haustorschlüssel.
Rapid-Wien-Schlüsselanhänger

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Mein Hund hat endlich angefangen, den Apportierbock beim Training zu nehmen und ihn ganz stolz vor Freude zu tragen.
Negativstes: Eine Lenkererhebung wegen Falschparken.

Berufswunsch als Kind

Gärtner

Wen wollten Sie immer schon einmal treffen?

Bruce Willis

Teenie-Schwarm

In der Mittelschule war ich in meine damalige Deutschlehrerin verliebt.

Café-Bestellung

Melange

Ort des Interviews

Café Leo Seestadt
Das Café Leo Seestadt gehört zur Waldviertler Bäckerei Riedrich und ist seit 1920 ein Familienbetrieb für Back- und Konditoreiwaren. Auf Zusatz- und Konservierungsstoffe wird laut eigenen Angaben genauso verzichtet wie auf maschinelle Weiterverarbeitung. Damit wird alles frisch und in Handarbeit in der hauseigenen Backstube im niederösterreichischen Horn gefertigt.