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Eine Blinde, ein Cerebralparetiker und ein Beinamputierter im Gespräch
Blinde, Cerebralparetiker, Beinamputierter

Gruppe Beeinträchtigter

Leben
19.08.2020
von links nach rechts

Kerstin Wrba ist blind. Sie ist 33 Jahre alt und arbeitet in einer Blindenbibliothek in einer Blindenschule. Zu ihren sportlichen Aktivitäten zählen schwimmen, laufen und Leichtathletik. Zu ihren Hobbys gehören kochen und ins Kino zu gehen.

Hannes Lerchbacher ist Cerebralparetiker. Er ist 40 Jahre alt, war bis vor kurzem Chefredakteur des Literaturmagazins »Buchkultur« und befindet sich aktuell in Ausbildung zum Psychotherapeuten, um damit in den Sozialbereich zu wechseln. Seit 2007 ist er Schwimmer im Österreichischen Behindertensportverband.

Reinhard Huber ist beinamputiert. Er ist 55 Jahre alt, hat zwei erwachsene Töchter und arbeitet als IT-Techniker. Zu seinen Hobbys zählen lesen, seine Modelleisenbahn und Sport – vor seiner Beinamputation.

Ich würde gerne mit einer Begriffsklärung beginnen. Wie lautet der korrekte Überbegriff für Menschen mit Behinderung?

Hannes: Für mich ist »Menschen mit Beeinträchtigung« die schönere Formulierung. Man hat eine Beeinträchtigung, und weil man die hat, wird man von der Gesellschaft behindert. Eine amerikanische Psychotherapeutin, die sich speziell mit Menschen mit Beeinträchtigung auseinandersetzt, meinte, dass Menschen in der Community eher den gegensätzlichen Begriff wählen. Die sagen »body-abled« für alle anderen, die das Glück haben, nicht beeinträchtigt zu sein.

Reinhard: Ich finde, fast sämtliche andere Sprachen haben schönere Begriffe als die deutsche. Beispielsweise »disabili« im Italienischen oder »handicapped« im Englischen. Alles besser als »behindert«. Ich gebe Hannes vollkommen recht: »Beeinträchtigt« ist wesentlich besser!

Kerstin: Ich kann mich beiden nur anschließen. Das Wort »Behinderung« mag ich auch nicht.
»Man hat eine Beeinträchtigung und wird von der Gesellschaft behindert«

Was sagt ihr zu der politisch korrekten Bezeichnung »Mensch mit besonderen Bedürfnissen«? Ich denke mir dabei immer, dass ich auch besondere Bedürfnisse habe.

Hannes: Für mich ist das diskriminierend, es so zu sagen. Was sind besondere Bedürfnisse? Wieso sind unsere besonderen Bedürfnisse »besonderer« als die von einem Menschen, der keine körperliche oder geistige Beeinträchtigung hat, der vielleicht trotzdem Schwierigkeiten im Alltag hat mit gewissen Dingen? Irgendwie hat dann jeder besondere Bedürfnisse.

Reinhard: Kann ich eins zu eins unterschreiben. Auch nicht beeinträchtigte Menschen haben besondere Bedürfnisse, die ein anderer so nicht hat oder braucht. Und dort wird es dann nicht hervorgehoben. Ich will jetzt nicht so weit gehen zu sagen, dass das eine Verletzung ist, aber es ist nicht notwendig, das extra zu betonen.

Kerstin: Auch hier kann ich mich wieder nur anschließen. Sehe ich genauso!

Bin ich als jemand, der eine optische Brille trägt, beeinträchtigt? Wenn ich die abnehme, bin ich bei manchen Tätigkeiten auch beeinträchtigt. Sei es beim Autofahren, sei es in der Arbeit oder auch beim Überqueren der Straße.

Hannes: Jemanden, der eine optische Brille trägt, kannst du nicht mit jemandem mit einer Sehbehinderung vergleichen, der tagtägliche Einschränkungen erleben muss. Ich kann meine Beeinträchtigung gut überspielen. Da heißt es dann oft: »Na, du hast ja eh nix.« Und da muss man dann halt schon aufpassen! Das kommt bei mir nicht gut an. Auch wenn ich die Schwierigkeit dahinter erkenne. Ich habe nämlich schon etwas, das auch medizinisch dokumentiert ist. Und die Einschränkungen dadurch sind massiv. Sowohl körperlich als auch mental. Das macht dich als Mensch aus! Es geht ja nicht nur darum, dass ich mich beim Stiegensteigen anhalten muss. Sondern eben auch: Wie komme ich in der Gesellschaft an? Ich würde es nicht so dramatisch sehen, wenn es nicht die Reaktionen der anderen Menschen geben würde. Als Erwachsener kann man hoffentlich irgendwann damit umgehen. Als Kind und Jugendlicher ist es mir sehr schwer gefallen. Die Nachwirkungen sind zum Teil heute noch zu spüren. Der Idealzustand wäre, dass man sich weniger an Dingen aufhängt, die uns voneinander unterscheiden. In Spanien ist der Umgang ein ganz ein anderer. Ich fühle mich dort willkommener als hier.

Was ist der Unterschied im Ländervergleich?

Reinhard: Die Selbstverständlichkeit. Ich kenne es aus Andalusien. Beeinträchtigungen sind dort kein Thema! Die Menschen gehen dort mit dir genauso um wie mit Menschen ohne Beeinträchtigung. Ein Beispiel: Im Winter, wenn ich lange Hosen trage, sieht man meine Beinamputation nicht. In Wien gibt es im Winter ständig Diskussionen, warum ich am Behindertenplatz sitze. Wenn ich dann sage, dass ich keinen Unterschenkel habe, ist die Verwunderung groß, weil man das ja nicht sieht. Muss man das sehen?! Es ist doch vollkommen egal, ob das jemand sieht oder nicht. In anderen Ländern ist sowas kein Thema. Wobei Österreich im Vergleich mit Frankreich wiederum Gold wert ist. Frankreich ist wesentlich schlimmer den beinträchtigen Menschen gegenüber.

Kerstin: Ich war heuer in Marrakesch. Die Offenheit der Menschen ist dort schon größer, auch wenn man eine Einschränkung hat. Manchmal reden Menschen mit mir in dritter Person, als ob ich gar nicht anwesend wäre. Ich denke mir dann nur: »Hallo, ich bin hier, frag mich selbst und nicht meine Begleitperson.« Man sieht es mir zwar am Stecken an, aber auch nicht immer, wenn ich flott gehe. Und dann höre ich manchmal so Sätze wie: »Na, du spielst die Blinde aber gut!« Da kann man nur weitergehen und sich nichts dabei denken. Bringt ja nichts.
Gruppe Beeinträchtigter im Gespräch im Café Ansari

Direkt Hannes gefragt: Wie beschreibst du deine Beeinträchtigung? Unter Blindheit oder einer Beinamputation kann man sich wahrscheinlich eher etwas vorstellen als unter Cerebralparese. Auch wenn man es Kindern erklärt.

Hannes: Cerebralparese heißt, dass es durch Schädigungen im Gehirn unter anderem zu Lähmungen kommt. Es sind viele Menschen davon betroffen, aber bei jedem ist es anders ausgeprägt. Prinzipiell ist das Nervensystem betroffen. Bei mir wirkt sich das so aus, dass die linke Körperseite motorisch nicht so ansprechbar und im Vergleich zur rechten Seite unterentwickelt ist. Bei anderen sind das Sprachzentrum oder Sinneswahrnehmungen betroffen. Außerdem ist der Muskeltonus im betroffenen Bereich sehr hoch. Durch Anstrengung oder unangenehme Situationen kommt es dann zu Spasmen.

Was sind unangenehme Situationen?

Hannes: Das kann alles sein. Sich schrecken zum Beispiel. Prinzipiell hat das jeder Mensch. Wenn man sich unwohl fühlt, erhöht sich der Muskeltonus. Und wenn er bei mir höher wird, als er ohnehin schon ist, verkrampft meine linke Seite. Das fällt hauptsächlich mir auf, wobei man es schon merken kann durchs Zucken, wenn man es weiß. Die Einschränkungen sind sehr unterschiedlich. Viele sitzen im Rollstuhl oder brauchen eine Gehhilfe. Ich bin von Ärztinnen und Ärzten und Therapeutinnen und Therapeuten sehr früh aufgegeben worden. Ich habe dann selber viel ausprobiert, um zu schauen, wie ich es besser machen kann. Ich habe mir dann sehr viel austrainiert und das Optimum rausgeholt. Lange Zeit habe ich sehr viel Energie reingesteckt, um es zu verstecken. Die hätte ich sicherlich anders verwenden können. Man sieht es mir also wenig an und damit muss ich mich manchmal noch mehr rechtfertigen.

Wird es mit dem Alter schlimmer oder besser, oder ist es ein gleichbleibender Zustand, der sich rein situativ verändert?

Hannes: Es wird generell schlechter. Ich hatte erst letztes Jahr wieder einen dreifachen Bandscheibenvorfall, der die Seite beeinträchtigt, die ich mein Leben lang überfordert habe. Dazu kommt der ständige Sauerstoffmangel im Körper, der es schwer macht, die richtige Balance zwischen Training und Regeneration zu finden. Je älter man wird, desto besser muss man auf sich achtgeben.
Eine Gruppe von Beeinträchtigten

Sind eure Behinderungen angeboren oder zu späterem Zeitpunkt entstanden?

Reinhard: 2010 war bei mir der Knackpunkt. Ich bin am 31. August beim Wandern abgestürzt, mit beiden Füßen voraus. Abgebremst wurde ich von einem morschen Baumstumpf. Beide Füße waren zertrümmert. Da ich seit 1999 Diabetiker bin, war die Knochensubstanz schlechter als bei einem gesunden Menschen. Die Trümmer sind damit nach dem Sturz nicht mehr zusammengebracht worden und ich habe Implantate in beide Füße bekommen. Damit konnte ich auch nicht mehr Auto fahren. Das hat mich anfangs mehr als die Beeinträchtigung gestört. 2018 hat sich ein Keim im Implantat festgesetzt und für eine Infektion gesorgt. Trotz Behandlung mit Antibiotika ist das immer wiedergekommen. Ich habe mich dann mit meinem Orthopäden für den radikalen Weg der Amputation entschieden. Der Unfall ist vom einen auf den anderen Tag gekommen. Der Weg zur Behinderung nicht. Das hat sich abgezeichnet.

Hannes: Spannend, dass dich das Autofahren mehr gestört hat. Ich habe schon von mehreren Frauen gehört, dass ich als Mann nicht in Frage komme, weil ich keinen Führerschein habe und ich daher in meiner Männlichkeit beschnitten bin.

Reinhard: Bei mir ging es eher darum, dass ich leidenschaftlich gerne Auto gefahren bin.

Hannes: Jedenfalls, bei mir ist es angeboren – Sauerstoffmangel bei der Geburt.

Kerstin: Bei mir hat es mit sieben oder acht Jahren in der Volksschule begonnen, dass ich am rechten Auge Fäden gesehen habe. Eine Brille habe ich schon seit dem Kindergarten getragen. Da war ich nur kurzsichtig, also nichts Tragisches. Durch die Fäden wurde beim Augenarzt festgestellt, dass ich vor und hinter der Netzhaut Ablagerungen habe. Ab der vierten Volksschule habe ich am rechten Auge nichts mehr gesehen. Am linken Auge konnte ich noch bis zum 14. Lebensjahr sehen. Dann habe ich den grauen Star bekommen. Durch eine Operation hätte ich besser sehen sollen. Allerdings hat mein Auge auf die Reaktion so heftig reagiert, dass ich danach nichts mehr gesehen habe. Das war schon ein Schlag zu anfangs.

Wie war die Umstellung von einem Leben ohne Behinderung zu einem Leben mit Behinderung? Zum einen von der eigenen Einstellung her, zum anderen auf die Wahrnehmung aus dem persönlichen Umfeld heraus bezogen.

Reinhard: Man macht alle Phasen durch. Fassungslosigkeit am Anfang, in der man sich einfach nicht auskennt. Dann kommt die Wutphase, in der man sich fragt, warum es gerade mich getroffen hat. Und dann wird man sich bewusst, dass man zwei Möglichkeiten hat. Entweder setze ich mich in ein Winkerl und bemitleide mich selber, dass ich ja total arm bin und alles gemein ist. Oder ich versuche, aus dem Ganzen das Beste zu machen. Unterstützung vom Familien- und Freundeskreis ist da wirklich Gold wert! Ich hatte diese Unterstützung und habe mich daher für den zweiten Weg entschieden. Ich gehe damit um, ich lebe damit, und es gehört zu mir.

Hannes: Es kommt darauf an, wie Menschen reagieren. Bei uns ist es eher dieses versteckte Hinschauen. Das ist extrem mühsam. Wenn jemand auf der Straße geht, dem etwas fehlt, schaue ich ja auch hin. Das ist ja das Normalste hinzuschauen. Aber so ein verschämtes Hinschauen ... offen ansprechen ist das Beste! Ich bin schon im Schwimmbad gefragt worden, warum ich den zweiten Arm nicht ausstrecke, was mit meinen Beinen los ist oder warum ich so komisch gehe. Das ist okay. Da kann man darauf reagieren. Da weiß man, die Person hat kein Problem damit und es ist alles gut.
Ich kann mich jetzt zwar nicht in Menschen reinfühlen, die durch einen Unfall eine Behinderung davongetragen haben. Aber durch den Behindertensport kenne ich natürlich viele. Für mich wirkt es so, dass Menschen, die einmal gesund waren, auch mit einem gesunden Selbstbewusstsein aufgewachsen sind. Die können auf etwas zurückgreifen. Bei mir war von Anfang an klar, dass etwas nicht mit mir stimmt. Ich bin eigentlich schon im Kindergarten gemobbt worden. Da wird dir schnell klar, dass es schon so ist, dass du anders bist. Dieser Funken des positiven Selbstverständnisses, zu dem man zurückkehren kann, der hat mir gefehlt. Mittlerweile bin ich in einem Alter, auch damit leben zu können.

Kerstin: Das mit dem positiven Rückblick stimmt. Ich habe einmal gesehen und kann daraus schöpfen. Ich weiß, wie Farben aussehen, ich habe ein räumliches Vorstellungsvermögen. Ich weiß, wie ein Sessel aussieht. Ein Geburtsblinder weiß das alles nicht. Der hat das anders gelernt. Mobbing war in der Schule weniger Thema. Später dann, als ich mich mit Freundinnen getroffen habe und es um Männer gegangen ist à la »Boah, schau mal, der Typ da drüben!« Da konnte ich dann nicht mitreden. Heute brauche ich Sehende und Blinde sowie Sehbehinderte in meinem Umfeld. Manchmal bin ich sogar dankbar dafür, weil ich niemals die Leute kennengelernt hätte, die ich jetzt kenne. Klar, ich hätte andere kennengelernt und der Weg wär anders verlaufen. Aber ich bin echt froh, weil ich mich gut aufgehoben fühle und einen guten Kreis um mich habe. Ich habe zum Beispiel erst zu singen begonnen, auf der Bühne, als ich blind war. Davor hätte ich mich nie getraut.
»Gehbehinderung, na danke. Da bin ich lieber blind«

Denkt ihr euch manchmal: Lieber hätte ich diese oder jene Art der Behinderung oder Beeinträchtigung? Weil man es sich vielleicht einfacher vorstellt?

Reinhard: Den umgekehrten Fall gibt es. Teilweise lernt man Sachen kennen, die man sich gar nicht vorstellen kann. Einmal war ich in einem Transport mit einem jungen Burschen, der Mukoviszidose (Anm.: seltene Lungenerkrankung) gehabt hat. Der war derart positiv, das war unglaublich. Da hab ich mir schon gedacht: »Ich hab’s mit den Füßen und pudl mich auf.«

Hannes: Ich hab’s gelernt zu akzeptieren und möchte die Erfahrung nicht missen. Ich bin sicherlich ein besserer Mensch dadurch geworden. Meine Beeinträchtigung kenne ich jetzt. Da will ich keine andere.

Kerstin: Ich muss auch sagen, dass ich nicht mit etwas anderem tauschen will. Also ... Gehbehinderung, na danke. Da bin ich lieber blind!

Hannes: Na, vielleicht wollen wir doch tauschen.
»Bessere Menschen sind wir per se nicht«

Habt ihr das Gefühl, dass ihr seit euren Behinderungen anderen Menschen gegenüber anders begegnet, bezogen auf etwaige Vorurteile? Sprich: Wo hattet ihr Vorurteile, die ihr so nun vielleicht nicht mehr habt oder die sich vielleicht gewandelt haben?

Reinhard: Ich bin fix davon überzeugt, dass sich mein Blick geändert hat. Man kannte es natürlich, dass es Menschen mit Behinderung gibt, auf die man aufpassen muss. Den Wortschatz hatten wir damals ja auch. Wenn man selbst betroffen ist, bekommt man allerdings einen komplett anderen Blick. Man lernt vor allem viele Menschen kennen, die selbst auch beeinträchtigt sind. Die Erfahrungen bekommt man mitgeteilt. Damit lebt man dann wesentlich informierter. Früher habe ich einen Rollstuhlfahrer nur aus dem Augenwinkel angesehen. Jetzt schaue ich bewusst und genau hin. Weil’s mich interessiert, was der da für ein Wagerl fährt. Den wird das aber nicht stören. Ich starre nicht aus Unwissenheit, sondern schaue aus Interesse. Das ist etwas ganz anderes.

Hannes: Nur weil Menschen Beeinträchtigungen haben, sind sie nicht davor gefeit, oberflächlich zu sein. Nur weil sie eine Beeinträchtigung haben, sind sie deswegen noch keine besseren Menschen. Wenn man Glück hat, reflektiert man vielleicht ein bisschen besser und hinterfragt sich vielleicht ein bisschen öfter, wie man andere Menschen einteilt und was man von ihnen denkt. Bessere Menschen sind wir per se nicht.

Wie geht es euch mit umgangssprachlichen Formulierungen wie beispielsweise »Heast, bist behindert?« oder »Bist blind, weilst das nicht siehst?«? Oder macht ihr das vielleicht sogar selbst, wenn es zum Beispiel um andere Ethnien geht, dass ihr mal salopp etwas dahersagt?

Hannes: Weil du andere Ethnien erwähnst. Da bekommt man ja mit, dass die untereinander Ausdrücke verwenden, die andere nicht verwenden sollten. So ist das bei uns in Wahrheit auch. Es gibt schon so Wörter, wie das K-Wort, die man untereinander schon mal verwendet.

Krüppel.

Hannes: Ja, genau. Ich nehme so etwas schon persönlich, wenn solche Floskeln fallen wie »Bist du behindert« oder »Das ist behindert«. Ich war letztes Jahr bei einer Hochzeit. Und einer meinte, dass er sicher nicht tanzt, weil er wie ein Spastiker tanzt. Ich meinte dann, dass er heute noch für mich tanzt, weil ich bin ein Spastiker und ich kann das wohl am besten einschätzen. Ich finde, jeder sollte sensibilisiert genug sein bezüglich Ethnien und Beeinträchtigungen. Bei Jugendlichen ist das vielleicht ein bisschen viel verlangt. Aber bei Erwachsenen sollte man schon meinen, dass das möglich ist. Es fängt vielleicht nicht bei der Sprache an, aber Sprache ist doch auch wichtig.

Kerstin: Ich höre immer wieder, dass blind gleich blöd ist. Damit kann ich gar nicht. Das geht einfach nicht! Aber das Wort »sehen« ... das finde ich ganz normal. Da fühle ich mich nicht verletzt. Ich sag ja auch: »Du, schau!« Manchmal sage ich das auch im Scherz, obwohl ich es nicht sehe.

Reinhard: Ich gebe beiden Vorrednern recht. Mir passiert sowas wirklich nur in der extremen Emotion. Wenn mir einer reinfährt oder reinrennt, dann sag ich schon: »Oida, bist blind?!« So halt auf die Schnelle. Gibt es schon. Aber eher in Ausnahmesituationen, in denen man nicht nachdenkt. Bei der Jugend sind halt manche Sachen im Sprachgebrauch drinnen.

Es liegt ja auch nicht am Begriff, sondern eher daran, was die Leute daraus machen.

Reinhard: Genau, es geht darum, was eigentlich hinter dem Begriff steht. Oder was im Zusammenhang mit dem Begriff verstanden wird. Ich habe gerade im Umgang mit Blinden schon gesehen, dass Leute mit ihnen umgehen, als ob sie Depperln wären. Das Geilste ist ja, mit einem Blinden besonders laut und deutlich zu sprechen. Leute, die sonst nur Dialekt reden, sprechen auf einmal nach der Schrift.
Gruppe Beeinträchtigter im Gespräch in einem Wiener Café

Gibt es Diskriminierungen unter Menschen mit Beeinträchtigung?

Hannes: Gibt es natürlich. Beeinträchtigungen machen einen ja nicht zu einem besseren Menschen. Der Mensch neigt immer dazu, negative Dinge bei anderen Menschen hervorzuholen, um sich selber besser darzustellen. Das macht jeder Mensch. Das ist eine Ego-Geschichte. Wenn es mir selbst nicht gut geht, schau ich, dass es einem anderen noch ein bissl schlechter geht, weil es mir dann ja wieder besser geht. Das gibt es bei Menschen mit Beeinträchtigungen genauso. Man hat vielleicht ein anderes Werkzeug, um reflektierter bezüglich seines eigenen Verhaltens zu sein. Aber man muss es auch wollen. Mensch ist Mensch.

Reinhard: Sehe ich auch so. Otto Schenk wurde einmal gefragt, wie er mit Juden umgeht. Hat er gesagt: »Wenn a Jud a Oaschloch ist, ist er a Oaschloch. Wenn a Jud ka Oaschloch is, is a ka Oaschloch.« Das ist vollkommen wurscht. Das ist bei Behinderten genauso. Ob die aus Frust oder anderen Gründen auf andere hinpecken. Bei Behinderten gibt es genauso Idioten, wie es sie bei nicht behinderten Menschen gibt. Das wird sich nicht dadurch verändern, ob man nun beeinträchtigt ist oder nicht.

Kerstin: Kann ich nur unterschreiben, was Hannes und Reinhard sagen.

Lieblings-

Buch: Kerstin: Bluthölle (Chris Carter). Hannes: Homo faber (Max Frisch). Reinhard: Antarctica (Steve Berry).
Film: Reinhard: Im Körper des Feindes. Hannes: Arsen und Spitzenhäubchen. Kerstin: Ziemlich beste Freunde.
Song: Kerstin: Where is he? (Evan Martin). Hannes: King of the road (Dean Martin). Reinhard: Nessun Dorma (Luciano Pavarotti).
Schauspieler/in: Reinhard: Bruce Willis. Hannes: Cary Grant. Kerstin: Liam Neeson.
Motto: Kerstin: Lebe jeden Tag so, als wäre es dein letzter!. Hannes: I am a peaceful warrior. I am strong and focused. Reinhard: Geht nicht gibt’s nicht.
Autor/in: Reinhard: Steve Berry und ähnliche. Hannes: Max Frisch. Kerstin: Simon Beckett.
Serie: Hannes: My name is Earl. Reinhard: CSI Las Vegas. Kerstin: How I met your mother.
Stadt: Reinhard: Barcelona. Hannes: Alicante. Kerstin: Rom.
Land: Kerstin: Griechenland. Hannes: Spanien. Reinhard: Österreich.
Gericht: Reinhard: Fleischknödel mit Sauerkraut. Hannes: Mohnnudeln. Kerstin: Putengeschnetzeltes.
Getränk: Kerstin: Zitronenmelissen-Limonade. Hannes: Heineken 0,0. Reinhard: gezapftes Bier.

Persönliches Mitbringsel

Hannes: Meine Beeinträchtigung.
Reinhard: Eine kleine Schatzkiste. Die habe ich zu meinem 30. Geburtstag von meinen besten Freunden geschenkt bekommen. Dort bewahre ich meine ganz wichtigen Sachen auf. Die ist mir sehr ans Herz gewachsen.
Kerstin: Mein Polster, den ich seit der Kindheit habe.

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Hannes
Schönstes: Ich mache aktuell ein Praktikum bei einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen. Dort Menschen lachen und ihre Lebensfreude zu sehen, obwohl sie sehr schwer beeinträchtigt sind.
Negativstes: Da muss ich passen. Ich arbeite das rasch ab und bin da mittlerweile relativ resilient. Heute war nichts und gestern ist schon wieder vergessen.

Reinhard
Schönstes: Letzte Woche ist mein bester Freund, den ich seit 45 Jahren kenne, zum zweiten Mal Opa geworden
Negativstes: Bei einer neuen Zahnfüllung ist mir ein Eck ausgebrochen. Ich hatte enorme Schmerzen und musste rasch zum Zahnarzt.

Kerstin
Schönstes: Ich war bei der City Wave und bin dort bei der stehenden Welle kurz für zwei Sekunden am Board gestanden. Davon gibt es sogar ein Foto.
Negativstes: Ich bin letztens an jemanden angestreift, und als er sich umdreht, gibt der mir noch mit dem Ellbogen eine in die Brust rein. Das war wirklich unnötig. Ich habe mich sogar entschuldigt.

Berufswunsch als Kind

Kerstin: Verkäuferin in einem Geschäft. Ich bin froh, dass ich es nicht geworden bin.
Reinhard: Ich wollte Lokomotivführer werden. Später dann Architekt.
Hannes: Straßenkehrer

Wen wolltet ihr immer schon einmal treffen?

Hannes: Kobe Bryant
Reinhard: Stephen Hawking
Kerstin: Meinen besten Freund, den ich jetzt habe. Ich bin einfach froh, dass ich ihn getroffen habe, so wie er ist. 

Teenie-Schwarm

Hannes: Ornella Muti
Reinhard: Olivia Newton-John
Kerstin: Die Backstreet Boys. Nicht einer. Alle.

Kaffeehaus-Bestellung

Reinhard: Cola light
Kerstin: Cappuccino und Zitronenmelissen-Limonade
Hannes: Zitronenmelissen-Limonade

Ort des Interviews

Café Ansari
Das Café Ansari befindet sich in der Praterstraße 15 in 1020 Wien. Es handelt sich um ein schickes, modernes Café mit internationaler Küche. Neben Wiener Frühstück finden sich auch marokkanische, russische, georgische und orientalische Köstlichkeiten auf der Speisekarte. Und wer ganz klassisch ein Gericht mit Ei bestellen will, hat auch hier die Qual der Wahl zwischen unterschiedlichen Variationen – Omelette oder Rührei, mit Huhn oder ohne, mit Pita oder doch lieber ein Ciabatta als Beilage, von den Gewürzen gar nicht erst zu sprechen. Und zum süßen Abschluss finden sich variierende Desserts auf der Speisekarte.