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NGO-Mitarbeiterin Milan Amini im Interview
Milan Amini

NGO-Mitarbeiterin

Gesellschaft
21.05.2020
Milan Amini ist gebürtige Iranerin, in Österreich aufgewachsen und unterstützt mit dem Bbanga Project ehrenamtlich Kinder in Uganda, Afrika. Die von der Wohltätigkeitsorganisation unterstützten Projekte umfassen Bildung, Soziales, Gesundheit und Ernährung.

Zum Start vielleicht ein kurzer Step zurück: Wann und wie ist das Bbanga Project entstanden?

Angefangen hat es damit, dass der Projekt-Gründer, der Sani, vor sechs bis sieben Jahren auf Sabbatjahr war. Geplant war eigentlich, dass er eine Weltreise macht. Gelandet ist er dann ungeplant in Uganda. Einer seiner Freunde meinte, er zeigt ihm eine Insel wie das Paradies, unangetastet.

Dann sind sie zusammen nach Bugala Island. Das ist die Hauptinsel, die größte Insel auf Ssese Islands. Auf dem Weg am Boot haben sie dann Steininseln gesehen. Die werden Bbangas genannt. Und auf diese Steininseln werden Kinder von Eltern, die kein Geld haben, hingebracht. Sie bringen sie dort hin, stellen sie dort ab und holen sie am Abend wieder. Die Inseln werden auch »Stein-Nannys« genannt, weil sie auf die Kinder aufpassen. Der Freund meinte, dass das normal ist. Das hat Sani total schockiert.

Sie haben dann die Eltern gesucht und gemeint, dass das nicht normal ist, dass man ein Kind den ganzen Tag auf einem Felsen alleine fischen lässt. Er hat sich dann dazu entschlossen, das Kind zu unterstützen und monatlich Geld zu schicken, damit das Kind in die Schule gehen kann. Sein Freund hat organisiert, dass sie das Geld auch wirklich bekommen. Das war damit das erste Bbanga-Kind: Gideon.

Wie viele Kinder unterstützt euer Projekt aktuell?

60 Kinder. Das ist auch das Maximum. Wir haben zwei Mitarbeiter, die vor Ort gezahlt werden. Den Freund beziehungsweise Co-Founder, der von Anfang an dabei war. Und seine Frau, die er durch das Projekt kennengelernt hat. Die beiden, Edgar und Annet, werden nicht von Spenden bezahlt, sondern direkt vom Gründer aus eigener Tasche. Wir arbeiten alle ehrenamtlich. Spenden gehen zu 100 % nach Uganda.

Wie bist du zum Projekt gekommen?

Ich habe den Sani vor dreienhalb Jahren kennengelernt. Er hat die ganze Zeit etwas von Uganda geredet. Ich habe nicht so ganz verstanden, was er dort macht. Auf Facebook habe ich dann ein paar Fotos gesehen. Das war ziemlich am Anfang, mit zwanzig oder dreißig Likes. Er hat mir dann weitere Fotos und Videos gezeigt und mich gefragt, ob ich im Sommer mitfliegen will nach Uganda.

Euer Team ist sehr jung. Viele sind gerade einmal 30 Jahre alt und unterstützen das Projekt seit Jahren. Andere, mit Mitte 20, haben oftmals gerade einmal ihre Ausbildung abgeschlossen und wissen für sich selbst noch nicht, wie es nun weitergehen soll. Was ist euer Antrieb?

Ich war damals ziemlich gestresst. Ich habe tagsüber Vollzeit in einer Ordination gearbeitet und nebenbei für ein Magazin. Mein Alltag bestand darin, zur Arbeit zu gehen, Artikel zu schreiben und Fotos zu bearbeiten, am Abend zu Konzerten zu gehen und Fotos zu machen. In der Nacht habe ich dann den Nachbericht geschrieben und bin in der Früh wieder aufgestanden und in die Ordination. Damit war meine ganze Zeit ausgefüllt. Und irgendwie hat das nicht mehr zu dem gepasst, was ich machen wollte, was mir am Herzen liegt. Der ausschlaggebende Grund war dann die Reise nach Uganda, als ich die Kinder kennengelernt habe. Ich kann mir vorstellen, dass das bei meinen lieben Kollegen ähnlich war.

Du warst kurz vor dem Corona-Lockdown in Uganda. Was sind aktuell eure Hauptprojekte?

Da gibt’s einige. Es gibt ein Früchte- und Gemüseprogramm für Schulen, die drei- bis viermal in der Woche frisch beliefert werden. Es gibt eine mobile Bibliothek, die mit dem Fahrrad über 15 Schulen mit Büchern versorgt. Aber das wahrscheinlich wichtigste Projekt ist der Bau einer Primary School. Der Baubeginn war 2019 und dauert circa drei Jahre.

Ein weiteres, das mir aktuell sehr am Herzen liegt, ist es ein Schwimmprojekt. Viele Kinder und Erwachsene können nicht schwimmen, obwohl sie mit dem Boot rausfahren. Daher haben wir gesagt, wir machen einen Schwimmkurs. Es gibt eine Programmpatenschaft. Da zahlt man pro Monat 30 Euro. Davon lernen sechs Kinder über einen Zeitraum von einem Monat schwimmen.

Und das findet im Lake Victoria statt … bei Krokodilen?

Es gibt eine Anlage mit Swimming Pool. Die nutzen wir. Anfangs wussten die Kinder nicht, was das ist. Mittlerweile springen sie hinein und schwimmen besser als wir. (lacht)
NGO-Mitarbeiterin Milan Amini sitzend im Interview

Was sind für euch vor Ort die größten Herausforderungen?

Momentan natürlich Corona. Viele sitzen jetzt zu Hause. Die Väter dürfen nicht fischen gehen. Normalerweise sind die Väter monatelang weg und die Mütter kümmern sich alleine um sechs bis zehn Kinder. Und jetzt sitzen sie alle in einer Hütte in einem Raum. Häusliche Gewalt ist da Thema.

Ein weiteres Thema ist Essen. Es dürfen aktuell, laut örtlichem Gesetz, keine Essensspenden verteilt werden, weil sie sich selber ernähren sollen. Wir unterstützen mit Spenden über ausgewählte Geschäfte. Sobald jemand von den Familien kommt und etwas kauft, wird das Geld übertragen.

Ein weiteres großes Problem ist die Periode von Mädchen. Sie können sich keine Binden leisten. Sie gehen dann manchmal nicht mehr in die Schule und werden sogar von ihren Lehrern nach Hause geschickt. Durch eine Programmpatenschaft werden Mütter dafür bezahlt, Binden herzustellen.

Wir probieren, income generating activities so einzubinden, damit die gesamte Gemeinde etwas davon hat.

Worauf sollte man vor Ort im Bezug auf seine eigene Sicherheit achten? Stichwort Krankheiten, wie beispielsweise Tuberkulose.

Gelbfieber ist eine Pflichtimpfung, wenn man nach Uganda kommt. Das muss man auch vorzeigen. Alle anderen Impfungen sind optional. Jeder muss für sich selber entscheiden, ob man das so machen möchte oder nicht. Von unseren Familien wissen wir, dass sie gesund sind, da wir mit dem Health Center vor Ort zusammenarbeiten.

Ansonsten ist Uganda Malaria-Hochgebiet. Anfangs hatten wir da natürlich Ängste. Auf die Medikamente hat jeder anders reagiert. Daher muss man das für sich entscheiden. Sich abends einsprühen und mit einem Netz schlafen sind WHO-Guidelines.
»Es ist egal, wo man hilft, es zählt der Gedanke«

Gab’s für euer Team, welches großteils Migrationshintergrund hat und Kinder in Afrika unterstützt, Vorurteile, mit denen ihr zu kämpfen hattet? À la »Die Ausländer helfen den Ausländern in Afrika«?

Es gab Leute aus unseren eigenen Ländern wie beispielsweise dem Iran, die gefragt haben, warum wir nicht Leuten aus unserem eigenen Land helfen. Wir haben einen Syrer, unseren Kassier Schadi, in der Gruppe, der gefragt wurde, warum wir nicht den syrischen Kindern helfen. Unsere Antwort war stets: Es ist egal, wo man anfängt und wo man hilft, es zählt der Gedanke. Wir haben nunmal in Uganda angefangen.

Es gibt viele Wohltätigkeitsorganisationen. Die meisten sind auf Spenden angewiesen. Alle erfüllen einen sinnstiftenden Zweck. Warum soll Bbanga unterstützt werden?

Wir haben den persönlichen Zugang. Die meisten von uns waren in Uganda und wir kennen die Namen der Kinder. Wir sind transparent und verstecken nichts. Die Spenden kommen zu 100 % an. Jeder von uns arbeitet ehrenamtlich.

Lieblings-

Buch: Der Alchimist (Paulo Coelho)
Film: Mr. Nobody
Song: My heart will go on (Céline Dion)
Schauspieler/in: Meryl Streep, Sylvester Stallone, Tom Hanks
Motto: Man lebt nur einmal
Autor/in: William Shakespeare
Serie: Power
Stadt: Paris
Land: Uganda
Gericht: Dalladas (Persisches Linsengericht)
Getränk: Rosé

Was ist dein persönliches Mitbringsel

Ein Elefant aus Speckstein. Der erinnert mich an die erste Reise. Da habe ich das erste Mal einen Elefanten in freier Wildbahn gesehen.
Kleiner, roter Elefant aus Speckstein

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Wir haben eine Ramadan-Aktion gestartet mit dem Imam dort auf der Insel. Die Leute dachten, sie werden verhungern. Aber alle sind versorgt und haben Zugang zu Essen. Man muss nur zum Arzt gehen und sagen, man gehört zum Projekt. Wie ich das gehört habe und uns Fotos von vor Ort geschickt wurden, war das ein unglaubliches Gefühl.

Negativstes: Ich arbeite in einem Health Center. Und durch die Corona-Testungen im Labor habe ich viele Schicksalsschläge mitbekommen.

Berufswunsch als Kind

Krankenschwester

Wen wolltest du immer schon einmal treffen?

Mahatma Gandhi, Mutter Theresa, Malcolm X, Martin Luther King

Teenie-Schwarm

Justin Timberlake

Restaurant-Bestellung

Spicey Sake Prawn und Soda-Zitron 

Ort des Interviews

Shanghai Tan
Das Shanghai Tan ist ein asiatisches Restaurant in der Gumpendorferstraße 9 in 1060 Wien und zugehörig zum Ramien und der Ramien-Bar. Neben klassischen asiatischen Gerichten wie Sushi  oder Gyoza gehören vor allem Reis-, Salat- und Nudelschalen zu den Spezialitäten des Hauses. Einmal im Jahr wird eine Sommer-Party veranstaltet, bei der das Eintrittsgeld für soziale Zwecke gespendet wird. Das Bbanga Project konnte so ein Grundstück für eine Schule in Afrika erwerben.

Bildgallerie

zur Verfügung gestellt von Bbanga Project / Copyright by Milan Amini & Edgar Kawooya & Nicolas Heimburger