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Visual Artist Kinga Jakabffy im Interview
Kinga Jakabffy

Visual Artist

Kultur
29.09.2020
Kinga Jakabffy ist eine österreichische Künstlerin mit ungarisch-rumänischen Wurzeln. Geboren wurde sie 1988 in Bad Ischl, nach Zwischenstationen in Spanien und Kanada wohnt sie aktuell in Wien. Die studierte Publizistik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitete mehrere Jahre für internationale Werbeagenturen und machte sich 2018 als Visual Artist selbstständig. Zu ihrem Spektrum zählen Malereien, Illustrationen, Doodles, Live Drawings und Graphic Recordings.

Wenn man sich deine Bilder und deine Kunst ansieht, hat man das Gefühl, dass du autobiografisch arbeitest.

Definitiv! Ich glaube, dass das grundsätzlich bei vielen Künstlerinnen und Künstlern so ist, dass sie autobiografisch arbeiten, weil es gar nicht anders möglich ist. Man observiert und filtert die Welt durch die eigene Wahrnehmung und generiert dadurch seinen Output an Werken. Mich beschäftigt im Speziellen aktuell figurative Malerei. Ich beobachte Menschen sehr gerne und sehr viel und fokussiere mich auf diesen einen Moment, in dem man das Gefühl hat, die Person begriffen zu haben. Das kann durch eine Unterhaltung, aber auch durch einen einzigen Blick passieren. Auch wenn es vielleicht nur eine Facette ist. Damit ist es autobiografisch, da ich nur meinen Eindruck dieser Person wiedergeben kann.
»Meine Arbeit dient mir dazu, meine eigene weibliche Identität zu hinterfragen«

Was sind deine Inspirationsquellen?

Aktuell nehme ich meine Inspiration sehr stark von meiner neuen Beziehung – ich bin das erste Mal mit einer Frau zusammen. Das hat für mich eine große Identitätsfrage ausgelöst. Wie komme ich mit 32 Jahren zu einer Beziehung, die gegen alles spricht, was ich bisher hatte oder war? Das dominiert im Moment meine Arbeit. Ich arbeite sehr viel an weiblichen Modellen und porträtiere aktuell hauptsächlich Frauen. Es dient mir dazu, meine eigene weibliche Identität zu hinterfragen. Der Fokus auf das feminine Thema, meine Freundin und Frauen generell. Da geht es auch um Probleme, die es plötzlich gibt, weil man mit einer Frau zusammen ist, die ich bisher nicht hatte und kannte. Und: Wo stehe ich als Frau in der Gesellschaft? Daher kommt im Moment sehr viel Inspiration.
Kinga Jakabffy im Interview

Deine früheren Werke waren sehr stark von Linien gekennzeichnet, mit roten Farbtupfern auf den Geschlechtsteilen – das subtile Herausheben einer minimalen Provokation?

Das passiert sehr intuitiv bei mir. Diese Illustrationen, von denen du sprichst, sind sehr minimalistisch gehalten und sind eigentlich »line arts«. Man stellt dabei etwas mit einer durchgängigen Linie dar. In meinem Fall waren das oft Porträts oder Körper. Und dieser Farbakzent kam als Vollendung des Geschehenen dazu. Nur schwarze Linien auf weißem Papier sind nicht nur minimalistisch, sondern wirken oft auch sehr neutral. Da kann man was sehen drin oder auch nicht. Farben vermitteln mehr Tiefe und Emotion, die ein Strich so vielleicht nicht vermitteln kann. Für mich waren die roten Tupfer nicht ausschließlich Geschlechtsmerkmale. Das kann auch für die Leidenschaft stehen oder für einen gemeinsamen Moment, den die beiden Menschen geteilt haben. Oder es ist auch der Geschlechtsakt.

Du hast früher in Werbeagenturen gearbeitet, also einem sehr toughen Business, bezogen auf den Zeitaufwand. Seit zwei Jahren bist du als Künstlerin selbstständig und hast nun erstmals die Erfahrung gemacht, mit einer Frau eine Liebesbeziehung einzugehen. Bist du durch die freie Kunst freier geworden?

Ich glaube, ich bin durch die freie Kunst zu mir selber gekommen. Oder auch umgekehrt. Keine Ahnung, wo die Korrelation ist oder die Kausalität liegt. Als ich meinen Werbe-Job gekündigt habe und endlich mal das gemacht habe, worauf ich Bock hatte, bin ich schon sehr mutig zu mir selber gestanden. Ich hätte ja auch den sicheren Job mit gutem Verdienst und möglichen Aufstiegschancen behalten können. Das wäre also auch ein erfolgreicher Weg gewesen – sei es in einer Führungsposition oder auch selbstständig –, aber emotional erfüllt hätte mich das nicht. Das wäre nicht wirklich »ich« gewesen. Ich hatte immer den Eindruck, die Rolle der Werbefrau einzunehmen. Damit konnte ich mich nie identifizieren, auch wenn ich sie gut spielen konnte. Aber dazu bin ich nicht hier auf dieser Welt. Was ich wirklich wollte: jeden Tag Kunst machen, was auch wirklich viel Arbeit ist! Es war ein aktiver Prozess der Selbstfindung, Stück für Stück. Und nun bin ich mit einer Frau zusammen, weil ich ehrlich mit mir selber bin. Ich hatte immer schon eine Attraktion für Frauen! Das war von außen allerdings nicht für mich vorgesehen. Wenn man das ablegt, merkt man allerdings, dass das, was die anderen in dir sehen, irrelevant ist. Ich muss schauen, dass ich glücklich bin in diesem Leben. Sobald man das mal kapiert hat, steht man viel mehr zu sich selbst und kann ganz andere Entscheidungen treffen. Ich muss an der Stelle übrigens noch sagen, dass meine Familie zum Teil immer noch nicht weiß, dass ich mit einer Frau zusammen bin.

Nach dem Interview wissen sie es dann.

Nach dem Interview dann schon ... aber das ist voll okay. Ich habe es wegen Corona noch nicht kommuniziert. Ich habe sie schon länger nicht gesehen und wollte es ihnen persönlich mitteilen.
Kinga Jakabffy im Interview

Wie sehr haben dir deine Stationen des Publizistikstudiums und der Werbewelt geholfen, deinen Kunststil zu finden?

Es hat mich vor allem sehr stark geprägt, dass ich nicht in der Kreationsabteilung gearbeitet habe, sondern in der Kundenberatung. Das hilft mir aktuell sehr, mit Menschen besser umzugehen. Ich komme leicht ins Gespräch und kann mich bei Networking-Events deutlich besser unterhalten. Und Budgets kann ich auch diskutieren, was ich als freischaffende Künstlerin sonst wahrscheinlich nicht hätte können. Aber ja, auch inhaltlich hat es mich geprägt, weil visuelles Kommunizieren von Werbeinhalten sehr oft auch dem Prozess der freischaffenden Kunst ähnelt. Manches muss man auch auf eine konkrete Message runterbrechen, damit es funktioniert. Ich habe auf einer Leinwand nicht unendlich viel Platz, etwas auszudrücken. Der Background in der Werbung hat mir also schon geholfen, in kurzen, prägnanten und präzisen Messages zu denken, damit das vermittelt wird, was ich ausdrücken möchte.

In deinen Unterlagen finden sich Sätze wie »Die beste Werbung ist Kunst«, »Kunst ist ein sinnliches Erlebnis« und »Ich will Kunst schmecken«. Wie schmeckt Kunst, die in der Werbung all ihre Sinnlichkeit einsetzt, um zu einem verführerischen Geschmackserlebnis zu werden?

Ich trenne Werbung und Kunst mittlerweile sehr stark. Diese beiden Welten sind nicht mehr vereinbar für mich, weil sie ganz unterschiedliche Ziele verfolgen. Werbung soll zum Konsum anregen und Kunst soll zu einem Reflexionsprozess führen. Es geht also viel mehr darum, in sich selbst einzutauchen und sich zu fragen, was dieses Bild in mir eigentlich auslöst, wenn ich davor stehe. Das machst du bei Werbung ja nicht. Dort sollst du einfach nur schnell kaufen. Bei der Kunst möchtest du im Prozess innehalten und ihn so lange auslutschen, wie es nur geht. Wenn du in einer Galerie bist und vor einem Bild stehen bleibst, dann frag dich, warum du genau vor diesem einen Bild stehen bleibst und nicht vor einem anderen! Was empfindest du, was löst es in dir aus, woran denkst du? Es geht also nicht um den Akt des Konsums, wobei es natürlich schön ist, wenn es passiert. Das möchte ich gar nicht leugnen.

Bei den Zitaten mit »Kunst schmecken« ging es um ein konkretes Projekt. Ich kuratiere auch Ausstellungen für Firmen. Es wird mit Künstlern zusammengearbeitet, um ein Erlebnis zu schaffen. Und das Schmecken von Kunst ist natürlich ein sinnliches Erlebnis. Visuelle Erfahrungen und Geschmackserlebnisse kann man extrem gut paaren. Man kann einen Raum so ausstatten, dass er zu dir spricht auf einer sinnlichen Ebene – visuell, auditiv und vielleicht noch mit einem Glas Rotwein bei einer Vernissage. Es ist ein allumfassende Erlebnis, an das du dich zu Hause erinnerst, weil es ein schöner Moment war, in diesem Setting gewesen zu sein.
»Bei Kunst geht es nicht um den Akt des Konsums«

Wo hört die Kunst auf, wo fängt der Kommerz an?

Das ist eine ziemlich gute Frage! Man muss als Künstlerin schon so ehrlich zu sich sein, dass es auch der Brotjob ist. Diese Grenze, bis wohin ich freischaffend produziere und ab wo produziere ich für einen Markt, von dem ich weiß, dass es ihn gibt, ist eine schwierige. Es ist ein zweischneidiges Schwert, weil man sich ausdrücken und entfalten will im Schaffensprozess, was wirklich wichtig ist. Aber es muss halt schon auch zu jemandem sprechen. Weil, wenn es kein Publikum gibt, dann gibt es eben auch keine Abnehmer. Es ist wie eine Medaille, weil es beide Seiten braucht. Ansonsten kann man ja auch für sich selber produzieren und einfach Tagebuch schreiben. Die Frage muss sich also jeder Künstler und jede Künstlerin selber stellen. Es ist eine individuelle Entscheidung.

Arbeitest du mit echten Farben, Pinseln und Leinwänden, oder ist das ein eher verklärtes Bild, weil mittlerweile alles digital am Bildschirm perfekt durchdekliniert wird?

Ich arbeite analog und digital. Ich liebe analog allerdings viel mehr. Die Vorteile sind die Pinselfarbe und dreckige Finger am Ende des Tages.

Das sind die Vorteile?

Ich liebe das! Es gibt mir total viel Energie. Es ist ein Hands-on-Prozess. Du machst Fehler, aus denen du dann das Endprodukt erschaffen kannst. Wenn du dich vermalst, malst du drüber und etwas Neues ergibt sich. Beim digitalen Arbeiten kannst du dafür schneller arbeiten. Es ist die kostengünstigere Alternative. Und du kannst für digitale Medien eher etwas schaffen, was für Social-Media-Auftritte wichtig sein kann oder auch für Magazin-Illustrationen. Es sind andere Zugänge zur Kunst.
Kinga Jakabffy im Interview

Doodles, Live Drawings, Graphic Recordings – zu jedem Begriff bitte EINEN erklärenden Satz.

Doodles sind die schnellste Möglichkeit einer Bestandsaufnahme.

Live Drawing ist ein intimer Prozess, um die Künstlerin oder den Künstler hautnah zu erleben.

Graphic Recording erfordert extrem genaues Zuhören und die Fähigkeit, gleichzeitig zu abstrahieren, um das Gehörte wiederzugeben.

Wenn du deine Arbeit mit einem Bezirk in Wien vergleichst, welcher wäre es und warum?

Es muss der neunte Bezirk sein, weil ich seit sechs oder sieben Jahren hier lebe. Ich finde ihn extrem divers. Er hat das Servitenviertel, ist ein bisschen gehobener, man ist am Donaukanal, es ist sehr idyllisch, und man bekommt ein bisschen einen Fernweh-Flair. Unterschiedliche Cafés, mediterraner Touch, das Institut Français, die zweisprachigen Kinder, die herumlaufen, und auch die Nähe zur Uni. Man spürt immer die zweite Welle an nachkommendem Potential an jungem Flair. Diese Gegensätze probiere ich, auch in meinem Job und Leben zu kombinieren. Aus dem Nichts etwas schaffen, und es zu etwas Ästhetischem und Schönem zu machen, so bisschen »easy living«.

Wo würden sich deine Bilder wiederfinden – egal, ob Museum, Film, Gallerie, Werbung, Magazin etc. –, wenn du es dir wünschen könntest? Freie Wahl!

Mein Wunsch wäre, im »Tate Modern« auszustellen. Das ist das Museum für moderne Kunst in London. Dort würde ich gerne hängen. Es gibt dort einen Raum, dort könnte ich Stunden sitzen und mir die Bilder ansehen. Es hat sich so angefühlt, als ob ich dort zu Hause wäre. Wenn ich dort wo hängen würde, hätte ich es geschafft!

Lieblings-

Buch: Alice im Wunderland (Lewis Carroll)
Film: My Girl, Sin City
Song: Das ändert sich jede Woche, da ich ein absoluter Stimmungsmensch bin und ich zu allem Musik höre. Im Moment ist es »Ochi Chornyje«, interpretiert von Roby Lakatos. 
Schauspieler/in: Penélope Cruz
Motto: Immer im Moment sein!
Autor/in: Haruki Murakami
Serie: Umbrella Academy
Stadt: Barcelona
Land: Spanien
Gericht: French Toast von meiner Mama
Getränk: Kaffee

Persönliches Mitbringsel

Ein abgeranzter Flyer meiner ersten Solo-Ausstellung inklusive Kaffee- und Rotweinfleck sowie Faltkante. Er erinnert mich daran, wie das Gefühl war, einen ganzen Raum mit mehreren hundert Leuten nur mit meinen Werken gestaltet zu sehen und dabei meine erste Malerei zu verkaufen. Das war ein großes Highlight. Dieses Gefühl, zu wissen, jemand hat verstanden, worum es mir gegangen ist. Ich habe mich mit dem Käufer länger unterhalten. Er meinte, er hatte das Gefühl, es hat ihn an seinen Sommerurlaub in Italien mit seiner Frau erinnert. Das Spannende war, dass ich das Bild eine Woche nach meinem eigenen Italienurlaub in der gleichen Stadt, in der er Urlaub gemacht hat, gemalt habe. Wir haben also völlig unabhängig voneinander miteinander kommuniziert. Jetzt hängt es in seinem Arbeitszimmer und heuer hat er ein Porträt von sich selbst bei mir in Auftrag gegeben.

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Das ist leicht. Ich bin im See untergetaucht. Die zwei, drei Atemzüge, die man unter Wasser auspustet, bevor man wieder rauf muss, um wieder Luft zu schnappen ... das ist für mich absolute Freiheit!

Negativstes: Ich habe Familie und Ungarn und Rumänien, die ich seit einem guten halben Jahr gar nicht mehr gesehen habe, aus Covid-Gründen. Das überträgt sich auf mein inneres Seelenwohl. Meine Oma ist 84 geworden, meine Mutter hat ihren 60. Geburtstag gehabt, aber nicht gefeiert, und ist in Pension gegangen. Es waren also große »Happenings«, die wir nicht miteinander teilen konnten.

Berufswunsch als Kind

Künstlerin. Schon mit drei oder vier Jahren habe ich angefangen zu malen und ich habe es geliebt! Auch Sachen ausschneiden und zusammenzupicken habe ich total genau und präzise gemacht. Alle haben mich immer gefragt, ob ich das für sie mitmachen kann. Meine Eltern haben mir den Wunsch, Künstlerin zu werden, dann ausgeredet. Mit 30 habe ich mir dann gedacht, dass ich alt genug bin, um endlich meine eigenen Entscheidungen zu treffen.

Wen wolltest du immer schon einmal treffen?

Mit Tamara de Lempicka und Salvador Dalí hätte ich gern ein Glaserl getrunken.

Teenie-Schwarm

Aaron Carter und Sporty Spice

Café-Bestellung

Cappuccino sowie Planchette du Sud mit Melanzani, Zucchini und gegrilltem Paprika

Ort des Interviews

La Mercerie
La Mercerie ist ein französisches Bistro in der Berggasse 25 in 1090 Wien. Und nein, es wurde nicht vergessen, die Website zu verlinken. Die Mercerie hat schlicht und ergreifend keine Website. Übrigens: auch kein Telefon. Wer also einen Tisch haben möchte, kann auf gut Glück oder mit persönlicher Reservierung vor Ort vorbeischauen. Rückbesinnung auf alte Werte, Savoir-vivre und so. Wir haben’s genossen und kommen gerne wieder. Au revoir beim nächsten Croissant oder Pain aux raisins!

Bildgallerie

Bilder zur Verfügung gestellt von Kinga Jakabffy