Suche in allen Interviews
Abbrechen
Im Gespräch mit dem Philosophen Konrad Paul Liessmann
 
       
       

Konrad Paul Liessmann

Philosoph

Leben
31.01.2026
Der geborene Kärntner Konrad Paul Liessmann ist Professor für Philosophie, Essayist, Literaturkritiker, Kulturpublizist und seit 2021 offiziell im Ruhestand. Wirklich ruhig wurde es um ihn allerdings nicht, so hat er seitdem fünf Bücher veröffentlicht – drei davon erst 2025, sein letztes mit dem Titel »Was nun? Eine Philosophie der Krise«. Im Interview mit Talkaccino spricht er über die Krisen unserer Zeit, den vielzitierten Begriff der Menschlichkeit, seine Liebe zu Vinyl sowie seine Sicht auf die technologische Entwicklung. Außerdem spricht er über die Entwicklung des aktuellen Jahrzehnts und sinniert über den Sinn des Lebens.

Mit welcher Thematik beginnt man am besten ein Gespräch mit einem Philosophen im Ruhe- oder Unruhestand?

Das hängt davon ab, ob man unter dem Begriff »Philosoph« den akademischen Berufsstand versteht oder nicht. Im Ruhestand kann ich schließlich nur als Philosophieprofessor sein, nicht als denkendes Wesen. Wenn man »Philosoph« nun so versteht, dass man über verschiedene Dinge des Lebens nachdenkt und sich dazu äußert, dann trifft weder der Ruhe- noch der Unruhestand zu. Es handelt sich um einen Teil meiner Existenz. Wenn man nun also mit einem Philosophen spricht, drängen sich Allerweltsfragen auf, wie beispielsweise: »Was ist der Sinn des Lebens?«, »Gibt es die absolute Wahrheit?« oder auch »Was ist das Gute?« Das wären so die klassischen Fragen, weil man irrtümlicherweise glaubt, dass sich die Philosophie rein damit beschäftigt. Prinzipiell könnte man aber auch eine Frage stellen, die ich mir selbst oft gestellt habe: »Wozu überhaupt philosophieren, genügt es denn nicht zu leben?«

Wie lautet die Antwort?

Auf mich bezogen möchte ich fast etwas beschämt sagen: Weil ich nichts anderes kann.

Denken ist das Einzige, was Sie können.

Alles, was mit Denken zusammenhängt: Lesen, Schreiben, Denken. Ich dachte mir oft: Käme ich nochmals auf die Welt und würde ich mich nochmals mit der Wissenschaft beschäftigen, wäre es vielleicht gut, wenn es sich um eine handfestere Disziplin handelte. Also: Hardcore-Naturwissenschaften wie Biochemie, Quantenphysik oder Genetik. Irgendetwas, bei dem ich das Gefühl hätte, tatsächlich eingreifen und gestalten zu können, um Menschen damit zu helfen. Adorno hat einmal gesagt: »Der Intellektuelle möchte sich die Hände nicht schmutzig machen.« Die Philosophie nötigt in gewisser Weise zur Enthaltsamkeit von der Praxis. Es ist die Scheu, dass man ja nichts angreift, womit man sich bekleckern könnte – Blut, Erde oder sonst etwas. Man zuckt zurück, wenn der Erfolg nicht garantiert ist. Das alles kann ich gut nachvollziehen. Es ist ein entscheidendes Motiv.

Haben Sie also Ihre gesamte Karriere im Elfenbeinturm gelebt, nur um sich tunlichst nicht mit der schmutzigen Niedertracht des arbeitenden Pöbels beflecken zu müssen?

Nein, denn ich habe es überhaupt nicht abwertend gedacht! Ganz im Gegenteil: Ich habe höchsten Respekt vor Menschen, die arbeiten. Ich würde niemals den Begriff des Pöbels verwenden. Umgekehrt ist es! Die Distanz zu gewissen praktischen Tätigkeiten kommt aus einer gewissen Beschränktheit und Ungeschicklichkeit dem Leben gegenüber. Ich könnte niemals ein Handwerker sein und bewundere Menschen, die praktische Probleme lösen können. Ich beneide das! Wo ich Ihnen zustimme: Es hat einen gewissen Reiz, sich im Elfenbeinturm aufzuhalten. Das Produktive daran: Wenn man nicht unmittelbar in praktische Tätigkeiten verstrickt ist, erlaubt es einen distanzierten Blick, um zu begreifen, was eigentlich vor sich geht. Im Wort »Theorie« steckt das griechische Wort für Sehen oder Schauen. Man betrachtet also etwas und denkt darüber nach, ohne einzugreifen. Nur weil man außerhalb der Wirklichkeit ist, hat man einen anderen Blick darauf. Wenn ich als Philosoph auf politische Entwicklungen blicke, ist es etwas anders, als wenn ich selbst Akteur wäre – bei einer Bürgerinitiative, Partei, Aktionsgemeinschaft oder wo auch immer.

Wurden Ihre Theorien und Gedanken von der Praxis eher dankend aufgenommen oder eher dankend abgelehnt, weil man sich nichts von Ihnen ausrichten lassen wollte?

Kann ich nicht eindeutig beantworten, da ich philosophische Überlegungen in unterschiedliche Richtungen angestellt habe. Sehr viel habe ich mich mit der Kunstphilosophie beschäftigt und dazu publiziert. Daraus haben sich viele interessante und fruchtbare Gespräche sowie Freundschaften mit Künstlern und Schriftstellern entwickelt. Die haben es also durchaus interessant gefunden, sich mit jemandem zu unterhalten, der über die Ästhetik des Romans nachgedacht hat. Hier war die Resonanz also sehr positiv!

Das zweite große Feld, in dem ich mich jahrzehntelang betätigt habe, war die Bildungstheorie und -philosophie. Hier habe ich im deutschsprachigen Raum vor entsprechenden Stellen – Bildungsministerien, Rektoren von Hochschulen und Universitäten – immer wieder interessante Anfragen erhalten. Eine Dialogbereitschaft gab es also schon, wenngleich es gleichzeitig wenig Motivation gab, sich in den eigenen politischen Konzepten durch mich irritieren zu lassen. (lacht)
Philosoph Konrad Paul Liessmann im dunklen Anzug im Café Ritter

Ich möchte kurz auf eine Ihrer vorherigen Aussagen zurückkommen, wo Sie meinten, eine der großen Fragen sei die zum Sinn des Lebens. Daher frage ich Sie nun nicht, sondern stelle folgende Aussage in den Raum: »Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst.«

Selbstverständlich, was denn sonst? Wie ich es vorhin schon angedeutet habe, ist es ein Irrtum zu glauben, dass sich die Philosophie hauptsächlich mit dem Sinn des Lebens beschäftigt. Diese Frage taucht erstmals im 19. Jahrhundert und in ihrer Schärfe erst im 20. Jahrhundert auf. 2000 Jahre lang hat es die Philosophie überhaupt nicht interessiert. Aus gutem Grund, denn die Sinnhaftigkeit des Lebens ist eine Tautologie. Leben bedeutet leben. Die Frage ist also nicht, welchen Sinn das Leben hat, sondern eher: »Was bedeutet es, ein gutes Leben zu führen?« So hat sich die antike Philosophie dafür interessiert. Es geht also nicht um einen Sinn, der von außen kommt. Die Sinnfrage hat immer diesen gefährlichen Beigeschmack, dass man auf etwas hinleben soll, das vorgegeben ist. Wenn das religiös ausgelegt wird, liegt der Sinn in Gott: Man hat dann ein gottgefälliges Leben zu führen. Das ist dann allerdings nicht mein Leben, weil ich dann für jemand anderen lebe. Wenn der Sinn des Lebens in der Gemeinschaft liegt, muss man notfalls für sie sterben. Dann wird das Leben für etwas anderes instrumentalisiert und es ist nicht mehr meines. Daher versteckt sich hinter der Sinnfrage oftmals die Frage, wer das eigene Leben instrumentalisieren darf. Dadurch wird das Leben vorgegeben.

Haben Egoisten das Leben damit am besten verstanden?

Muss nicht sein. Zu einem menschlichen Leben gehört die Gemeinschaft dazu. Wir sind soziale Wesen. Diese Frage stellt sich überhaupt nicht. Bestimmte Dinge im Leben benötigen Formen der Kommunikation und eines sozialen Austausches und Kontaktes. Die Frage ist immer, ob jemand anders den Anspruch hat, jemandem vorzugeben, wie man zu leben hat. Dagegen muss man sich verwehren!

Im Gegensatz zum Sinn des Lebens hat sich die Philosophie – übrigens auch die Theologie – immer für folgende Frage interessiert: »Was ist der Sinn des Leidens?« Warum sind wir krankheitsanfällige und schmerzempfindliche Wesen? Welchen Sinn kann das haben? Wenn nun jemand einen Schicksalsschlag erlitten hat und die Person fragt, was für einen Sinn das hat, fragt sie also nicht nach dem Sinn des Lebens, sondern nach dem Sinn des Leidens. Das wird oft missverstanden. Theologisch stellt sich damit die Frage, wie ein guter Gott eine Welt schaffen konnte, in der es so viel Leid gibt. Wenn der Sinn des Lebens das Leben selbst ist, wie Sie es so kurz formuliert haben, dann besteht die einzige Provokation oder Kränkung darin, dass das Leben endlich ist.
»Das Bild des schwachen Gottes ist schon sehr faszinierend«

Auf diese Ausführungen würde ich Ihnen gerne einen jüdischen Witz erzählen. Ein Rabbi stirbt Jahrzehnte nach dem Holocaust eines natürlichen Todes. Er steht vor der Himmelstür, möchte einen Witz erzählen und beginnt damit, dass er 1944 in Auschwitz war. Als er fertig ist, wird ihm geantwortet, dass der Witz nicht lustig sei. Die Antwort des Rabbis: »Muss man wahrscheinlich dabei gewesen sein.« Das impliziert: Entweder gibt es keinen Gott … oder er hat weggeschaut.

Ich vermeide den Ausdruck »Holocaust«. Es handelt sich um den Titel einer amerikanischen Fernsehserie. Keiner der Betroffenen, keines der Opfer und übrigens auch keiner der Täter hat jemals diesen Begriff verwendet. Wir beschreiben eines der furchtbarsten historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts mit einem Anglizismus, der im historischen Kontext keine Rolle gespielt hat – zumindest nicht im deutschsprachigen Raum. Die Denker, mit denen ich groß geworden bin, wie beispielsweise Adorno, verwendeten Auschwitz als Synonym für diesen fabriksmäßig betriebenen Massenmord an den Juden. Die Juden selbst sprechen von Shoah. Eigentlich ist es eine Verharmlosung, wenn man diesen Begriff einer Fernsehserie verwendet. Mittlerweile wurde vergessen, wie der Begriff überhaupt ins Spiel gekommen ist. Daher vermeide ich ihn.

Wenn wir nun zurückkommen zu Ihrer Frage, dann sind die angesprochenen historischen Ereignisse der ultimative Beweis dafür, dass es keinen Gott geben kann. Denn wenn es ihn gäbe, hätte er so etwas nie zulassen dürfen. So sieht es der Philosoph Günter Anders. Es gibt aber auch andere, die sich ihren Glauben durch diese Verbrechen nicht nehmen lassen wollten. Sie haben zugestanden, dass Gott zwar nicht weggeschaut hat, aber ein schwacher Gott war, der nichts anderes kann, als die Toten zu betrauern. Zu dieser Denkrichtung zählt Hans Jonas, der wie Günther Anders ein Schüler von Martin Heidegger war. Bei Gott denkt man immer an den potenten, allwissenden, gütigen, allmächtigen Schöpfer. Davon müssen wir uns vielleicht verabschieden. Das Bild des schwachen Gottes ist schon sehr faszinierend. Ein Gott, der nicht retten und eingreifen kann. Nicht, weil er sich abgewendet hätte, sondern weil er es nicht kann, selbst wenn er wollte. Es ist ein ohnmächtiger Gott.

Daran glauben Sie?

Das glaube ich nicht! Ich sage, dass das die Konsequenz ist, die manche bedeutende jüdische Denker auf Basis der Erfahrungen von Auschwitz gezogen haben.

Der Autor Harry Mulisch hat im Buch »Die Entdeckung des Himmels« zwei Götter miteinander sprechen lassen. Ein Gott sagt zum anderen, dass er diese eine Situation verhindern solle. Der andere Gott antwortet darauf, dass es so nicht funktioniere. Er kann das Auto nicht aufhalten, sondern nur den Baum durch einen Blitz auf die Straße fallen lassen.

Darüber zu spekulieren, welche Signale und Warnungen Gott schickt, halte ich für müßig. Mal abgesehen davon, dass man guten Willens alles als Signal interpretieren kann. Das hat dazu geführt, dass manche Menschen komplett irre geworden sind, weil sie glauben, irgendein Gott legt ihnen irgendetwas nahe. Davor wollen wir uns hüten!

Woran glauben Sie?

Ich glaube, ich bin tatsächlich der klassische Agnostiker. Kämpferischer Atheist bin ich sicher nicht. Manche meiner Kollegen meinen, durch komplizierte Berechnungen beweisen zu können, dass Gott zu 99 Prozent nicht existiert. Das halte ich aus philosophischer Sicht für ziemlich trivial und unsinnig. Die Existenz Gottes kann man nicht schlüssig widerlegen. Genausowenig kann man sie schlüssig beweisen. Daher halte ich stark an der Idee fest, dass man an Gott nur glauben kann. In der Weise bin ich ein Ungläubiger wie in Goethes Prometheus: Ich kann an kein höheres Wesen glauben. Es passt nicht zur Idee des Menschen als selbstschaffenden Wesens, wie es Friedrich Nietzsche als Gottesleugner formuliert hat. Ausschließen möchte ich es genausowenig. Ich halte es mit Sören Kierkegaard: Glauben ist ein Sprung in ein riskantes Verhältnis, denn man liefert sich einem Gott aus, von dem man nichts weiß. Das erfordert absolutes Vertrauen, was nicht unbedingt ein Schritt ist, der für mich in Frage kommt.

Was ist der Sinn des Leidens?

Das Problem ist, dass es nicht wirklich eine Antwort darauf gibt. Man kann sich damit behelfen, dass Schmerzen und das damit verbundene Leid Signale des Körpers sind. Es hätte damit einen funktionalen Sinn, um uns zu zeigen, dass etwas nicht stimmt und therapiert werden muss. Das trifft auch auf das seelische Leid zu. Depressionen oder andere Formen von Seelenschmerz sind ein Ausdruck dessen, dass etwas im Beziehungsgeflecht nicht stimmt oder in der Entwicklung etwas schiefgegangen ist. Damit reden wir eher von einer Funktion und nicht von einem übergeordneten metaphysischen Sinn.

Wenn wir nun wieder zu Nietzsche gehen, dann ist Schmerz eine Begleiterscheinung der Lust, womit wir wieder dort sind, dass der Sinn des Lebens das Leben selbst ist. Im Leben strebt man nach Lust, was ja ganz klar ist, denn was wollen wir denn? Wir wollen unsere Bedürfnisse befriedigen und dabei Lust empfinden, da die Befriedigung sonst keine besonders große Freude macht, ohne dieses Gefühl der Ekstase, Entspannung und des Wohlempfindens. Gleichzeitig haben diese Erfahrungen Schmerz als Voraussetzung oder zur Folge. Ohne Lust kein Schmerz und ohne Schmerz keine Lust. Daher war das Ziel der antiken Epikureer oder Stoiker, die Lust möglichst gering zu halten. Nicht weil sie lustfeindlich waren, sondern weil sie die möglichen Folgen des Schmerzes möglichst gering halten wollten. Es ging um die Vermeidung von Leid. Daraus resultiert der lange Streit, ob es sinnvoller ist, ein langweiliges Leben zu führen ohne große Schmerzen, oder ob es besser ist, hin und wieder Ekstasen zu spüren – mit all ihren Begleiterscheinungen.

Auf welcher Seite der Skala befinden Sie sich eher, wenn es sich um zwei entgegengesetzte Pole handelt?

Ich kann der epikureischen Theorie der Mäßigung der Lüste, um die negativen Folgeerscheinungen zu vermeiden, viel abgewinnen. Natürlich wird meist an die sexuelle Lust gedacht. Aber es gibt auch andere Lüste, bei denen man sich mäßigen kann.

Alkohol und Drogen.

Zum Beispiel. Oder denken wir politisch: Machtgier. Natürlich kann man sagen, dass es nichts Befriedigenderes gibt, als die eigenen Machtgelüste durchgesetzt zu haben. Der Preis des Leids, der über andere Menschen und womöglich einen selbst gebracht werden kann, kann immens sein. Sich hier ein wenig zu mäßigen, kann durchaus eine Empfehlung sein.

Vielleicht sind manche politische Führer mancher Länder deswegen schon in einem hohen Alter, weil sie dann nicht mehr lange mit den Konsequenzen ihrer Machtgier leben müssen.

Mag sein und stimmt traurig. Die klassische Theorie besagt, dass man mit steigendem Alter immer gelassener werden kann, eben weil die Lustmöglichkeiten abnehmen. Wenn man dann aber in Panik gerät, weil man vieles nicht mehr kann und dann anfängt, ein paar Städte zu bombardieren, nur weil man das eben noch kann, dann ist es wirklich fatal. Statt von der Altersweisheit muss man dann von der Alterstorheit reden.
Im Talk: Konrad Paul Liessmann im Café Ritter gestikulierend im dunklen Anzug

Wir sind nun im Eiltempo einige große Fragen der Philosophie durchgegangen. Daher nun eine Frage, die Philosophen vielleicht nicht so oft gestellt bekommen: Machen Sie sich auch über ganz triviale Dinge Gedanken, zum Beispiel welche Unterhose und Socken Sie heute anziehen?

Natürlich, jeder Mensch macht sich solche Gedanken. Aber ein philosophisches Problem mache ich nicht daraus.

Sind Sie deswegen so dunkel gekleidet, weil sich dunkle Schwarz- und Grautöne so einfach kombinieren lassen, sodass man nicht lange darüber nachdenken muss?

Einerseits ja, andererseits empfinde ich diese Kleidung als mir angemessen. Natürlich kann der Philosoph mit dem klassischen existentialistischen Philosophengewand kokettieren. Dabei habe ich gerade einen dunkelblauen Rollkragenpullover und keinen schwarzen an. Aber in Wirklichkeit sind das Nebensächlichkeiten. Wobei ich schon auch sagen muss, dass ich es für unglaublich produktiv halte, über alltägliche Dinge nachzudenken. Ich habe ein Buch mit dem Titel »Das Universum der Dinge« geschrieben. Da ging es ausschließlich um alltägliche Sachen – von der Verkehrsampel bis zum Rennrad. Wir befinden uns zwar im Elfenbeinturm, aber nicht im luftleeren Raum. Die Gegenstände des Denkens sind tatsächlich die Gegenstände unseres Lebens. Daher lohnt es sich, über die Dinge nachzudenken, die uns umgeben, die wir brauchen und wie sie sich verändern. Daher rührt auch meine Affinität zur Medienphilosophie. Das sind mittlerweile die wichtigsten Dinge, mit denen wir uns umgeben. Was wäre ein Mensch heute ohne sein Mobiltelefon? Ein Nichts! Er wäre nicht existent. Daher muss man darüber nachdenken.

Anfang des Jahrtausends haben Sie in einem Essay von der gesellschaftlichen Skepsis gegenüber dem technologischen Fortschritt geschrieben und wie sich diese durch Handys, Internet und Co. in eine Euphorie verwandelt hat aufgrund der Illusion von Freiheit, die eigentlich eine Unterwerfung bedeute. Wie lautet Ihr Befund rund 25 Jahre später in Zeiten von Künstlicher Intelligenz?

Ich fühle mich bestätigt. Damals war ich alleine auf weiter Flur. Heute schreiben alle davon. Die Technik-Skepsis war vor allem Ende des 20. Jahrhunderts sehr ausgeprägt aufgrund von Katastrophen rund um Tschernobyl oder der Explosion der amerikanischen Raumfähre »Challenger«. Dann kam das Internet, und man hat ausschließlich die Freiheitspotentiale gesehen und nicht das Illusionäre, weil sich die Skepsis nicht auf die Digitalisierung übertragen hat. Warum? Weil die technologische Entwicklung tatsächlich »smart« daherkommt. Ein Atomreaktor mit Warnschildern und Stacheldraht schaut gefährlich aus, ein Handy nicht. Heute fürchten sich alle davor. So sehr, dass man Jugendlichen den Zugang dazu verbieten möchte. Das macht man nur, wenn es sich um etwas wirklich Schlimmes handelt. Die Abhängigkeit von internationalen Tech-Konzernen wird mittlerweile beklagt. Wir unterwerfen uns alle, wenn wir eine KI mit einem Algorithmus nutzen, den wir nicht selber geschrieben haben. Womöglich kennt nicht mal mehr der Programmierer den Algorithmus, weil er sich selbst weiterentwickelt oder zumindest so komplex geworden ist, dass er nicht mehr so einfach zu durchschauen ist. Alle waren verblüfft, als die KI plötzlich begonnen hat, zu halluzinieren. Wir haben uns damit einer Dynamik ausgeliefert, die wir nicht mehr beherrschen können – geschweige denn, die wir als einzelne Nutzer durchschauen können. Das hat unser Verhältnis zu komplexen Technologien immer schon begleitet, seit Erfindung der Dampfmaschine. Wir haben die Souveränität über die Gegenstände, die uns helfen sollen, verloren. Simples Beispiel: Ein Handwerker hat die Souveränität über Hammer und Nagel. Wenn er müde ist, dann legt er sie hin, und sie bleiben liegen. Ein Fließband läuft weiter, auch wenn er müde ist. Bei KI tun wir nun alle so, als ob es ein Werkzeug wäre, obwohl das schon lange nicht mehr der Fall ist. Was es wirklich ist, weiß noch keiner. Auch ich nicht. Wir denken darüber nach.

Jeder weiß, wie man ein Handy ausschaltet. Das Wissen, wie man einen Atomreaktor herunterfährt, haben die wenigsten. Das heißt, in gewisser Weise hat man mehr Kontrolle über die »smarte« Technologie. Sie wird durch das höhere Suchtpotenzial nur abgegeben.

Natürlich. Auch hier sitzen wir der Illusion der Souveränität über diese Form der Technologie auf. Wir stehen drüber und können entscheiden, was wir wie oft in welcher Intensität verwenden. Nur haben wir vergessen, dass jede Technologie eine eigene Logik entwickelt. Jeder, der beginnt, eine Technologie zu nutzen, unterwirft sich dieser. Es ist also nicht nur der psychologische Aspekt der Sucht, der problematisch ist, wenngleich es dieses Suchtverhalten gibt. Man kann es bis in die Hirnphysiologie nachweisen. Es gibt aber auch die objektive Betrachtung, dass man sich der Technik nicht entziehen kann, wenn man Teil dieser Gesellschaft sein möchte. In unserer Welt ist es kaum noch möglich, eine analoge Existenz zu führen, wenn man nicht total an den Rand gedrängt werden möchte.

Nicht nur im persönlichen Umfeld, sondern auch für alltägliche Prozesse, wie beispielsweise Banküberweisungen und andere Freigaben über das Handy.

Richtig. Selbst wenn wir die Digitalisierung aufspalten auf Handy, PC und Laptop, ändert das nichts daran. Es ist dann schon sekundär, wie viele Stunden man am Tag damit arbeitet. Was in der Debatte dabei oftmals zu wenig beleuchtet wird: Das Smartphone bündelt in seiner Konzentration viele Tätigkeiten, die man früher auch schon gemacht hat. Früher musste man zur Bank gehen und hat einen Erlagschein ausgefüllt. Zeitung hat man früher auch gelesen. Briefe hat man vor dem Handy auch schon geschrieben. Jetzt macht man all diese Dinge digital am Smartphone. Man kann also niemandem vorwerfen, all die Sachen, die man früher analog erledigt hat, nun am neuesten Stand der Technologie digital abzuhandeln. Das alleine ist noch lange kein Suchtverhalten. Keiner hat jemandem attestiert, süchtig zu sein, weil er einmal in der Woche zur Bank gegangen ist, um seine Rechnungen zu begleichen. Die Bündelung all dieser Tätigkeiten auf einem Gerät lässt die vermeintliche Schlussfolgerung zu, nun süchtig zu sein. In Wirklichkeit ist es der gleiche Zeitaufwand wie früher. Was allerdings als Novum dazugekommen ist: Social Media. Das ist eine neue Form, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen. Wir alle sind Videos von Influencern ausgesetzt, die eigentlich Propagandavideos sind. Die Algorithmen sind so aufgesetzt, dass sie ein tatsächliches Suchtverhalten erzeugen können. Das sollten wir streng unterscheiden von den Dingen, die man in der digitalen Welt erledigen muss und zu denen wir genötigt werden – ID Austria zum Beispiel.
»Im Grunde ist es mir völlig egal, ob Menschen süchtig werden und am Handy zugrunde gehen«

Was seit Künstlicher Intelligenz tatsächlich neu in der Menschheitsgeschichte ist: Sie kann menschliche Aufgaben ersetzen, die uns Spaß machen.

Sehe ich genauso. Mit der theoretischen Distanz muss ich allerdings sagen, dass ich kein Apokalyptiker bin. Im Grunde ist es mir völlig egal, ob Menschen süchtig werden und am Handy zugrunde gehen. Oder ob sie das Denken verlernen, weil sie nur noch KI verwenden. Ist halt so. Mich interessiert aus der Distanz, was das bedeutet und was es verändert. Wie schlägt sich das auf unsere Vorstellung von Leben nieder? Was mich von Anfang an fasziniert hat, genau wie Sie es gesagt haben, ist, dass die KI nun anfängt, Tätigkeiten zu ersetzen, von denen wir immer gesagt haben, dass sie es sind, für die es sich lohnt, Mensch zu sein. Es geht um Kreativität, die Spaß macht und über die man sich ausdrückt. Unter Maturanten gab es vor vielen Jahren Umfragen, bei denen nach dem Traumjob gefragt wurde. Zu 80 Prozent waren es kreative Berufe. Warum? Weil man sich verwirklichen kann! Friedrich Schiller meinte: »Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Schiller meinte das ästhetische Spiel. Es gibt nichts Schöneres, als kreativ zu sein und Anerkennung dafür zu bekommen. Und jetzt kommt die KI und nimmt uns das ab. Da frage ich mich Folgendes: Warum kreieren wir eine Technologie, die uns das nimmt, was uns am meisten Spaß macht? Kann das überhaupt ein Erfolg sein? Und was bleibt uns, wenn wir uns dagegen nicht verwehren können? Dann sind wir wieder beim Sinn des Lebens. Wenn der Sinn des Lebens das Leben selbst ist, wie sieht dieses Leben dann aus? Das war doch die entscheidende Frage! Wenn wir das überzeichnend auf die Spitze bringen: Wenn die KI alles übernimmt, bleibt uns nur noch die Rolle des Konsumenten. Drehbücher, Filme, Bilder, Musik – all das braucht schließlich noch menschliche Abnehmer, denn sonst ist es kein Geschäft. Irgendwer muss bereit sein, dafür zu zahlen. Zumindest muss die Bereitschaft bestehen, es wahrzunehmen. Meine Idee: Die KI soll diese Dinge produzieren, aber für eine andere KI. Die Chatbots sollen sich untereinander unterhalten und Menschen das weitermachen lassen, was sie als Menschen gerne machen. Auf Dauer würde es sonst zu extremen sozialen Verwerfungen führen. Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Um Wilhelm von Humboldt zu zitieren: Der Mensch ist ein Wesen, das nicht »in sich müßig bleiben« kann. Entweder wir lehnen uns gegen die KI auf oder wir haben verspielt.

Kann es nicht auch sein, dass durch KI ein demokratischer Prozess innerhalb der Kreativität entsteht? Man muss nicht mehr lernen, wie man ein Musikinstrument spielt, man muss keine Kamera bedienen. Es reicht aus, kreative und exakte Prompts schreiben zu können, um kreativ schöpferisch tätig zu sein.

Hatten wir alles schon und ist nichts Neues. Das war immer schon das Versprechen von Technologie. So hat das Internet begonnen, mit der Illusion von Demokratisierung. Bei uns am Institut hatten wir Freaks, die meinten, dass nun die Demokratisierung beginnt, weil jeder ein Autor sein kann. Jeder kann einen Podcast starten und eigene Filme produzieren. Das hat schon weit davor ohne KI begonnen und hat ganz gut funktioniert. Als ich studiert habe, habe ich mich sehr für Fotografie interessiert. Damals war es ein extremer Aufwand zu fotografieren. Ich musste meinen Vater beknien, um eine sündteure Spiegelreflexkamera zu bekommen. Dann ging ich in Fotogeschäfte, um mir Fotopapier und Chemikalien zu kaufen. Nach der Fotografie selbst kam dann die Arbeit in der Dunkelkammer und die Belichtung. Dem fertigen Bild ging ein mehrtägiger Prozess voraus. Die Fotografie war eine – für manche illegitime – Kunstform, die wenigen vorbehalten war. Sie hat legendäre Werke hervorgebracht. Heute hat jeder zwischen 1.000 und einer Million Fotos auf seinem Smartphone. Die Fotografie ist vollkommen demokratisiert worden, aber eine ehrliche Frage: Um welchen Prozentsatz hat sich die Zahl der wirklich guten und begabten Fotografen und ihrer Bilder erhöht? Wie viele bedeutende Fotoausstellungen haben wir nun mehr mit diesen Katzen- und Blumenfotos? Keine einzige, obwohl ich Fotos mit der KI nun noch einfacher manipulieren kann.

Es reicht ein Prompt, es muss nicht mal mehr fotografiert werden.

Nicht mal das muss man mehr! Entstehen dadurch aber wirklich innovative Bilder, die irgendwie Spaß machen? Das wage ich zu bezweifeln. Ich glaube nicht an die Demokratisierung. Jeder kann mit ChatGPT einen Roman schreiben, solange man richtig prompted. Wir haben also jetzt schon die Elite von den tollen Promptern auf der einen Seite und die breite Masse, die ChatGPT nur den Auftrag gibt, einen durchschnittlichen Liebesroman zu schreiben. So ist es doch! Dieses Demokratisierungsversprechen durch Technologie hat die materielle Wahrheit auf seiner Seite. Denn ja: Jedem ist es nun möglich, das zu machen, was früher einer handwerklich gut ausgebildeten Elite vorbehalten war. Doch gleichzeitig ist noch jedes dieser Versprechen enttäuscht worden. Das beste Beispiel ist die Malerei. Warum gibt es immer noch Maler und Gemälde? Weder die analoge Fotografie noch die digitale oder die KI-manipulierte Bildproduktion hat sie verdrängt. Sie sind immer noch begehrt und werden immer teurer. Aus meinem eigenen Umfeld weiß ich, dass Porträtmaler hoch im Kurs sind. Keiner der Universitätsrektoren kommt auf die Idee, sich nicht als Ölgemälde festhalten zu lassen, obwohl ein Foto möglich wäre.

Wegen der Eitelkeit?

Nein, sondern weil ein Gemälde etwas anderes ausdrückt als Fotografie.

Also doch Eitelkeit.

Nein. Es kann auch Ehrlichkeit sein. Der Blick des Malers enthüllt Dinge, die eine Linse oder der KI-Algorithmus nicht erkennt.
»Das Analoge ist ein Einspruch gegen die Flüchtigkeit der digitalen Welt«

Ist diese Ehrlichkeit der Grund, warum Sie 2025 das Buch »Der Plattenspieler« geschrieben haben? Er ist in gewisser Weise eine Liebeserklärung an Vinyl, so beschreibt es zumindest der Residenzverlag. Man könnte auch fragen, ob Sie die alten Zeiten der kratzigen Nadeln niemals verlassen haben oder einfach auf den Zeitgeist der Vintage-Verliebtheit aufgesprungen sind.

Ich bin zu alt, um auf irgendeinen Zeitgeist aufzuspringen. Davon habe ich schon zu viele erlebt. Die Wahrheit ist, dass ich Vinyl tatsächlich nie ad acta gelegt hatte, obwohl ich alles andere mitgemacht habe, also auch CDs und Streaming. Im Gegensatz zu meinen Freunden und Verwandten habe ich meinen Plattenspieler und meine Plattensammlung nie weggegeben. Lange Zeit habe ich nichts Neues gekauft, weil es nichts gab. Die Produktion von Vinyl war fast am Ende. Dann kam plötzlich die lustige Vinyl-Renaissance, die mich bestärkt hat. Es war möglich, Neupressungen zu kaufen. Davor konnte ich nur alte Platten in einem legendären Geschäft in der Windmühlgasse besorgen. Mich hat dieses Wechselspiel der Konjunkturen interessiert – analog und digital. Das hat mich dazu bewogen, das Buch zu schreiben. Bei allen Vorteilen, die digitale Medien haben, gibt es bestimmte Momente der Unhandlichkeit, die die Vorzüge des Analogen kennzeichnen. Man hat eine intensivere Beziehung zu mehrdimensionalen Gegenständen, während eine digitale Datei überhaupt kein Gegenstand ist. Das ist ganz wesentlich. Der Mensch ist ein haptisches Wesen, das begreifen und nicht nur wischen möchte. Analoge Apparaturen erfordern ein gewisses Maß an Konzentration. Es geht darum, sich einzulassen auf etwas. Das haben wir durch die Digitalisierung fast verlernt. Das Analoge ist ein Einspruch gegen die Flüchtigkeit der digitalen Welt. Mit dem Smartphone macht man 1.000 Fotos in zwei Minuten und schaut keines wieder an. Wenn ich mit der Spiegelreflexkamera die Belichtung und Einstellungen genau überlege, habe ich eine andere Beziehung zu dem Foto. Es handelt sich schon fast um ein Unikat. Das Analoge wird die Digitalisierung immer als Schatten begleiten.

Ihre jüngsten Bücher handeln von den Krisen unserer Zeit: Lügen, die in Meinungsblasen zu Halbwahrheiten werden. Bildung, die von Teilen der Gesellschaft als verdächtige Provokation wahrgenommen wird. Verantwortung, die man nur haben möchte, wenn es gerade gut läuft, in Schuldfragen allerdings gerne auf andere abwälzt. Wohin haben sich die Welt und unsere Gesellschaft in diesem Jahrzehnt entwickelt?

Das ist eine große Frage. Vor allem, weil man unterschiedliche Ebenen auseinanderhalten muss. Wenn wir es geopolitisch betrachten: Die Welt ändert sich aktuell dramatisch, da wir die Nachkriegsordnung verlassen haben. Begonnen hat das schon mit dem Ende des Kalten Krieges, als die ehemaligen Machtblöcke anfingen, sich neu zu positionieren. Niemand wusste, welche Gestalt das annehmen wird, und auch jetzt weiß niemand, wie das einmal aussehen wird. Es geht um Machtansprüche, Lebenskonzepte, wirtschaftliche Schwerpunkte und wie sich das alles niederschlagen wird. Auch die Rolle der Europäischen Union hat sich durch den Krieg in der Ukraine vollkommen verändert. Aus dem Friedensprojekt ist eine Staatengemeinschaft geworden, die aufrüsten und Kriegsbereitschaft zeigen muss. Das war nie die Idee der EU! Sie ist entstanden unter »dem Schutz« des Eisernen Vorhangs. Damals waren die Einflusssphären klar verteilt. Das sind sie jetzt nicht mehr. Ich kann daher keine bessere Diagnose abgeben als viele andere Beobachter. Wir wissen schlichtweg nicht, wohin sich das alles entwickelt. Werden sich die US-amerikanischen Machtansprüche durchsetzen? Ist es das letzte Aufzucken einer Weltmacht im Niedergang? Wird der Aufstieg Chinas ungebrochen weitergehen wie bisher? Am Ende des 20. Jahrhunderts hat man vor der japanischen Herausforderung gesprochen, weil der Inselstaat als technologisches Wunderland der Zukunft galt. Man hatte Angst, dass die japanische Technologie den Weltmarkt überschwemmen wird und wir untergehen werden, wenn wir nicht mitgehen. Heute erinnert sich niemand mehr daran. Bei China muss man hingegen sagen: Es ist das letzte kommunistische Großreich dieser Erde. Politisch wundert es mich fast, dass unsere Linken nicht sagen, dass der Kommunismus doch die überlegene Gesellschafts- und Wirtschaftsform ist, wie man es an China sieht.

Es handelt sich um einen kapitalistischen Kommunismus.

Es ist ein Kommunismus, der sich an Lenins neuer ökonomischer Politik orientiert, nachdem die ersten planwirtschaftlichen Versuche unmittelbar nach der Revolution gescheitert waren. Es geht um eine begrenzte Form der Marktwirtschaft, um einen Kapitalismus unter Oberaufsicht und Diktat der kommunistischen Partei. Die größten Konzerne können sich nur so lange entwickeln, wie sie auf Parteilinie sind. Manche, die das nicht begreifen, verschwinden. Es handelt sich also um eine kommunistische Diktatur, die sich auf intelligente Art und Weise globale Mechanismen der Marktwirtschaft zunutze macht. Das sollte man nicht vergessen! Alle tun immer so, als ob der Kommunismus in China nur eine Art Proforma-Überschrift wäre, unter der klassischer Kapitalismus stattfindet. So ist dem aber nicht. Der klassische Kapitalismus verträgt keine Regelhaftigkeit, die von einer Partei ausgeht. China ist damit ein gutes Beispiel, dass Demokratie und Marktwirtschaft nicht unbedingt aufeinander angewiesen sind. Abgesehen davon bin ich mir nicht sicher, ob es sich mit der chinesischen Herausforderung in zehn Jahren nicht genauso verhält wie damals mit der japanischen Herausforderung. Keiner erinnert sich mehr daran. Ein möglicher Grund: Das Land hat an inneren Widersprüchen zu nagen. Zugrundegehen wird es nicht, denn dafür ist es viel zu groß. China wird niemals zugrundegehen. Aber die Expansionspolitik kann an ihre Grenzen stoßen.

Vielleicht wird China Amerika ablösen.

Auch möglich.

Wenn man sich unser bisheriges Jahrzehnt im Rückblick ansieht … glauben Sie, dass es erst wieder richtig kleschen muss im globalen Ausmaß – wirtschaftlich und militärisch – bis alle erneut sagen: Nie wieder!

Ich hoffe nicht. An sich hatte ich schon darauf gehofft, dass die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs ausreicht, um diese Art der Politik ein für alle Mal zu diskreditieren. Offensichtlich ist unsere geschichtliche Lernfähigkeit äußerst begrenzt. Dazu kommt, dass sich atomar hochgerüstete Mächte gegenüberstehen, was dem Ganzen eine andere Dimension gibt. Viele sagen, wir kehren zurück zur Macht- und Einflusssphärenpolitik des 19. Jahrhunderts. Auf der einen Seite stimmt das, bezogen auf politische Grundüberlegungen. Auf der anderen Seite stimmt es nicht, weil es ein Unterschied ist, ob sich Mächte gegenüberstehen, die stehende Heere mit Zündnadelgewehren und ein paar Schiffe auf den Weltmeeren haben, oder ob es atomar hochgerüstete Mächte sind, die mit jeder Eskalation den Keim eines Selbstvernichtungsschlags in sich tragen. Wenn es zu so einem Zusammenstoß kommt, wird es möglicherweise keine Welt mehr geben, die sagen könnte: »Es reicht, jetzt aber wirklich nie wieder.«

Ist der Begriff der »Menschlichkeit« für Sie positiv oder negativ konnotiert?

(… denkt nach …)

Es gibt für mich den Begriff der »Humanitas«, der manchmal mit Menschlichkeit übersetzt wird. Für mich hat er den Vorzug, dass er den Akzent auf eine bestimmte Art der Menschlichkeit legt, nämlich auf das, was an Positivem in uns steckt. Schon die Frage, was es bedeutet, als Mensch menschlich zu leben, deutet an, auch ganz anders leben zu können. Zum Menschen und zur Menschlichkeit gehört dazu, auch böse sein zu können.

Und grausam.

Auch das. Das darf und soll man nicht ignorieren. Die Frage ist, wie man das eindämmen, bekämpfen und zivilisieren kann. Negatives wird immer wieder durchbrechen können. Sowohl im Kleinen, wenn wir an Alltagskriminalität denken, als auch im Großen, wenn wir an Politisches denken. Es ist eine irre Aufgabe, Instrumentarien zu finden, um das einigermaßen einzudämmen. Ob das jemals gelingen wird, weiß ich nicht.

Eigentlich geht es dabei um die Würde des Menschen, oder? Mit den von Ihnen angesprochenen Instrumentarien soll nicht automatisch das Recht der Stärkeren, sondern der Schwächsten der Gesellschaft in den Mittelpunkt gerückt werden, damit wir als Gesellschaft funktionieren. Was momentan …

… aufgeweicht wird. Wobei ich es so nicht sagen würde. Die Würde des Menschen besagt, dass jeder Mensch in seiner Existenzform das gleiche Recht auf Leben hat. Das heißt nicht, dass jeder Mensch gleich ist und die gleichen Lebenschancen hat und ergreifen muss. Es ist schön, dass Menschen sehr unterschiedlich sein können. Die Würde besagt, dass niemand von Natur aus mehr oder weniger wert ist im Vergleich zu anderen. Für manche mag die soziale und ökonomische Frei- und Gleichheit der Idealzustand der Gesellschaft sein. Wobei mit dieser Freiheit gleichzeitig die Möglichkeit von Würdeverletzungen an anderen dazugehört. Das Wechselspiel von Macht und Ohnmacht wird man niemals ausschalten können. Vielleicht hatte Friedrich Nietzsche recht, als er sagte, unser stärkster Antrieb ist der Wille zur Macht. Er meinte damit nicht die Macht über andere, sondern die Macht zur Selbstgestaltung, -entfaltung und -ermächtigung. Im Prinzip, aus heutiger Sicht, ging es um Empowerment. Man muss das nüchtern sehen: Wenn man den Schwachen zugesteht, sich zu ermächtigen, darf ich es den Starken nicht verwehren. Zur Würde des Menschen gehört auch, dass er seine Stärke ausspielt, wenn er sich stark fühlt. Solange es nicht verletzend und demütigend für andere ist, wird es gesellschaftlich auch zugestanden. Denken wir an Schauspieler und Musiker, die zum Star werden. Hier wird Stärke ausgespielt, Aufmerksamkeit akkumuliert und Reichtum sowie Anerkennung angehäuft. Das stört niemanden. In der Politik verhält es sich genauso.

Wenn wir über politische Debatten nachdenken, sind manche Themen medial überrepräsentiert, während sie gesamtgesellschaftlich eher ein Randthema sind – denken wir an die Gender-Debatte. Konservativ eingestellten Menschen ist das mittlerweile etwas zu viel des Guten. Nach vielen Zugeständnissen innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses wandelt sich die Stimmung. Das Resultat: erstarkte konservative Agenden.

Ich nehme es so wahr, dass es für manche mittlerweile etwas übertrieben wirkt. Bestimmte begrüßenswerte Ansätze werden unerträglich, sobald sie extrem betrieben werden. Das ist das Kennzeichen des Extremismus jedweder Art. Ich würde es als unerträglich finden, wenn es auf einmal wieder heißt, dass nur das Konzept der bürgerlichen Kern- und Kleinfamilie gilt, also: Vater, Mutter, Kind. Das wäre vollkommen unsinnig und noch dazu faktisch als auch theoretisch falsch. Ehrlich gesagt muss ich aber gestehen, dass ich mit 72 oder mehr Geschlechtern auch meine Schwierigkeiten habe. Ich habe nichts dagegen, dass sich Menschen in ihrer sexuellen Orientierung und ihrem sexuellen Gefühlsleben unterschiedlich betrachten. Aber ist es wirklich vernünftig, jede Form der sexuellen Orientierung, die oftmals situativ ist, zu einem eigenen Geschlecht hochzustilisieren? Eigentlich ist es ein zutiefst konservatives Denken, sämtliche Gefühle ontologisieren zu wollen. Vielleicht sollte man sich an gewissen biologischen Grundlagen, die genetisch festgelegt sind, orientieren und darüber hinaus einen Kosmos an Gefühls- und Sexualvarianten aufbauen, um sich darin ausleben zu können. Aristoteles hat die Tugend als das rechte Maß zwischen zwei Extremen beschrieben. Damit ist allerdings nicht immer die arithmetische Mitte gemeint. Es geht also um eine vernünftige Vorgangsweise zwischen den Extremen. Dazu muss man nachdenken, nicht behaupten und nicht immunisieren. Keine Diskussionen ausschließen und keine Feindbilder aufbauen.

Und … was nun?

Ich habe meinem Buch diesen Titel gegeben, weil ich glaube, dass man eine Krise daran erkennt, dass man nicht weiß, was zu tun ist. Ratlosigkeit ist das Kennzeichen einer Krisensituation. Es wäre fein, wenn man immer wüsste, was zu tun ist. Dann wäre es allerdings keine Krise. Der Begriff der »Krise« entstammt aus der antiken Medizin und meint die entscheidenden Tage, ob man eine Krankheit überwinden wird oder nicht. Wenn wir auf einen Arzt treffen, der sofort die richtige Diagnose stellt und uns versichert, dass es nach der von ihm angeordneten Therapie wieder gut sein wird, haben wir nicht das Gefühl einer großen Krise. Wenn ein Arzt allerdings sagt, dass andere Spezialisten konsultiert werden müssen, bevor er wisse, worum es geht und wie er es therapieren kann, dann handelt es sich um eine Krise.

Das heißt, wir wissen nicht, wie wir jetzt weitermachen.

In verschiedenen Feldern wissen wir es nicht. Bei einigen deutet sich eine Lösung an. Bei anderen haben wir eine gewisse Orientierungslosigkeit. Ein Beispiel: Wie soll sich die Europäische Union gegenüber den USA in der Grönlandkrise verhalten? Die Frage ist offensichtlich offen, obwohl es nicht viele Möglichkeiten gibt. Aber nicht mal da ist man sich einig, wie man auftreten soll oder kann. Zu irgendeinem Verhalten wird man kommen. Ob das lösungsorientiert sein wird …

… oder vernünftig …

… wird sich weisen. Bei anderen Krisen – der Energiekrise – suchen wir nach Lösungen, ohne in die eine oder andere radikale Variante zu verfallen: nur fossile Stoffe oder nur noch grüner Strom. Und über allem die Frage: Atomkraft – ja oder nein? Bei der KI sind wir noch in der Phase »Was nun?« Der Fortschritt überschlägt sich tagtäglich. Wenn man heute etwas über KI schreibt, ist es morgen schon wieder überholt, weil es bereits wieder neue Innovationen gibt. Begreifen wir hier tatsächlich, worum es geht? Sind wir stark genug zu sagen, was wir wollen und was wir nicht wollen? Ich finde, man könnte durchaus sagen, dass KI in manchen Bereichen sehr nützlich ist, während sie in anderen Bereichen nichts verloren hat. In der Medizin kann KI als Diagnoseinstrument sehr hilfreich sein, weil die KI unglaubliche Datensätze verarbeiten kann, die kein Arzt präsent hat. In anderen Bereichen verstehe ich es überhaupt nicht, warum junge Menschen nicht imstande sein sollten, ihre Gedanken selbst zu Papier zu bringen. Wozu KI? Denkt euch etwas aus und versucht, eure Gedanken in grammatikalisch korrekter Abfolge niederzuschreiben. Da braucht es keine KI. Im Bildungsbereich hat sie bis zur Mittelstufe nichts verloren. Erst wenn die Grundkompetenzen – lesen, schreiben, nachdenken, recherchieren und so weiter – geschult worden sind, kann man sich überlegen, sinnvolle Aufgabenstellungen mit KI zu finden. Einigkeit ist hier noch überhaupt keine erzielt.

Lieblings-

Buch: Doktor Faustus (Thomas Mann)
Film: Spiel mir das Lied vom Tod (Sergio Leone)
Song: The Times They Are A-Changin’ (Bob Dylan), Mondnacht (Robert Schumann / Joseph von Eichendorff)
Schauspieler/in: Oskar Werner
Motto: Keines, denn mein Motto lautet: »Lebe tunlichst ohne Motto!« Ein Leben ist viel zu interessant, vielfältig und unberechenbar, als dass man es sich durch ein Motto einengen lassen könnte.
Autor/in: Karl May
Serie: Ich schaue keine Serien, weil ich mir den Angriff auf meine Lebenszeit ersparen möchte.
Stadt: Wien
Land: Österreich
Gericht: Spaghetti in allen Varianten
Getränk: Soda Zitron

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Wenn ich die vergangene Woche bis zum 1. Jänner ausdehnen darf, dann war es im Wiener Konzerthaus die 9. Symphonie von Beethoven, die ich gehört habe. Das war eine wunderschöne Interpretation, wie man sie nicht alle Tage hört.
Negativstes: Die Aufführung »Richard III.« im Akademietheater. Nicht wegen der schauspielerischen Leistungen, sondern wegen der katastrophalen Inszenierung.

Persönliches Mitbringsel

Eine Bürste zum Reinigen und zur Vermeidung der elektrostatischen Aufladung von Schallplatten. In der Vinyl-Ära war das eines der ganz wichtigen Dinge.
Vinyl-Bürste von Konrad Paul Liessmann

Berufswunsch als Kind

Als Kind hatte ich nur einen negativen Berufswunsch. Mein Vater war Bilanzbuchhalter in einer Steuerberatungskanzlei. Immer, wenn er arbeiten musste, hat es geheißen, er gehe ins Büro. Ich wusste nur, dass ich niemals in ein Büro gehen wollte.

Wen wollten Sie immer schon einmal treffen?

Gerade wenn man an Menschen denkt, deren Werk man bewundert, sind sie als Mensch eher enttäuschend. Ich bin ein großer Wagnerianer, aber Richard Wagner begegnen? Möchte ich ehrlich gesagt nicht. Der war sicherlich widerlich.

Teenie-Schwarm

Es mag etwas kokett klingen, aber ich hatte nie die Anlage zum Schwärmen oder dazu, Fan von jemandem zu sein. Ich wollte niemals Anhänger von etwas sein. Ich wollte immer ich selbst sein. Natürlich habe ich vielleicht die eine oder andere Schauspielerin bewundert – Claudia Cardinale, zum Beispiel. Aber so richtig … nein.

Café-Bestellung

Melange, frisch gepresster Orangensaft

Ort des Interviews

Café Ritter
Es ist das erste Mal in der Historie von Talkaccino, dass ein Café zweimal direkt hintereinander Ort des Interview-Geschehens ist. Erst im Dezember nahm Karl-Heinz Götze vom KSV1870 im Café Ritter Platz, um Rede und Antwort zu stehen. Diesmal war es Philosoph Konrad Paul Liessmann. Der Grund: Vorab zum Interview hat er verraten, dass es sich um sein Stammcafé handelt, das er mittlerweile als öffentliches Büro betrachtet und in dem er immer wieder gerne Mediengespräche führt.