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Thaiboxer Fadi Merza im Gespräch
Fadi Merza

Thaiboxer

Gesellschaft
02.04.2021
Fadi Merza wurde 1978 in Syrien geboren, kam in den 80ern nach Wien und ist in Ottakring aufgewachsen. In den 90ern begann er mit dem Thaiboxen – anfangs im Selbststudium mit Filmen von Jean-Claude Van Damme, später professionell. Von 1997 bis 2012 hat er mehrfach unter dem Spitznamen »The Beast« Europa- und Weltmeistertitel im Mittelgewicht erkämpft. Heute besitzt er seine eigene Boxschule, die Team Merza Academy.

Du siehst sehr friedfertig aus. Wenn ich nicht wüsste, dass du unter dem Spitznamen »The Beast« Europa- und Weltmeister im Thaiboxen warst, hätte ich nie daran gedacht, dass du eine gewalttätige Ader in dir hast.

Ich bin eigentlich der friedlichste Mensch, den es gibt. Ich bin richtig pflegeleicht, auch wenn man es mir wegen der Nase, die verrät, dass ich etwas mit Kampfsport zu tun habe, vielleicht nicht ansieht. Ich sage immer, dass ich eine gespaltene Persönlichkeit habe. Im Ring gehört eine gewisse Aggressivität dazu, weil man sonst falsch am Platz ist. Als Privatperson bin ich allerdings total friedlich, was sogar mit dem Kampfsport zu tun hat. In der Schule hatte ich immer wieder Raufereien. Das war in Ottakring am Tagesprogramm. Als ich dann mit 16 mit dem Sport begonnen habe, war ich ausgeglichener. Der Unterschied war dadurch also schon zu merken. Ich bin von da an Problemen aus dem Weg gegangen. Man weiß schließlich, was man kann und was man anrichten kann. Das steigert das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen. Wenn ich mich zwei bis drei Stunden im Boxclub quäle, gehe ich mit einem Lächeln raus und will meine Ruhe haben. Man wird ausgeglichener. Professionelle Kampfsportler sind alle super entspannt und total easy.
»Der Gegner ist wie ein Stein, den man aus dem Weg räumen muss«

Wenn du sagst, dass im Ring eine gewisse Aggressivität dazugehört, wie hast du dich darauf vorbereitet? Hast du an etwas Spezielles gedacht, das dich aggressiv macht?

Nein. Es ist für mich ein Beruf, das muss man schon unterscheiden können. Ich bereite mich auf einen Kampf acht Wochen vor. Das fängt mit der Ernährung und einer Diät an – Verzicht auf Alkohol und auf Party. Man hat ein Ziel vor Augen und sieht den Gegner als Stein, der im Weg ist. Den muss man aus dem Weg räumen, um weiter nach oben zu kommen. Das Schöne am Thaiboxen ist, dass ein Kampf nur 15 Minuten dauert, also fünf mal drei Minuten. Ich pflege zu vielen meiner Gegner eine freundschaftliche Beziehung, auch wenn man sich im Ring Vollgas auf die Gosch’n haut! Als Kampfsportler kann man das vom Privaten trennen. Nach dem Kampf geht man gemeinsam trinken und ist verbrüdert. Beim Boxen ist es anders, dort geht es ums Geld. Bei uns, bei Martial Arts und Muay Thai, geht es um Respekt! Es wird ehrlich gekämpft, ohne viel Show.

Was sagst du zu folgendem Satz, den der Kabarettist Christoph Grissemann vor Jahren im Zuge eines Spaß-Wahlkampfs propagiert hat: »Regeln und Knochen, beides gehört gebrochen!«

Das ist ein bissl zu hart für meinen Geschmack. In welchem Zusammenhang hat er das gesagt?

Im Zuge eines Wahlkampfs für den Posten des Landeshauptmanns von Niederösterreich.

Okay, klingt hart. Bei Wahlkämpfen geht es manchmal vielleicht ein bissl schmutzig zu. (grinst) Aber im normalen Alltagsleben ist das irgendwie ein bisschen unpassend. 
Thaiboxer Fadi Merza im Interview

Du hast vorhin deine Nase angesprochen. Wie oft wurde dir schon etwas gebrochen und wie oft hast du schon jemandem im Zuge eines Kampfes etwas gebrochen?

Das würde jetzt den Rahmen sprengen! (lacht) Spaß beiseite. Ich habe einen dreifachen Nasenbeinbruch, drei Kreuzbandoperationen, Operationen im Ellbogenbereich, etliche Cuts und so weiter. Und umgekehrt wurde einigen meiner Gegner auch einiges gebrochen. Das kommt schon mal vor. Man muss ein bisschen masochistisch veranlagt sein, wenn man diesen Sport ausübt.

Was war die gefährlichste Kampfsituation, in der du dich jemals befunden hast?

Für mich oder für den Gegner? (lacht)

Gerne beides.

Schwer zu sagen, da ich in den letzten 20 Jahren über 164 Kämpfe hatte. Das Schlimmste war für mich, als meine Familie bei einem WM-Kampf dabei war. Ich habe dort einen Kniestoß direkt übers Auge bekommen. Es hat nicht weh getan, aber die Stelle ist sofort aufgeplatzt und das Blut ist rausgeronnen. Als ich ins Publikum geschaut habe, habe ich meinen Bruder weinen gesehen. Das ist eines der wenigen Ereignisse, die sich als Erinnerung eingeprägt haben.

Du meintest vorhin, dass man als professioneller Kampfsportler sehr gelassen ist. Wahrscheinlich gibt es trotzdem eine Schwelle, die man bei dir nicht überschreiten sollte. Wann ist diese erreicht? Wann sollte man das Weite suchen?

Ich habe wirklich einen sehr langen Atem. Sowas passiert mir sehr selten in den Kreisen, in denen ich mich bewege. Wenn ich zu dir ganz nett und natürlich bin, hast du ja auch keinen Grund, mir gegenüber anders zu sein. Wie man in den Wald hineinruft, so kommt es wieder raus. Ich wurde noch nie so provoziert, als dass ich die Nerven weggeschmissen hätte. 

Mickey Rourke war in den 80er-Jahren ein gefragter Schauspieler und ist den 90ern in den Ring gestiegen. Du hast im Selbststudium mit Filmen von Jean-Claude Van Damme begonnen. Kann jeder Kampfsportler werden?

Man darf nicht empfindlich sein, da schon mal ein Cut oder ein Knochenbruch passieren kann. Es handelt sich nicht um Golf. Es geht also schon um eine gewisse Einstellung und auch um ein Grundtalent, das man mitbringt. Es geht um Koordination und auch darum, einstecken zu können.

Was würdest du mir – und ich bin bei Gott kein Kämpfer – als Erstes raten, wenn du mich so ansiehst und ich zu dir komme, weil ich trainieren möchte?

Wenn ich dich jetzt hier so ansehe, kann ich das überhaupt nicht beurteilen – mit dem Körper hat es nichts zu tun! Bei mir im Gym fangen wir mit den Basics an, also der Kampfstellung und Jabs. Wenn du diese Bewegungen machst, kann ich ungefähr ahnen, ob du Talent und das Zeug dafür hast.

Boxsport im Allgemeinen hat lange Zeit als primitiv gegolten, bis Vertreter wie Muhammad Ali oder Henry Maske, der mit der Zeit den Spitznamen »Gentleman« erhalten hat, den Sport kultiviert haben. Beide haben gezeigt, dass man nicht mit Brutalität, sondern durch Disziplin, Genauigkeit und Strategie einen Kampf gewinnt. Mike Tyson hat wiederum gezeigt, dass hartes Training und rohe Gewalt zum Erfolg führen. Was war dein Erfolgsrezept?

Henry Maske oder Muhammad Ali sind Übergrößen, mit denen man sich absolut nicht messen kann. Aber hier in Österreich habe ich sicherlich einen Teil beigetragen, um den Boxsport salonfähig zu machen. Ich habe immer auf einen gewissen Stil geachtet ... man kann ja nicht einfach irgendwie primitiv reingehen in den Ring oder einen Kampf. Natürlich gibt es immer wieder negative Headlines über Kampfsportler. Wenn irgendeiner, der gerade mal drei Monate trainiert, einen Streetfight hatte, berichten diverse Medien über den »Kickbox-Champ«, der in eine Rauferei verwickelt war. Sowas zieht den gesamten Boxsport runter. In Wirklichkeit ist Boxsport sehr elegant! Boxer haben auch was in der Birne und sind nicht alle blöd, wie gerne mal berichtet wird. In der Berichterstattung sollten auch die guten Eigenschaften hervorgekehrt werden. Wenn man das schafft, hat man als Kampfsportler gute Arbeit geleistet. 
Fadi Merza im Interview

Du bist in Syrien geboren und als Kind mit deinen Eltern nach Wien-Ottakring gekommen. Ursprünglich warst du Schlosserlehrling, hast dich dann über den Kampfsport zum Weltmeister katapultiert und bist mittlerweile gern gesehener Gast bei Society Events wie dem »Life Ball« oder den »Dancing Stars«. Wie ging es dir mit dieser Entwicklung?

Es gibt das Lied »From Zero to Hero« von Sarah Connor. Es ist vielleicht ein bissl zu weit hergeholt, aber ich blicke schon immer wieder zurück und bin dann schon stolz auf mich und auf das, was ich geleistet habe. Ich kam aus sehr armen Verhältnissen in Syrien und bin dann in Ottakring aufgewachsen und habe mich bis zu den »Dancing Stars« raufgeboxt! Das ist eine sehr konservative Sendung, und ich bin der einzige Kickboxer, der es bis dorthin geschafft hat, was ja auch für den Boxsport im Allgemeinen wieder sehr gut war. Ich fühle mich gut dabei und bin stolz darauf.

Du engagierst dich immer wieder öffentlich für soziale Projekte, wie unter anderem die Kampagne »unhatehuman«. In verschiedenen Medienberichten meintest du, dass du nicht »nur« wegen deiner ausländischen Wurzeln, sondern auch oft wegen deiner gebrochenen Nase als »hässlich« beschimpft wurdest.

Im Alltag bekommt man das nicht immer mit Worten mit, sondern mit Blicken. Ich wurde oft wegen meiner Herkunft beleidigt, aber auch wegen meiner Nase. Oft, wenn ich in eine U-Bahn eingestiegen bin, haben mich die Leute komisch angeschaut. Mit der Zeit habe ich dann schon sehr genau gewusst, warum die Leute so geschaut haben. Früher, als Teenager, hat mich das sehr gestört. Irgendwann wächst man darüber hinaus und lebt damit. Schönheit kommt von innen, wie man so schön sagt. Zu den sozialen Projekten: Ich unterstütze immer wieder gerne, da ich eine soziale Ader habe und ich von ganz unten komme! Ich weiß, wie es ist, wenn es einem nicht gut geht. Sei es, weil man gehänselt wird, oder auch vom Finanziellen her. Ich kann aus eigener Erfahrung heraus mitfühlen. 

Weil du vorhin über deine Teenager-Zeit und Raufereien in Ottakring gesprochen hast: Was denkst du dir, wenn du Jugendliche auf der Straße siehst, die Kampfposen machen und sich gegenseitig mit Lufttritten und -schlägen imponieren wollen?

Wir haben immer wieder versucht, solche Jugendliche von der Straße in den Boxring zu bringen. Ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich sage, dass ich meine eigene Beherrschung und Respekt anderen gegenüber über den Boxsport gelernt habe. Leuten aus schwachem sozialen Umfeld gebe ich immer den Rat, dass sie in den Gym kommen sollen. Sie sollen dort ihren ganzen Frust am Boxsack auslassen. Dann gehen sie ganz gelassen und entspannt wieder heim.

Damit hast du nun ein bisschen meiner letzten Frage vorweggegriffen: Was willst du dem übermütigen Nachwuchs, der vor Energie nur so strotzt, mit auf den Weg geben?

Wir haben immer wieder Jugendliche bei uns, die glauben, sie wären die Besten. Die nehme ich mir dann gerne vor. Die werden richtig geschliffen! Nachher gehen sie mit hängendem Kopf raus und wollen nur ihre Ruhe haben. So ein Boxtraining wirkt manchmal schon Wunder! (lacht)

Lieblings-

Buch: Die Kunst des Krieges (Sunzi)
Film: Kickboxer mit Jean-Claude Van Damme – so bin ich zum Kampfsport gekommen
Song: Rock you like a Hurricane (Scorpions) – das war mein Entry-Song vor Kämpfen 
Schauspieler/in: Robert De Niro, Al Pacino
Motto: You don’t get what you dream for. You get what you work for.
Autor/in: Keine.
Serie: King of Queens
Stadt: Wien
Land: Thailand
Gericht: Steak – habe ich immer in meiner Kampfvorbereitungszeit gegessen, weil es Power gibt 
Getränk: Espresso – davon trinke ich fünf oder sechs am Tag

Persönliches Mitbringsel

Wenn man sich Kampffotos von mir ansieht, sieht man, dass ich auf meinem linken Arm immer ein Armband getragen habe. Mein Trainer war eine Art Ersatzvater für mich, da ich meinen leiblichen Vater mit 11 Jahren verloren habe. Ich bin mit 16 zu ihm gekommen, und er hat mich zu dem gemacht, was ich heute im Sport bin. Seine Frau hat dieses Armband für mich bei Mönchen in Thailand weihen lassen. Seitdem – also bei so ca. 70 oder 80 Kämpfen – hatte ich das immer mit dabei als Glücksbringer.
Armband & Glücksbringer von Fadi Merza

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Mein Sohn, Michel, ist mein Ein und Alles! Er ist jetzt fünf und überrascht mich jeden Tag mit irgendwelchen Wuchteln. Ich denke mir immer, dass ich ihn erst gestern noch im Arm gehalten habe, und heute laufe ich ihm hinterher. Dieses Jahr wird er in die Schule gehen. Das Schönste ist für mich, wenn er mich umarmt und mir sagt: »Papa, ich hab dich so lieb!« 

Negativstes: Eine heftige Diskussion mit meiner Frau. Aber gut, wir feiern im April unseren 20. Jahrestag, da kann das schon mal vorkommen. Mit den Jahren habe ich gelernt, ihr recht zu geben, mich umzudrehen und zu gehen. Dann ist auch wieder Ruhe.

Berufswunsch als Kind

Polizist, weil ich für Ordnung sorgen wollte.

Wen wolltest du immer schon einmal treffen?

Mike Tyson! Der war vor zwei oder drei Jahren auch in Wien. Da gab’s ein »Meet & Greet«. Für ein Autogramm mit Foto musste man 250 Euro zahlen. Ich bin dann nicht hingegangen. Mir ging’s nicht ums Geld, aber ich hab’s überheblich gefunden.

Teenie-Schwarm

Kann ich mich nicht erinnern.

Kaffee während des Interviews

Espresso

Ort des Interviews

Lucullus Catering & Restaurant
Das Lucullus befindet sich in der Neulinggasse 29 in 1030 Wien und ist damit nur eine Gehminute von der Team Merza Academy entfernt. Da die Lokale aufgrund der Covid-19-Bestimmungen leider immer noch nicht öffnen dürfen, hat Fadi Merza kurzerhand den Kaffee selbst zum Interview mitgebracht und wir haben es uns im öffentlich zugänglichen Bereich gemütlich gemacht. Eines der charmanten Details des Lucullus: Der Außenbereich des Lokals – Bar und Restaurant – wird durch die Rechte Bahngasse geteilt. Dadurch wird die Gasse zu einer Art kleinen Promenade, die vor allem im Sommer – in Kombination mit gutem Essen, gekühlten Drinks und charmantem Mobiliar – Urlaubsstimmung aufkommen lässt.