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Pianistin Dorothy Khadem-Missagh im Gespräch mit Talkaccino
Dorothy Khadem-Missagh

Pianistin & Festivalintendantin

Kultur
24.09.2020
Dorothy Khadem-Missagh ist eine österreichische Pianistin sowie Festivalintendantin des Beethoven Frühlings. Ihren ersten Klavierunterricht hat sie im Alter von nur drei Jahren erhalten. Bereits mit sechs Jahren wurde sie an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien aufgenommen. Ihre Konzertauftritte führen sie neben dem Wiener Musikverein und dem Wiener Konzerthaus durch ganz Europa, in die USA, nach Japan, China, Kanada sowie Südkorea.

Da du mit drei Jahren deinen ersten Klavierunterricht erhalten hast und mit sechs Jahren an der Universität für Musik und darstellende Kunst aufgenommen wurdest: Warst du ein Wunderkind, das Spaß an der Sache hatte, oder war es schweißtreibende, harte Arbeit, der du dich als Kind nicht erwehren konntest?

Ich war immer von Musik umgeben, da ich in eine Musikerfamilie hineingeboren wurde. Es war also immer Musik im Haus. Meine Geschwister und mein Vater sind alle Geiger. Rückblickend bewundere ich meine Mutter sehr, da in jedem Zimmer irgendwer etwas anderes geübt hat, das in Kombination sicherlich eine Kakophonie war. Damit war die Musik das Allernatürlichste und die Liebe zur Musik wurde mir in die Wiege gelegt. Meine Eltern haben keinen Druck ausgeübt, die Musik war Teil unseres Lebens und Teil des Alltags.

Hast du das Klavier für dich ausgewählt und würdest du es heute wieder wählen?

Ja, das Klavier war allerdings nicht mein erstes Instrument. Zuerst habe ich mich am Cello probiert, und das erste Instrument, das ich ernsthaft gespielt habe, war die Violine. Mit der Zeit hat es mich allerdings zum Klavier gezogen. Wir hatten zu Hause eines und es hat mich einfach fasziniert. Ich war beeindruckt davon, wie viel man mit 88 Tasten machen kann – du hast quasi ein ganzes Orchester zur Verfügung! Ich habe meine Eltern dazu gedrängt, Klavier zu lernen, und sie haben meinen Wunsch ernst genommen.

Vielleicht noch als Ergänzung zur ersten Frage: Ich habe spielerisch mit drei Jahren angefangen, Klavierunterricht zu bekommen, und ich wollte damals schon unbedingt das erste Präludium von Bach spielen. Meine Lehrerin meinte, dass das zu früh für mich sei, weil ich ja noch nicht mal Noten lesen konnte. Das hat mich unglücklich gemacht. Ich habe geweint und meine Mutter gefragt, warum ich das nicht darf. Sie hat dann mit der Lehrerin darüber gesprochen und es geschafft, dass die Lehrerin es doch mit mir probiert hat. Innerhalb von einem halben Jahr konnte ich das Präludium spielen. Wenn ein Kind also etwas wirklich will, dann erreicht es das auch.
»Ein Pianist ist wie ein Hochleistungssportler«

Wie viele Stunden pro Tag und Woche übst du?

Diese Frage bekomme ich oft gestellt und sie ist in der Form definitiv nicht beantwortbar. Ein Musiker oder Pianist ist wie ein Hochleistungssportler. Es gibt also ein gewisses Training und eine gewisse Fitness, was wir »üben« nennen. Die damit verbundene Selbstdisziplin muss schon vorhanden sein. Es ist allerdings nicht nur physisch mit dem Körper oder im Fall des Pianisten mit den Fingern, sondern auch geistig im Sinne einer mentalen Fitness. Du musst für die Dauer des Konzerts alles andere ausblenden zu können. Es geht darum, sich auf das Stück, das vor einem liegt, zu fokussieren. Und das kann auch abseits vom Instrument erfolgen. Es damit auf eine Stundenanzahl zu reduzieren ist schwierig.

Du fliegst für deine Konzerte um die ganze Welt. Wie stark verbindet Musik die Welt und wie empfindest du die kulturellen Unterschiede in der Rezeption von klassischer Musik?

Musik ist eine Sprache, die jeder versteht. Es braucht keine Übersetzung. Ludwig van Beethoven hat gesagt: »Von Herzen – möge sie wieder – zu Herzen gehen!« Genau darum geht es. Musik ist etwas Unmittelbares und der direkteste Weg zum Ausdruck von Emotion. Egal, wo wir auf die Welt kommen, welche Sprache wir lernen oder welcher Kulturkreis uns prägt ... uns beschäftigen immer die wesentlichen Fragen – nämlich, wer wir sind und was der Sinn des Lebens ist!

Die Musik bringt mich in alle Teile der Welt. Die Begegnung mit Menschen unterschiedlichstem Hintergrund und unterschiedlicher Sprachen ist unglaublich bereichernd, denn durch die Begegnung lernt man immer dazu. Wir sind die Bürger eines Landes, und das ist die Welt. Ich empfinde die Welt als ein Land in all ihrer Vielfalt – und das Menschsein verbindet uns. Als Musiker sieht man das sehr deutlich. Ich spiele mit Musikern aus der ganzen Welt zusammen. Wenn wir zusammenkommen auf der Bühne, ist alles andere egal – Vorurteile, Religionen, Hintergründe. Wir begegnen einander auf einer menschlichen Ebene, ohne zu urteilen und ohne Angst voreinander zu haben.

Kann das außerhalb des geschützten Raumes der Kunst funktionieren?

Ich glaube, die Kunst fungiert als Vorbild. Durch alle Zeiten hinweg haben die Kunst, die Musik und die Kultur einen Impuls gegeben. Die Kunst ist Spiegel der Zeit, kann die Zeit aber auch beeinflussen. Wenn wir zurückdenken, beispielsweise an Beethoven, war er zu seiner Zeit auch ein Revolutionär. Er hat während der Zeit der Französischen Revolution gelebt und hat diese Ideale – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – hochgehalten. Leute wie er wurden und werden von ihren Zeitgenossen nicht immer verstanden. Manchmal ist man seiner Zeit voraus und prägt genau dadurch seine Zeit mit, auch wenn man das erst im Nachhinein versteht. Es braucht immer Vordenker, die mutig voranschreiten. Auch wenn man es über sich selbst nie sagen kann, so hoffe ich doch, dass ich zu den Mutigen gehöre.
Pianistin Dorothy Khadem-Missagh im Gespräch im Kaffeehaus

Welche Musik hörst du privat?

Schwierig zu beantworten, denn, wenn man beruflich viel probt und spielt, dann freut man sich auch mal über den Moment der Stille. Ich suche bewusst die Stille, wenn ich in die Weinberge hinausgehe.

Was hältst du von einem musikalischen Crossover? Du spielst Piano, wirst von einer E- Gitarre begleitet und Hip-Hopper rappen zeitgemäße Texte.

Finde ich super! Die Verschränkung von Kunst- und Kulturformen ist etwas sehr Wertvolles. Dadurch kann Neues entstehen. Man darf nie vergessen, dass die klassische Musik, so wie wir sie heute verstehen, zur damaligen Zeit auch revolutionär und zeitgenössisch war. Insofern sollte man sich nicht vor Neuem verschließen. Ob das nun die Verschränkung von Stilen ist oder vor allem auch das Nützen der Mittel, die die Zeit zur Verfügung stellt. Durch Corona muss sich auch die Kunstszene damit auseinandersetzen. Das ist Fluch und Segen zugleich. Man kann es jedenfalls als Chance sehen. Ich habe das am eigenen Leib erlebt, da viele meiner Konzerte verschoben oder abgesagt worden sind. Ich habe mich schon vor dem Corona-Lockdown dazu entschieden, nicht nur als Pianistin gestalten zu wollen, sondern auch im größeren Rahmen. Daraus ist die Idee eines Festivals – dem Beethoven Frühling – entstanden. In dem Fall war es die Chance, neue Wege über Konzert-Streamings zu gehen. Über diesen Weg haben wir mehr als 50.000 virtuelle Konzertbesucher erreicht.

Im Zuge des Beethoven Frühlings meintest du, dass Beethoven gezeigt hat, wie man mit Mut neue Wege gehen kann. Kannst du das genauer erläutern?

Es ist kein Zitat von Beethoven, aber er war sich selbst treu, er hat sich nicht verstellt. Er wird nachbetrachtet als alter, grimmiger Mann dargestellt. Er ist einfach angeeckt. In seinem Leben ist er alleine in Wien mehr als 27 Mal umgezogen. Man hatte es also nicht unbedingt leicht mit ihm.

Die Idee des Beethoven Frühlings ist, dass wir die Musik so präsentieren, dass sie die Generationen und Altersgruppen verbindet. Insbesondere wollte ich meiner eigenen Generation den Anreiz bieten, dass man sich das anhört und anschaut und vielleicht für sich entdeckt. Mein Antrieb ist, dass klassische Musik nicht nur mit einer älteren Generation verbunden wird. Das wollte ich aufbrechen, weil es eben nichts Verstaubtes ist. Daher auch der Name »Beethoven Frühling«. Das Festival findet nicht nur im Frühling statt, sondern steht auch für Erneuerung, frischen Wind und die Jugend.

Um auf Beethoven und den Mut zurückzukommen: Der Weg des Probierens birgt die Gefahr des Scheiterns. Aber ich bin davon überzeugt, dass man das in Kauf nehmen muss, weil es sonst keine Entwicklung gibt.

Wärst du mit Beethoven gut auskommen?

Keine Ahnung, aber es wäre spannend, in die Zeit zurückzureisen und die Begegnung zu suchen! Man stellt sich bei bekannten Persönlichkeiten ja immer allerhand vor, aber in Wirklichkeit sind das ja auch nur Menschen mit ganz einfachen Bedürfnissen. Wie vorhin schon gesagt: Egal, ob Japan, Korea, Amerika oder Österreich – wir alle sehnen uns nach Liebe, Geborgenheit, danach, gehört zu werden und einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Ich glaube, das ist den Menschen innewohnend. Ob es dann dazu kommt oder nicht, liegt schon auch am Menschen selbst.
Pianistin Dorothy Khadem-Missagh im Gespräch im Kaffeehaus

Ganz etwas anderes: Sind deine Hände versichert?

Das ist schwierig, weil ja nicht nur die Hände relevant sind. Was ist, wenn etwas mit dem Rücken passiert? Aber ja, man kann die Hände versichern.

Was heißt, man »kann«? Sind sie versichert oder nicht?

(lacht) Man kann es machen.

Aber?

Ich glaube, man müsste mehr als nur die Hände versichern.

Also ... nicht versichert?

Man kann das Leben nicht versichern. Es kommt, wie es kommt. Was mir dieses Jahr besonders präsent erscheint, ist die Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen – eine gewisse Resilienz.

Um Beethovens Mut für neue Wege nochmals aufzugreifen: Wohin soll deine Reise gehen, was ist für die Zukunft geplant?

Pläne gibt es viele, aber wie gesagt: Man muss offen bleiben. Manchmal gibt es Möglichkeiten, die man sich nie erträumt hätte, was nicht heißt, dass man nur passiv warten soll, was auf einen zukommt. Ich gehe Schritt für Schritt, und das, was sich an Möglichkeiten eröffnet, werde ich abwägen und hoffentlich als Chance wahrnehmen.

Lieblings-

Buch: Pride and Prejudice (Jane Austen)
Film: Ziemlich beste Freunde, The Illusionist, Das Leben ist schön
Song: Time of my life (Dirty-Dancing-Soundtrack), Shape of my heart (Sting)
Schauspieler/in: Robert De Niro, Tom Hanks
Motto: Immer auf das Gute sehen!
Autor/in: Es gibt so viele, dass ich mich nicht auf einen oder eine festlegen kann.
Serie: Ich bin sehr anfällig für Serien und habe wahrscheinlich einen Hang zur Sucht! Daher versuche ich, diszipliniert Abstand davon zu halten. Vor Kurzem habe ich mir die Kurzserie»The English Game« angesehen. Ansonsten: The Crown.
Stadt: Washington D. C.
Land: Japan
Gericht: Kaiserschmarren, Marillenknödel mit Erdäpfelteig
Getränk: Soda-Zitron

Persönliches Mitbringsel

Die Bernsteinkette meiner Mutter als Erinnerung an sie. Vielleicht ist das jetzt zu metaphysisch, aber wir dürfen nicht vergessen, dass Dinge vergänglich sind. Ich passe auf Dinge auf, die mir wichtig sind, und hänge auch an ihnen. Gleichzeitig ist es wichtig, sich auch davon zu lösen.
Bernsteinkette von Dorothy Khadem-Missagh in Erinnerung an ihre Mutter

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Meine Nichte hatte ihren ersten Schultag und Freunde haben ihr zweites Kind bekommen. Außerdem habe ich eine neue CD aufgenommen, die auch Ö1 ausstrahlen wird. 
Negativstes: Schwierig, weil ich probiere, aufs Gute zu schauen. Ich probiere, mich nicht am Negativen anzuhalten, es zu akzeptieren und nach vorne zu schauen.

Berufswunsch als Kind

Pianistin

Wen wolltest du immer schon einmal treffen?

Ludwig van Beethoven

Teenie-Schwarm

Terence Hill

Café-Bestellung

Espresso Macchiato mit Zucker

Ort des Interviews

Café Central Baden
Das Café Central am Hauptplatz in Baden hat lange Tradition, so besteht es bereits seit dem Jahr 1841. Es überdauert damit nicht nur zig Jahrzehnte, sondern auch einige Eigentümerwechsel, zwei Weltkriege und mehrere Wirtschaftskrisen. Damit kann es ohne Zweifel als der feste Anker in der Badener Innenstadt bezeichnet werden, der gesellschaftlichen Austausch nicht nur ermöglicht, sondern sicherstellt. Pensionisten und Kurgäste geben sich ebenso die Klinke in die Hand wie Schülerinnen und Schüler des um die Ecke liegenden Gymnasiums. Tradition trifft Gegenwart und wird zum geruhsamen Treffpunkt der Gemütlichkeit.

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