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Schriftsteller Roman Klementovic im Gespräch
Roman Klementovic

Schriftsteller

Kultur
25.08.2020
Roman Klementovic wurde 1982 in Wien geboren und wuchs im niederösterreichischen Marchfeld auf. Er studierte Internationale Entwicklung und arbeitete später im Marketing. Er liebt Pubs und Fußball. Außerdem reist und musiziert er gerne. Literarisch bewegt er sich mit dem Genre »Thriller« eher in der düsteren Ecke der Belletristik. Sein Debütroman erschien 2015. Seitdem hat er 2016 und 2017 zwei weitere Bücher veröffentlicht. Sein vierter und neuester Roman »Wenn das Licht gefriert« erscheint am 9. September 2020.

Ich würde das heutige Interview gerne mit einer etwas blöden Frage beginnen: Ist es als Buchautor ein Nachteil, wenn man Roman heißt?

(lacht) Die Frage habe ich noch nicht gehört! Habe ich ehrlicherweise noch nicht darüber nachgedacht. Hm. Ich glaube nicht, dass es ein Nachteil ist. Klementovic ist halt auch kein Ohrwurm, wenn wir uns ehrlich sind. Ich habe vor meinem ersten Buch überlegt, ob ich unter meinem richtigen Namen oder unter einem Pseudonym veröffentlichen soll. Ich habe mich für meinen richtigen entschieden. Heute bereue ich es ein wenig, weil ich doch lieber ein Pseudonym hätte. Den Geburtsnamen meiner Mutter finde ich cool. Die Großeltern haben Wild geheißen. Ich habe mich im letzten Moment vor der Veröffentlichung dagegen entschieden. Wenn man es englisch liest, geht das schon ein bisschen in die Porno-Richtung. (lacht) 
»Jeder hat seine düstere Seite in sich«

Wenn man düstere Geschichten schreibt, hat man dann privat auch oft düstere Gedanken?

Ja, wahrscheinlich. Ich glaube, jeder hat seine düstere Seite in sich. Das liegt in der Natur des Menschen, dass er auch düstere Seiten und Gedanken hat. Prinzipiell glaube ich allerdings, dass ich ein sehr lustiger und humorvoller Mensch bin. Dass ich mal richtig schlecht drauf bin, passiert eigentlich selten.

Comedians sagt man zum Teil nach, dass sie privat sehr ernst sind oder teilweise sogar depressive Züge haben können. Demnach müsstest du als Thrillerautor privat sehr lustig sein.

Glaube ich schon. Das ist so einer meiner USPs. Ich tendiere aber auch zu schlechten Witzen. Wenn ich zehn Witze erzähle, können schon mal sieben oder acht in die Hose gehen, aber ein, zwei davon sind dann halt der Knaller!

Wie oft wolltest du schon mal jemanden umbringen?

Ich glaube, noch nie. Jemanden umzubringen, da gehört schon viel dazu! Das wollte ich wirklich noch nie.

Auch nicht im Affekt, rein in Gedanken?

Nein. A Watschn geben, ja. Aber umbringen, nein. So schlimm wurde weder ich noch einer meiner Liebsten verletzt, dass das passiert wäre. Zum Glück! Wobei man ja immer wieder mal hört, dass jeder zum Mörder werden kann. Es gibt ja viele Geschichten aus dem wahren Leben. Wo auf einmal Menschen, die keine kriminelle Vergangenheit hatten, aus der Bahn geworfen werden durch einen blöden Zufall. Da passiert irgendein Scheißfehler, den sie selbst oder jemand anders machen, und damit werden sie zum Mörder. Also so gesehen traue ich mich auch nicht zu 100 Prozent, die Hand ins Feuer zu legen.
Roman Klementovic mit Burger

Du hast bis zum 30sten Lebensjahr keine Bücher gelesen.

Hauptsächlich Sachbücher oder Bücher, die ich für die Uni benötigt habe.

Seitdem du dann begonnen hast, Romane zu lesen, hast du selbst fast jedes Jahr einen Thriller geschrieben oder veröffentlicht.

Ich habe mir kurze Zeit nachdem ich intensiv zu lesen begonnen habe, gedacht, dass Geschichten nicht nur als Film, sondern als Buch richtig cool sind. Und dann dachte ich mir, dass ich das selber auch kann, Geschichten erfinden. Da hatte ich dann die Geschichte für meinen ersten Roman im Kopf und habe begonnen zu schreiben.

Kann damit jeder Spätberufene ohne Erfahrung beginnen zu schreiben?

Sicher! Jeder kann alles.

Aber nicht im selben Leben.

Doch, finde ich schon. Ich glaube, Begeisterung schlägt Talent.

Der Fleißige überholt den Talentierten.

Ich glaube, wenn Begeisterung darin steckt, wenn man Feuer und Flamme ist und sein ganzes Herzblut reinsteckt und auch wirklich am nötigen Know-how arbeitet, kann das jeder.
Roman Klementovic im Interview

Wie viele Verlage musstest du anschreiben, bis es tatsächlich zu einer Veröffentlichung gekommen ist?

Ich hatte die Geschichte im Kopf, habe sie geschrieben und meiner Mama gezeigt. Die war begeistert. Da dachte ich mir, dass das Ganze ja super sein muss, wenn es meiner Mama und mir gefällt! Das war zu einer Zeit, in der ich mich noch nicht mit dem Handwerk des Schreibens beschäftigt habe. Also den ganzen Techniken, dem Aufbau von Figuren und so weiter. Ich habe die Geschichte dann an die zwanzig Verlagen geschickt. Von fünf habe ich eine Absage erhalten, die anderen haben sich nie gemeldet. Und dann hatte ich den Gedanken, dass das, was ich da mache, vielleicht doch nicht so toll ist, wie meine Mama und ich dachten. Und dass ich mich vielleicht einmal damit beschäftigen müsste, wie man das macht, eine Geschichte zu schreiben. Ich habe zum einen ganz viel Literatur besorgt, in der es darum geht, wie man einen Plot aufbaut, wie man Figuren entwickelt und wie man einen Spannungsbogen aufbaut. Eben die ganzen Grundtechniken. Und ich habe viel Kontakt zu anderen Autoren aufgenommen, die ich schätze und die mir gefallen haben. Die habe ich angeschrieben und gefragt, ob wir auf einen Kaffee gehen wollen oder ob ich sie zum Essen einladen darf, weil ich gerne ein paar Fragen stellen würde. Viele haben sehr bereitwillig geholfen.

Wer war das?

Andreas Gruber, Gerhard Loibelsberger, Clemens Haipl und Thomas Mraz zum Beispiel. Es ging aber nicht immer nur ums Schreiben. Ich habe immer wieder etwas aufgeschnappt, was ich vielleicht im Moment nicht brauchen konnte, dafür aber zu einem späteren Zeitpunkt.

Haben sich manche von den Verlagen, die dir abgesagt haben für deine erste Geschichte, nach deinem zweiten oder dritten Roman gemeldet, um nun doch mit dir zusammenzuarbeiten?

Geh, bitte! Von denen hat wahrscheinlich niemand meine Geschichte gelesen. Die haben doch keine Ahnung, dass ich ihnen überhaupt etwas geschickt habe. Ich habe jetzt auswendig keine Zahl parat. Aber es werden extrem viele unaufgeforderte Manuskripte an Verlage oder Agenturen geschickt. Die lesen oft nicht mehr als den ersten Satz. Wenn du Glück hast, lesen sie vielleicht den ersten Absatz. Die allerwenigsten Autoren, die etwas einsenden, schaffen es, dass überhaupt die erste Seite von ihnen gelesen wird. Die Chance, wenn du unaufgefordert etwas übermittelst, gelesen zu werden, ist Nahe null. Bei Verlagen. Bei Agenturen ist es ein bisschen anders. Die sind das Bindeglied zwischen Verlagen und Autoren. Bei kleinen Verlagen ist die Wahrscheinlichkeit vielleicht auch noch etwas höher.

Wie würdest du deinen neuen Roman »Wenn das Licht gefriert« in einem Satz beschreiben?

Supercool! Aber das war jetzt kein Satz, gell? (lacht)

Schön umschifft, um die Antwort maximal auszudehnen.

Es ist ein Thriller, der sich am Rande eines Familiendramas bewegt.

TV-Media schreibt, dass das Buch ein wahrer »Pageturner« sei, die Wiener Zeitung schreibt von einer »nervenzerfetzenden« Geschichte. Fühlt man sich geschmeichelt bei solchen Kritiken, oder macht es eher nervös, weil man Angst hat, dass die Erwartungen beim Publikum unter Umständen nicht erfüllt werden können?

Ich freue mich da sehr drüber, finde ich ziemlich geil! Andererseits: Als ich zu schreiben begonnen habe, war ich irrsinnig nervös bei den ersten Kritiken – egal ob von Lesern oder von Medien. In meinem Fall waren Verrisse zum Glück sehr selten, aber dementsprechend fertig war ich dann auch, wenn es doch mal passiert ist. Und irgendwann habe ich mir gedacht, dass es doch wirklich scheißegal ist. Das Leben ändert sich ja genau null dadurch. Es gibt wahrscheinlich keine Geschichte auf der ganzen Welt, die jedem gefällt. Für den einen ist es die beste Geschichte, die er jemals gelesen hat. Für den andern ist es purer Schrott. Die Geschmäcker sind extrem verschieden, und das ist auch gut so.
Roman Klementovic lachend im Interview

Hast du dann die Kritiker, ähnlich wie andere Autoren, angeschrieben und gefragt, ob ihr vielleicht ein bissl plaudern wollt?

Glaubst du, die haben Lust, mit mir auf ein Bier zu gehen, wenn sie mein Buch scheiße finden? (lacht)

Vielleicht, um herauszufinden, ob sie dich als Person auch scheiße finden ...

...

... oder eben auch gut finden.

Das interessiert mich wirklich peripher. Ich habe genug Freunde, die mich leiwand finden. Ich habe meine Familie. Ich bin dankbar für jeden, der mein Buch liest und sich die Mühe macht, eine Kritik zu schreiben. Ich freue mich über jede positive Kritik. Ich bin aber niemandem böse, wenn er oder sie es scheiße findet. Ist okay. Gibt genug Bücher, die ich scheiße gefunden habe, und es gibt genug Bands oder Songs, die ich scheiße finde. Aber deswegen bin ich kein schlechter Mensch.

Wobei mir jetzt doch noch etwas einfällt, was mich letztens geärgert hat. Ich habe letztens eine User-Bewertung bekommen, die top war. Das Buch ist in den höchsten Tönen gelobt worden. Vergeben wurde allerdings ein Stern. (lacht)

Das Hörbuch wurde von Ulla Wagener eingesprochen. Wie wird die Synchronstimme für Hörbücher ausgewählt?

In dem Fall war es so, dass mir der Verlag drei Stimmen geschickt hat, die verlagsseitig in Frage gekommen sind. Ich bin gebeten worden, eine auszuwählen. Ich habe die Augen geschlossen und habe überlegt, welche Stimme am besten zu meiner Protagonistin passt.

Cornelia Travnicek meinte im Interview, dass sie für jeden Roman auch einen schreibt, den sie wegwirft. Da du mit deinem aktuellen Buch in fünf Jahren vier Bücher geschrieben hast, müsstest du demnach die ganze Zeit durchgeschrieben haben, weil du doppelt so viel geschrieben wie veröffentlicht hast. Wie verhalten sich Produktion und Veröffentlichung bei dir?

Ich werfe mindestens einen weg. Ich schreibe jeden Tag. Zu »Wenn das Licht gefriert« hatte ich die Initialidee sicherlich schon vor drei oder vier Jahren. Ich habe damals mit einer anderen Protagonistin angefangen zu schreiben. Und nach drei oder vier Kapiteln beziehungsweise circa 50 Seiten habe ich gemerkt, dass das nicht rund ist und ich nicht das Feeling dabei habe. Ich habe dann immer wieder neu angefangen.

Mit der Zeit hatte ich ein Aha-Erlebnis. Ich habe ein Gedicht von Till Lindemann (Anm.: Frontmann der Band Rammstein) gelesen in seinem Gedichtband »In stillen Nächten«. Da gibt es das Gedicht »Liebe«. Das ist in meinem Buch vorne abgedruckt. Das war ein entscheidender Gedanke für mich. Perfekt für den Einstieg. Und wenn man die letzte Seite vom Roman liest, wird es nochmals aufgegriffen und die beiden Gedichtzeilen werden erklärt.

Ansonsten habe ich aktuell einiges in der digitalen Schublade liegen. So an die 15 Ideen, an die ich glaube, bei denen ich aber noch nicht den richtigen Zugang gefunden habe.

Wärst du ein guter Ghostwriter, im Sinne von: Die Geschichten von dieser oder jenen Person würden mit deinem Stil deiner Meinung nach deutlich besser oder zumindest aufgepeppt werden?

Das möchte ich mir nicht anmaßen, dass ich das könnte. Es kommt schon vor, dass ich Bücher mit 500 oder 600 Seiten lese, und ich denke mir, dass man 100 Seiten locker rausstreichen hätte können und es damit spannender geworden wäre. Ich lese selten Bücher mit 600 Seiten oder mehr, die mich dann wirklich fesseln. Da finde ich oft Dinge, die ich für meinen Geschmack rausgestrichen hätte.

Gibt es ein Genre oder eine Geschichte, in dem oder in der du dich gerne probieren würdest, wo du aber jetzt schon weißt, dass das einfach nichts wird – sei es stilistisch oder handwerklich oder der Fantasie wegen?

Es klingt jetzt vielleicht arrogant, aber ich glaube, dass jeder alles kann, was er will und sich in den Kopf setzt. Solange genug Zeit und Leidenschaft investiert wird. Es gibt schon ein Genre, das ich gerne einmal probieren würde und sicher auch einmal probieren werde. Und ich glaube, ohne arrogant klingen zu wollen, dass ich das schon hinbekommen werde. Ich fände einen anspruchsvollen Liebesroman ganz nett.

Was wäre denn anspruchsvoll?

Ich stehe auf total verträumte Liebesgeschichten à la »Die fabelhafte Welt der Amélie« oder »Der wunderbare Garten der Bella Brown«. Jedes Mal, wenn ich so einen Film sehe, denke ich mir, dass ich sowas gerne mal schreiben will. In den letzten Jahren war ich allerdings nicht in der richtigen Stimmung dafür.
»Mich berührt und bewegt nichts so sehr wie Musik, auch wenn mein Genre die Literatur ist«

Um – wie einst Susi von Herzblatt – zusammenzufassen: Der düstere Thriller-Roman-Schreiber, der eigentlich ein lustiger Mensch ist, in dem steckt ein leidenschaftlicher Romantiker?

Ja, kann man so sagen. Mich berührt und bewegt nichts so sehr wie Musik, auch wenn mein Genre die Literatur ist. Wenn ich alleine in einem abgedunkelten Raum mit meinen Kopfhörern und einem guten Whiskey sitze und ein hochdramatisches, melancholisches Lied höre, kann es schon vorkommen, dass mich die Musik so sehr berührt, dass mir die Tränen kommen.

Lieblings-

Buch: Cry Baby (Gillian Flynn)
Film: Shutter Island
Song: Unmöglich, einen auszuwählen! Deswegen nenne ich einfach einen Song, bei dem ich zuletzt Gänsehaut hatte: Frank Turners »Eat the Meek«-Cover von NOFX
Schauspieler/in: Leonardo DiCaprio
Motto: Rapid Wien – Lebenssinn (schmunzelt)
Autor/in: Gillian Flynn
Serie: Columbo
Stadt: Wien, London
Land: Österreich, USA
Gericht: Pizza
Getränk: Bier

Persönliches Mitbringsel

Meine Kopfhörer, weil Musik für mich das Wichtigste im Leben ist. Vom Zwischenmenschlichen mal abgesehen. Weil mich nichts so sehr berührt wie Musik. Und weil ich ständig von Musik umgeben bin. Ich höre Musik beim Schreiben, ich höre Musik, wenn ich außer Haus gehe. Ich glaube, ich habe sechs oder sieben iPods. Einen kleinen zum Laufen, einen zum Autofahren, einen großen mit circa einem Drittel meiner Musiksammlung drauf, auf einem hab ich nur Hörbücher drauf – und so weiter.
Schwarze Kopfhörer von Roman Klementovic

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Freunde haben ihre zweite Tochter bekommen.
Negativstes: Fällt mir keines ein. Ich habe meine Lieblingssonnenbrille verloren. Das war allerdings schon die Woche davor.

Berufswunsch als Kind

Pfarrer. Keine Ahnung, warum.

Wen wolltest du immer schon mal treffen?

Ich würde gerne einmal mit Fat Mike von NOFX um die Häuser ziehen.

Teenie-Schwarm

Kim Basinger

Restaurant-Bestellung

Saurer Radler und die vegetarische Version des Cheeseburgers mit Sellerie statt Fleisch sowie Jalapeños und Chips.

Ort des Interviews

Weinschenke Franzensgasse
Wein, Bier und Burger – das Triumvirat der abendlichen Gemütlichkeit Nähe dem Wiener Naschmarkt und Karlsplatz. Die Weinschenke in der Franzensgasse wurde auf persönlichen Wunsch von Roman Klementovic für das Interview ausgewählt, da er dem kühlen Blonden eher zugeneigt ist als dem kleinen Braunen. Ist einem Schriftsteller auch nicht zu verdenken. So wusste schon Charles Bukowski, dass die Authentizität der Menschheit eher an der abendlichen Bar als am helllichten Tag zu finden ist. Es wird geprostet, es wird getrunken, es wird über Gott und die Welt geplaudert.

Buchtrailer