Judith Eiblmayr
Architektin
Gesellschaft
13.02.2026
13.02.2026
Um einen schönen Übergang vom Einleitungstext zu unserem Gespräch zu haben: Sind Sie mehr Handwerkerin oder mehr Künstlerin?
Den Begriff des »Künstlerarchitekten« würde ich etwas eingrenzen. Die stellen sich künstlerisch stärker dar, als es die Architektur eigentlich zulässt. Die Architektur ist extrem von Funktionalismus, Gesetzen und Vorbedingungen geprägt. Für Künstlertum bleibt da in Wirklichkeit nicht viel übrig. Das Künstlertum liegt vor allem in der Selbstdarstellung und Vermarktung oder in einer großen Geste. Die wirkliche Arbeit, ein Gebäude auf den Boden zu bringen, hat damit nicht viel zu tun. Es handelt sich um solide Handwerksarbeit, die man wirtschaftlich denken muss. Man muss die Gesetze kennen und wissen, welchen Baustoff man einsetzt. Am Ende des Tages muss es leistbar und machbar sein. Die künstlerische Note sehe ich daher eher als kreative Note. Wie spiele ich mit all diesen Begebenheiten, damit das Ergebnis besser wird im Vergleich zur Umsetzung eines Baumeisters? Um es kurz zu sagen: Architektur ist keine Kunst. Im Grunde geht es darum, den Menschen Lösungen und Perspektiven aufzuzeigen, an die sie selbst nicht gedacht haben – ähnlich wie bei einer Psychotherapie, bei der man sich auch mit einer Fachkraft austauscht und nicht mit der besten Freundin. Von daher sehe ich mich ganz klar als Handwerkerin mit kreativem Anspruch. Künstlerin bin ich definitiv keine.
Weil jeder Künstler ein Kreativer ist, aber nicht jeder Kreative ein Künstler?
Ja, auch. Und eben weil Architektur schlichtweg keine Kunst ist, sondern Knochenarbeit. Wir sind an so viele Gesetze gebunden, dass ich nicht einfach mal so vor mich hin künsteln kann. Künstler und Künstlerinnen wollen oder müssen etwas ausdrücken, das aus ihnen heraus muss. Daraus entstehen wirklich gute Kunstwerke. Wenn jemand einfach mal malt, weil man gerade Lust darauf hat, wird das eher nichts oder nur Kitsch. Der tatsächliche Kunstbegriff ist dadurch geprägt, dass oftmals visionäre Dinge entstehen, weil Künstler etwas spüren, das vielleicht erst dreißig Jahre später relevant wird. Daher kann Architektur selten Kunst sein. Als Architektin habe ich ein Baugesetz, den Bauplan, die Auftraggeberinnen und Auftraggeber, die Bauarbeiter …
»Architektur ist keine Kunst«
Wenn wir Kunst nun weiter fassen, sind Schauspieler auch Künstler. Die müssen auch mit dem Drehbuch, dem Regisseur, der Maske, der Kamera und dem Tonmeister arbeiten. Dennoch kann große Kunst daraus entstehen.
Natürlich. Aber nur, weil ein innerer emotionaler Ausdruck verarbeitet wird. Da bin ich dann als Schauspielerin voll dabei! Das kann nur gut sein, wenn es authentisch von innen kommt und nicht nur, weil der Regisseur vorgibt, wie etwas zu sein hat. Dann handelt es sich um gute Schauspieler.
Gibt es nicht auch genug Architekten, die nicht nur Lösungen und Perspektiven aufzeigen, wie Sie es vorhin ausgedrückt haben, sondern auch welche, die sich selbst ein Denkmal erschaffen wollen?
Das sind dann die Selbstdarsteller, die sich als Künstler gerieren. Das meinte ich vorhin damit. Heißt aber noch lange nicht, dass sie ihre Visionen auch tatsächlich bauen können, im Sinne von: dass es tatsächlich baubar ist. Das reine Künstlertum wird sich nicht ausgehen, wenn Statiker zur Überprüfung kommen. Die holen uns Architektinnen und Architekten oftmals wieder auf den Boden der Realität zurück, weil sie genau darauf schauen, ob die Überlegungen, die angestellt wurden, auch so umsetzbar sind. In der Architektur müssen künstlerische Ansätze auch funktional durchdacht sein.
Was ist mit Gaudí oder Hundertwasser?
Gaudí ist etwas völlig anderes. Da sind wir in einer komplett anderen Zeit – im Jugendstil! Der kam nach einer Phase des 19. Jahrhunderts, in der ganze Stadtteile als Raster aufgezogen wurden. Barcelona ist dafür ein gutes Beispiel. Diese Raster waren immer Investorenprojekte. In Wien war das übrigens nicht anders. Der Historismus ist teilweise keine gute, sondern eine manieristische Architektur. Man hat sich früherer Ornamente bedient und wollte die Bauwerke möglichst effizient hochziehen, um sie im Anschluss teuer vermieten oder verkaufen zu können. Der Jugendstil wollte dem Ganzen nur eine modernere Note mit jugendlichem Anstrich und möglichst viel Dekor geben. In dem Sinne kommt er sehr künstlerisch rüber und verschwimmt mit der Architektur. Die künstlerischen Elemente haben auf die Architektur an sich keinen Einfluss. Es wurde konventionell gebaut mit einzelnen feineren Elementen.
Design hat doch auch eine Funktion.
Ganz klar! Es ging um die Abgrenzung der gründerzeitlichen Bauten. Wenn wir nun zu Hundertwasser kommen, muss man sagen, dass der in der Architekturszene überhaupt nicht ernst genommen wird, weil er ausschließlich Dekor betrieben hat. Auf einen konventionellen Gemeindebau irgendwas draufzupicken, so wie er es vor allem später gemacht hat, kann man wirklich nicht als gute Architektur bezeichnen. Was bei ihm großartig war: seine ersten Aktionen, als er auf den trostlosen Fassaden des Gemeindebaus der 50er-Jahre die Außenfenster dekoriert hat. Das war 1972 ein Skandal und natürlich super, um die Trostlosigkeit der Wohnbauten aufzuzeigen. Später hat er sich dann als Architekt des Wohnbaus geriert und wirklich fragwürdige Sachen gemacht. Da kam dann wieder der Selbstdarsteller durch – ein komplett anderes Kapitel. Zu sagen, dass man jetzt einfach mal Architektur macht, geht halt nicht. Davon hatte er keine Ahnung.
Er hat, wenn ich das nun richtig in Erinnerung habe, vom »Fensterrecht« gesprochen. Jeder kann den Raum um die Fenster an der Fassade selbst gestalten, soweit man es eben von der Distanz schafft.
Genau das meinte ich. Auf Palästen aus dem 18. Jahrhundert würden wir uns das allerdings sicherlich nicht wünschen, wenn jeder einfach draufmalen kann, was einem gerade gefällt. Es war damals eine Reaktionsbildung auf den einfachen Wohnungsbeschaffungsbau der 50er- und 60er-Jahre. Bei diesen Bauten ging es um rein rationale und nicht speziell kreative Lösungen. Hundertwasser wollte zeigen, dass auch Menschen in diesen Gebäuden ihre Wohnungen gestalten können. Er trat dafür ein, dass die Menschen ihre Kreativität nach außen hin zeigen dürfen.
Gehen wir noch etwas weiter zurück in die Vergangenheit: Denken wir an die Pyramiden der alten Pharaonen, das römische Kolosseum, die Tempel der Azteken – allesamt architektonische Meisterwerke, die die Zeit bisher überdauert haben. Wenn man an moderne Architektur denkt, wird oft nach wenigen Jahren wieder abgerissen und neu gebaut oder zumindest umfassend renoviert. Was haben unsere Vorfahren richtig gemacht, was wir falsch machen?
Na ja … man muss auch beim Bau eine gewisse Demokratisierung im Auge haben. Auch wenn es heute, leider, wieder ein paar mehr von ihnen gibt – Pharaonen, Könige, Kaiser, Erzbischöfe und Machthaber – sind sie in der ursprünglichen Form nicht mehr existent. Die waren dermaßen mit Macht und Geld ausgestattet, dass sie damit machen konnten, was sie wollten. Wenn wir bei den Pyramiden bleiben, waren das gigantische Grabmäler, die sie für sich selbst errichtet haben. Zigtausende Arbeiter, die die Steine schleppen mussten, sind dabei gestorben. Es wurde so massiv gebaut, dass es nicht mehr wegzubringen ist, was ja auch gewollt war durch den Material- und Menscheneinsatz.
Ich habe mich letztens wegen eines Gutachtens mit der Baugeschichte Salzburgs beschäftigt. Unglaublich, was die Erzbischöfe dort jahrhundertelang aufgeführt haben. Sie hatten Unmengen an Gold aus Bad Gastein und dem Raurisertal. Das war ein enormer Reichtum, der angehäuft wurde. Damit haben sie dann alte Stadtviertel niedergewalzt und zu bauen begonnen. In gewissem Sinne handelte es sich damit ebenso um Investorenbauten. Machthabern geht es beim Bauen immer um Einfluss, Geld und Selbstdarstellung. Heute sind es Konzerne. Da brauchen wir nur nach Amerika zu blicken, wo die Hochhäuser der Großkonzerne alles andere überragen.
Ich habe mich letztens wegen eines Gutachtens mit der Baugeschichte Salzburgs beschäftigt. Unglaublich, was die Erzbischöfe dort jahrhundertelang aufgeführt haben. Sie hatten Unmengen an Gold aus Bad Gastein und dem Raurisertal. Das war ein enormer Reichtum, der angehäuft wurde. Damit haben sie dann alte Stadtviertel niedergewalzt und zu bauen begonnen. In gewissem Sinne handelte es sich damit ebenso um Investorenbauten. Machthabern geht es beim Bauen immer um Einfluss, Geld und Selbstdarstellung. Heute sind es Konzerne. Da brauchen wir nur nach Amerika zu blicken, wo die Hochhäuser der Großkonzerne alles andere überragen.
Der Kapitalismus als neue Religion.
Der Kapitalismus hat alles überbaut. Was dazu gehört: Dass man oft qualitativ nicht so gut baut, weil man sparen möchte, um schlussendlich mit dem Investment Geld zu machen. Frühere Machthaber haben sicherlich solider gebaut, denn das sollte ewig halten. Das war der Sinn der Sache. Die Konzerne von heute denken in anderen Zeitspannen. Denen ist es eher egal, ob der Wolkenkratzer nach zehn Jahren sanierungsbedürftig ist.
»Der italienische Faschismus hat eine hervorragende Architektur hervorgebracht«
Ist das perfekte Biotop für Architekten damit ein autoritärer oder totalitärer Staat, in dem für die Ewigkeit gebaut wird?
Für ein paar Wenige mag das stimmen. Um nun ein Beispiel zu bringen: Der italienische Faschismus hat eine hervorragende Architektur hervorgebracht – viel moderner als der Nazi-Faschismus! Diese Stilrichtung nennt sich »Razionalismo«, also Rationalismus. In der Zeit sind viele ganz wichtige Bauwerke entstanden, bis in die Kolonien hinein – Asmara in Eritrea zum Beispiel. Dort ist alles voll von der italienisch-faschistischen Architektur. Damals bekamen wirklich viele junge Architekten die Chance, etwas zu bauen.
Ein zweites Beispiel: der Kommunismus. Dort kamen auch viele Frauen zu Aufträgen. Zum Beispiel in Ex-Jugoslawien gab es viele Bauten von Architektinnen. Mittlerweile nicht mehr. Im Wohnbau ist ganz viel Gutes passiert. Sowohl in Ex-Jugoslawien als auch in der ehemaligen Tschechoslowakei gab es eine gewisse Emanzipation, bei der Frauen beruflich zum Zug kamen. Damals gab es dort viele Architektinnen, jetzt nicht mehr.
Ein zweites Beispiel: der Kommunismus. Dort kamen auch viele Frauen zu Aufträgen. Zum Beispiel in Ex-Jugoslawien gab es viele Bauten von Architektinnen. Mittlerweile nicht mehr. Im Wohnbau ist ganz viel Gutes passiert. Sowohl in Ex-Jugoslawien als auch in der ehemaligen Tschechoslowakei gab es eine gewisse Emanzipation, bei der Frauen beruflich zum Zug kamen. Damals gab es dort viele Architektinnen, jetzt nicht mehr.
Warum?
Weil diese Regime dann auch auf den Kapitalismus umgeschwenkt haben. Wenn es um große Aufträge geht, wird wieder auf Männer oder zumindest männliche Kontakte gesetzt.
Warum wurden Frauen in kommunistischen Regimen bevorzugt?
Sie wurden nicht bevorzugt, sie kamen zum Zug. Man hat ihnen die gleiche Chance gegeben, weswegen es dort viele Architektinnen gab. Bei uns war das anders. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dann kaum mehr Frauen in der Architektur. Ich habe ein Buch über eine Wienerin veröffentlicht, die bereits 1932 erkannt hat, dass sie als Architektin keine Zukunft hat. Elisabeth Scheu emigrierte in die USA und hat dort als Architektin Karriere gemacht.
Warum sind Sie Architektin geworden?
Ich komme aus einer Architektenfamilie. Mein Vater und Großvater waren Architekten, meine Mutter ist Kunsthistorikerin. Ich bin bereits mit acht Jahren bei meinem Vater im Büro gesessen und habe gezeichnet. Diese Neigung, dieses Talent oder Interesse war immer schon vorhanden.
Was sagen Sie zur Aussage, dass moderne Architektur zwar »clean« und »geradlinig« ist, aber keine wirkliche Seele mehr hat?
Das kommt auf den Begriff der »Moderne« an. DIE Moderne hat absolut Stil und Seele. Nicht alles, was heute gebaut wird, ist modern.
Sondern?
Es ist ein zeitgemäßes Bauen. Der Architekturbegriff hat sich mittlerweile sehr verdünnisiert, weil Vieles nicht gut ist. Die Moderne würde ich in den 60er-Jahren enden lassen. Spätere Architektur nimmt nur stilistische Anleihen, ist per se aber nicht modern im eigentlichen Sinne.
Sondern nur noch ökonomisch.
Hauptsächlich nur noch ökonomisch, leider. Die Moderne hatte die Qualität der Architektur neu formuliert: leichtere Konstruktionen, mehr Licht in den Räumen – was auch möglich wurde durch zusätzlichen Energieeinsatz. Mehr Wärme oder Kühlung lässt größere Fensterflächen zu für Licht, Luft, Sonne und Grünraum. Die Bauherren damals haben wirklich verstanden, was die Moderne wollte. An heutigen Stadtteilen ist die Verdichtung wiederum weniger modern. Das wollte die echte Moderne sicherlich nicht. Zwischen Gebäuden sollte möglichst viel Platz sein, damit die Menschen es schön grün haben. Solche Ansätze werden nun leider wegrationalisiert, was in Summe kein moderner Ansatz mehr ist.
Gibt es dafür schon einen Ausdruck?
Nicht wirklich, nein.
In welcher Epoche würden Sie gerne leben, wenn es rein um die Architektur geht?
Schwer zu sagen. Rein stilistisch habe ich an die 30er-Jahre gedacht, würde es aber nicht sagen, denn wenn man überlegt, was damals politisch passiert ist, kann man das nicht vertreten.
Weil man sonst sagen würde, dass Albert Speer großartige Arbeit geleistet hat?
Ich meinte eher die Zeit davor. Ich dachte an das Rote Wien und seine Gemeindebauten. Die Lebensbedingungen für die Bevölkerung waren so schlecht, dass man politisch darauf reagiert hat, was sich auch auf die Bautätigkeit auswirkte, wie dem sozialen Wohnbau. Aber die Zeit zu heroisieren, nur weil parallel dazu fünf Meisterwerke der Moderne – von reichen Menschen beauftragt – entstanden sind, wäre verfehlt.

Ein Architekturstudium ist sehr umfangreich: Kunst- und Baugeschichte, Denkmalpflege, Theorie, Recht, Technik, visuelle Gestaltung, Bauphysik, Statik, Baustoffkunde und so weiter. Was ist aus Ihrer Sicht der Sukkus? Wenn ein junger Student Sie fragt, worum es bei Architektur geht und was man niemals vergessen darf, was sagen Sie dann?
Dass es prinzipiell nicht darum geht, Architektur in der vorgesehenen Zeit erlernen zu können. Es bedarf viel Praxis und Lebenserfahrung, weswegen es durchaus besser ist, ein bissl länger zu brauchen, um mit Ende 20 zu wissen, worum es eigentlich geht. Erst dann kann man die Komplexität wirklich durchschauen. Wesentlich bei Architektur ist der Städtebau. Einzelne Bauwerke müssen immer im größeren Zusammenhang gedacht werden. Das kann ich nur erfahren, indem ich mir viele Städte anschaue und in Vororte fahre. Ich habe von 1982 bis 1990 studiert und habe jeweils ein Semester in Venedig und den USA verbracht. All die Puzzleteile aus unterschiedlichen Baukulturen baut man mit der Zeit zusammen und entwickelt ein Verständnis für Architektur.
Wenn Sie nun aber von einem jungen Menschen gefragt werden, was Architektur ist, was sagen Sie dann? Entfachen Sie den inspirierenden Geist der Architektur!
Das ganze Leben ist Architektur! Margarete Schütte-Lihotzky hat gesagt: »Der Architektur kann niemand entrinnen.« Das ist ein grandioser Satz! Jeder wohnt in einem Haus oder einer Wohnung. Jeder geht durch eine Stadt oder ein Dorf. Das heißt, jeder ist mit dem Gebauten konfrontiert. Man muss erstmal verstehen, was alles dazugehört. Eine Straße muss breit genug sein, damit sich alles darin ausgeht … und das Bauwerk muss auch noch etwas können. Man muss immer in 3D denken und alle Lebensbedingungen mitbedenken – jede Schwelle in einem Hauseingang, wo ich mit dem Kinderwagerl drüber muss, ist relevant.
Wie kann man tatsächlich in die Zukunft planen? Als man noch mit Kutschen unterwegs war, dachte noch niemand an Autos. Als Autos gekommen sind, dachte keiner an die fetten SUVs von heute. Heute wissen wir noch nicht, wie es später einmal sein wird.
Das stimmt. Allerdings gab es immer schon sehr strenge Baugesetze, auch zu Kutschenzeiten. Damals war es vor allem die Brandgefahr. Daher wurden Städte zunehmend weniger dicht verbaut, denn wenn es einmal gebrannt hat, ist gleich das ganze Viertel weggewesen. Die Baugesetze regeln das alles und sie werden laufend adaptiert. Ein Beispiel dazu: In Wien sind die Baugesetze nach dem Zweiten Weltkrieg sehr verschärft worden. Man durfte nicht mehr mit Holz bauen, weil Wien bombardiert wurde und auch viel Bausubstanz abgebrannt ist. In Vorarlberg hatte man keine Kriegsschäden und sieht dort heute die tollste Holzarchitektur, deren Tradition immer weiterentwickelt werden konnte. Erst vor kurzer Zeit wurde die Wiener Bauordnung dahingehend geändert, wodurch mehrgeschossiger Wohnbau durch neue und brandsicherere Technologien umgesetzt werden kann.
»Die Heroisierung des Autos wird abnehmen«
In Sci-Fi-Filmen sieht man immer wieder Entwürfe von Städten der Zukunft. Betrachten wir es realistisch: Wie werden wir in 100 Jahren leben?
Das kann und will ich nicht sagen, weil wir es nicht wissen. Ich glaube nicht, dass es wie in Ridley Scotts »Blade Runner« sein wird – dystopisch mit fliegenden Autos. Tendenziell glaube ich, dass es besser wird. Soll heißen: Die Motorisierung geht zurück und man geht wieder mehr zu Fuß. Die Heroisierung des Autos wird abnehmen und die Städte werden dadurch wieder angenehmer. Ist ja zum Teil schon so. Ich glaube auch nicht, dass sich die Baugesetze so ändern werden, dass man in 50 Jahren zum Schluss kommt, dass alles schon zu lange steht und weggehört.
Ein Architekt der Rossauer Kaserne soll vergessen haben, die Toiletten einzuplanen und hat sich angeblich aufgrund dieser Schmach umgebracht.
Ich kenne die Geschichte, muss allerdings gestehen, nicht zu wissen, um welchen Architekten es sich gehandelt hat und ob die Geschichte stimmt. Aber ich kann von einem ähnlichen Fall erzählen: Karl Schwanzer war ein berühmter Architekt aus den 50er- und 60er-Jahren und hat unter anderem das berühmte BMW-Gebäude in München gebaut, das einem Motorblock ähnelt. Im Jahr 1972 hat er ein Gebäude in St. Pölten umgesetzt, wo kurz danach Bauschäden an Fenstern und Fassade auftraten. Da er als Architekt für diesen Schaden haftbar gemacht werden konnte, hat er sich, so heißt es, suizidiert. Allerdings wusste man, dass er psychische Probleme hatte.
Was war der größte Fehler, den Sie jemals gemacht haben? In der Planung, den Entwürfen oder der Umsetzung.
Das war ein Fehler, der dann letztendlich keiner war. An der Alten Donau habe ich in einer Kleingartensiedlung ein kleines Wohnhaus direkt am Wasser gebaut. Es war ganz hinten, nach einem unscheinbaren Weg. Um die PV-Anlage effizienter zu gestalten, sind wir mit dem First des Daches 25 cm höher gegangen, als das Baugesetz es zugelassen hätte. Nachdem man keine Nachbarn beeinträchtigt hätte, haben die Auftraggeber und ich beschlossen, dies zu wagen. Allerdings kam dann die Baupolizei, hat einen Baustopp erzwungen und mit Abriss gedroht. Ich war entsetzt und habe die Welt nicht mehr verstanden! Daraufhin habe ich einen Bekannten von mir, der eine leitende Position bei der Baupolizei hat, dazu befragt. Der meinte nur, dass das, was ich geplant habe, ganz normal sei und bei solch einer Reaktion etwas anderes dahinterstecke. Es war eines der letzten Grundstücke direkt am Wasser, und natürlich herrschten da Begehrlichkeiten. Jahre später gab es dann einen großen Skandal um Ufergrundstücke in einer anderen Wiener Gegend, der über die Medien gespielt wurde. Das lässt die Vermutung zu, dass bei meinem Projekt ein Streit zwischen Bauherrin und Architektin gewünscht war, nur damit das Grundstück vielleicht auf den Markt kommt, damit jemand anderer zum Zug kommt. Ich habe natürlich zugegeben, dass wir zu hoch gebaut haben, worauf das Dach abgetragen wurde. Das hat mich 14.000 Euro gekostet, da ich als Architektin in der Verantwortung und Haftung dafür war. Da sind wir dann wieder bei den Künstlern, von denen wir uns auch dahingehend unterscheiden. Ich hätte nicht einfach sagen können, dass es sich hier um meine künstlerische Note handelt. Im Zuge des Rückbaus und eines diesbezüglichen Verfahrens hat sich dann herausgestellt, dass man mir seitens der Behörde das Straßenniveau falsch ausgelegt hatte und ich eigentlich korrekt geplant hatte. Das Dach war da jedoch schon erneuert gewesen.
Gibt es ein Projekt, von dem Sie sagen: Das würde ich gerne einmal umsetzen! Sozusagen Ihr Denkmal, auch wenn Sie nicht in dieser Kategorie denken.
Ich hab bereits einmal ein Denkmal umgesetzt! Da fällt mir übrigens ein Satz von Adolf Loos ein: »Nur ein kleiner Teil der Architektur gehört der Kunst an: das Grabmal und das Denkmal.« Was ich gerne einmal umsetzen würde: ein Schwimmbad. Die ganz großen Fische werde ich ehrlich gesagt nicht mehr an Land ziehen. Dazu müsste ich bei Wettbewerben mitmachen, was ich nie getan habe.
Lieblings-
Buch: Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre (Heimito von Doderer)
Film: Der einzige Zeuge
Song: Minneapolis (Lucinda Williams)
Schauspieler/in: Michelle Williams
Motto: Just do it!
Autor/in: Heimito von Doderer, Margaret Atwood
Serie: Mad Men
Stadt: Wien
Land: Finnland
Gericht: Spinatpalatschinken
Getränk: Mineralwasser mit Geschmack
Film: Der einzige Zeuge
Song: Minneapolis (Lucinda Williams)
Schauspieler/in: Michelle Williams
Motto: Just do it!
Autor/in: Heimito von Doderer, Margaret Atwood
Serie: Mad Men
Stadt: Wien
Land: Finnland
Gericht: Spinatpalatschinken
Getränk: Mineralwasser mit Geschmack
Persönliches Mitbringsel
Ein Buch, das ich gemeinsam mit Iris Meder über das Hochhaus in der Herrengasse geschrieben habe und das hier im Café im Regal steht. Vor 20 Jahren habe ich mit Irmgard Frank unser gemeinsames Architekturbüro im Hochhaus etabliert. Da es noch keine Publikation zum Hochhaus gegeben hat, habe ich mit meiner Architekturkritiker-Kollegin Iris Meder beschlossen, dieses Buch herauszubringen.

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche
Schönstes: Ich bin letzte Woche vom Schifahren zurückgekommen und bin vom schönen Wetter noch ganz high. Außerdem habe ich ein Gutachten für Salzburg fertiggeschrieben. Das war nicht nur spannend zu recherchieren, sondern ist auch gut für's Renommée. Ich bin mit dem Ergebnis zufrieden.
Negativstes: Das ist privat.
Negativstes: Das ist privat.
Berufswunsch als Kind
Architektin. Ich hatte das Privileg, dass ich einen Vater hatte, der mich gefördert und unterstützt hat. Es war schön zu sehen, dass mein Vater mein Interesse gespürt hat.
Wen wollten Sie immer schon einmal treffen?
Elizabeth Scheu Close, die amerikanische Architektin, über die ich das erwähnte Buch geschrieben habe. Leider ist sie bereits 2011 verstorben. Mich hätten Informationen über das Wien der 1920er-Jahre interessiert, als sie im Haus von Adolf Loos aufgewachsen ist.
Teenie-Schwarm
Hatte ich nicht. Mit 15 habe ich meinen Freund und späteren Mann kennengelernt.
Café-Bestellung
Cappuccino, Ingwer-Zitronen-Wasser
Ort des Interviews
Unger und Klein
Geführt wurde das Interview mit Architektin Judith Eiblmayr in der Kaffeebar »Unger und Klein« im Hochhaus in der Herrengasse. Dort, wo Frau Eiblmayr seit über 20 Jahren ihr Büro hat und worüber sie eines ihrer Bücher geschrieben hat. »Unger und Klein« kann als »klein, aber fein« beschrieben werden, so hat es das Flair einer kleinen italienischen Kaffeebar. Stehen, Espresso genießen, einen kleinen Happen essen und rasch wieder hinaus in die g’schaftige Innenstadt Wiens. Espresso, pronto, arrivederci
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