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Soso Mugiraneza sitzt beim Gespräch im Café
Soso Mugiraneza

Stand-up-Comedian

Kultur
13.10.2020
Soso Mugiraneza ist in Burundi geboren und kam als afrikanischer Flüchtling nach Österreich. Er betrachtet Humor als Therapie und hat sich von abendlichen Stand-ups in diversen Clubs und Bars hin zu TV-Auftritten gearbeitet. Mugiraneza war unter anderem bei Dieter Nuhr in der ARD, dem Quatsch Comedy Club, bei Nightwash oder auch bei Dancing Stars im ORF zu Gast. Mit seinem Programm »Schwarzer Humo(h)r« tourt er durch Österreich und Deutschland.

Du bedienst mit deinem Comedy-Programm »Schwarzer Humo(h)r« Klischees. Womit hat man als afrikanischer Flüchtling immer wieder zu kämpfen und welche Aspekte davon verarbeitest du komödiantisch in deinem Programm?

Medial werden afrikanische Menschen als Opfer dargestellt, als Menschen, die nur Probleme haben, wie zum Beispiel Bettler oder Drogendealer. Man sieht selten positive Aspekte von Menschen mit afrikanischer Herkunft. Entweder werden wir als Flüchtlinge gesehen und bemitleidet oder wir werden als Kriminelle gesehen. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, zu zeigen, dass Menschen in Afrika nicht nur Probleme haben, sondern eben auch Humor. 

Viele Menschen, die nach Afrika fliegen, erzählen, dass die Menschen dort lachen. Du kommst also nicht nach Afrika und siehst sofort Kinder mit Fliegen in den Augen auf der Straße, die betteln und auf die UNICEF warten. Ich weiß zwar nicht, ob es meine Aufgabe ist, aber ich will, dass die Leute sehen, dass wir mehr können. Wenn ich auf die Bühne komme, dann spreche ich nicht darüber, dass alles schlecht ist. Ich rede zwar auch über Themen wie Rassismus, aber nicht aus der Opferrolle heraus. Ich will eher zeigen, wie absurd Rassismus sein kann.
»Du kommst nicht nach Afrika und siehst sofort Kinder mit Fliegen in den Augen«

Was ist deine Meinung zu politischer Korrektheit?

Es wäre perfekt, wenn die Welt politisch korrekt wäre, weil sie bereits korrekt ist. Ich lege allerdings nicht viel Wert auf Aussagen – was darf man sagen und was darf man nicht sagen. Das ist nicht wichtig für mich. Wir müssen mal anfangen, uns damit zu beschäftigen, wie man andere Menschen behandelt. Ich kann politisch korrekt zu dir sein und gleichzeitig der ärgste Rassist.

Weil Rassisten nicht anhand von Wörtern erkannt werden.

Richtig! Die schlimmsten Erfahrungen, die ich gemacht habe, waren nicht mit Leuten, die mich »Neger« genannt oder anderweitig beleidigt haben. Die ärgsten Rassisten sind die, die politisch korrekt sind. Schau dir die Videos aus Amerika an, auf denen Schwarzafrikaner erschossen werden. Du siehst nie einen Polizisten, der sagt: »Hey, Nigga, put your hands up. Nigga, I’m going to shoot you!« Nein, sie sagen: »Sir!« Dann wird geschossen. Wörter sind Ausdrücke, wichtig ist allerdings, was dahintersteckt. Die Absicht ist also wichtiger als das, was aus dem Mund kommt. Wir verschwenden so viel Zeit mit der Diskussion über politische Korrektheit und vergessen, dass gerade anderswo Bomben fallen. Sollen wir »Mohr im Hemd« zu dem Kuchen sagen? Keiner spricht darüber, wie schwierig es als Afrikaner ist, eine Wohnung in Wien zu erhalten. Nenn mich, wie du willst, aber gib mir einen Job oder eine Wohnung.

Man kann sich beschimpfen und trotzdem mögen – oder sehr korrekt sein und wünschen, dass jemand abgeschoben wird oder gar Schlimmeres.

Es gibt böse Menschen ohne Kopf und es gibt böse Menschen mit Kopf. Die bösen mit Kopf haben gemerkt, was man nicht sagen darf, und sagen es halt nicht mehr. Die sagen dann eben »Menschen mit Migrationshintergrund«, wollen dich aber trotzdem nicht. Mit manchen Diskussionen wird wirklich viel Zeit verschwendet. Das nervt mich.
Soso Mugiraneza im Gespräch im Café

Chris Rock hat in seiner Oscar-Eröffnungsrede von 2016 etwas sehr Schönes als Endpunkt eines circa 15-minütigen Stand-ups gesagt: »Not everything is racism, not everything is sexism.«

Es sind schöne Ablenkungen von dem, was wirklich abgeht. Wenn wir lernen, gut miteinander umzugehen, erübrigt sich das Thema Political Correctness von selbst. Ich weiß nur nicht, ob wir alle zu blöd sind, um da mal draufzukommen. Die Menschheit hat viel gelernt, aber noch nicht so richtig, wie man mit Menschen umgeht, die anders sind oder anders ausschauen. 

Poltische Korrektheit bringt Menschen auseinander, anstatt sie zusammenzuführen. Jede Woche kommt von irgendwo ein neues Wort, das man nicht mehr sagen darf. Manchmal nach Shows wissen Leute nicht, wie sie mich anreden sollen, obwohl sie lachen mussten und mich gut fanden.

War es wirklich die Angst vor der politischen Korrektheit oder die Ehrfurcht vor der Bühnenpersönlichkeit?

Es passiert auch, wenn ich privat unterwegs bin. Die wissen nicht, wie sie einen Schwarzen benennen sollen. Ich wusste es als Schwarzer selber nicht! Angeblich dürfen wir nicht mehr »schwarz« sagen! 

Das ist schon spannend. Ich habe kein Problem damit, dass man mich Weißer nennt.

In Berlin wurde mir gesagt, dass man jetzt PoC sagt, People of Colour.

Hört sich ein bisschen an nach Leuten, die schwarzarbeiten und sich mit Farbe beim Ausmalen bekleckern.

Ich weiß es nicht. Ich habe das von einem gebildeten Linksliberalen gesagt bekommen. Wir haben uns unterhalten und ich sagte: »Wir Schwarzen ...« Und er auf einmal: »Sorry, das darf man nicht sagen.« Es war ein Weißer, der mir erklärt hat, wie ich mich nennen darf!

Ein bisschen scheinintellektuell.

Das ist ja das Problem! Keiner weiß, woher das kommt. Daher wissen dann Menschen mit weniger Bildungsniveau, die sich nicht damit beschäftigen, überhaupt nicht mehr, wie sie einem Schwarzen begegnen sollen. Die nehmen dann eher Abstand, weil sie Angst haben, etwas zu sagen, was nicht passen könnte.

Die politische Korrektheit des linken Spektrums ist damit eigentlich so verklärt wie die rechte Seite. Von der linken Seite »darf« man nicht mehr, von der rechten Seite »will« man das so nicht mehr.

Es führt dazu, dass man verliert. Manche Leute verzweifeln, weil sie nicht mehr fragen dürfen, woher jemand kommt. Wenn mich jemand anspricht und sagt: »Entschuldige, ist nicht böse gemeint, aber woher kommst du?« Wie soll man ein ernsthaftes Gespräch führen, wenn man nicht fragen darf, wo deine Wurzeln sind. Die Linken glauben, dass sie uns etwas Gutes tun. Im Endeffekt machen sie es uns aber sehr schwer.

Ich zähle jetzt ein paar Begriffe auf, und du sagst, mit welchen Begriffen du ein Problem hast: Schwarze Magie, Schwarzfahrer, Mohr im Hemd, Negerkuss, Farbiger.

»Neger« ist schon heavy für mich. Neger ist nicht gleichzusetzen mit Mohr. Neger assoziiere ich mit 400 Jahren Sklaverei, Ausbeutung, Vergewaltigung und allem Möglichen, was die Leute damals erlebt haben. Das alles ist in einem Wort zusammengefasst: Neger. Es triggert mich. Mit »Farbiger« weiß ich nichts anzufangen. Die anderen Begriffe sind mir egal. 

Als Stand-up-Comedian auf der Bühne zu stehen, erfordert Mut. Du brauchst lautstarkes Feedback, weil du weißt, dass du ohne nichts ausgelöst hast. Bei Lesungen oder Poetry-Slams kann es still sein, bei nachdenklichen Texten beispielsweise, und es ist okay, selbst wenn das noch nichts über die Qualität des Textes aussagt.

Am Anfang wollte ich unbedingt, dass die Leute lachen. Ich hab’s nicht ausgehalten, wenn eine Minute lang nicht gelacht wurde. Mit der Zeit fragst du dich aber, ob du nur Lacher willst oder ob auch etwas hängen bleiben soll. Ich will schon auch zum Nachdenken anregen. Wenn ich also will, dass meine Message zu Afrika ankommt, muss ich damit rechnen, dass ein paar Minütchen nicht gelacht wird.
»Oliver Pocher hat mir Tipps gegeben und mich dazu ermutigt weiterzumachen«

Was war der Grund für deine Flucht aus Afrika und warum hast du danach mit Comedy begonnen?

Der Grund für die Flucht war Krieg in Burundi. Der Grund für Comedy: Menschen in Afrika haben Humor. Theoretisch könnte jeder Comedian sein. Wir haben uns schon im Dorf bei uns immer übereinander lustig gemacht. Die Amerikaner sagen »roasting« dazu. Ich habe also diesen Drang, dass ich aus jeder Situation als Lachender herauskomme. Ich wusste allerdings nicht, dass man das auch als Kunst betrachten und damit Geld verdienen kann. Ich bin später einmal bei einer Veranstaltung für einen wohltätigen Verein auf der Bühne gestanden und habe meine Witze über Kinder in Afrika gemacht, weil ich keine Klischees bemühen wollte. Ich habe sie »geroastet«, mich also über sie lustig gemacht. Das wurde gefilmt, und so habe ich eine Sendung auf Okto TV bekommen, ohne dass ich ein Comedy-Programm hatte. Ich wusste nicht mal, was Comedy ist! Also habe ich mir diverse Videos auf YouTube angesehen, von Eddie Murphy und Chris Rock. Als ich dann meine Sendung hatte, wurde ich irgendwann zur Casting-Show »Die große Comedy-Chance« im ORF eingeladen. Oliver Pocher war in der Jury. Er kam nach der Show zu mir und meinte: »Ey, du musst das machen!« Der ist ein Comedy-Star, der in Deutschland Hallen füllt, und hat sich für mich Zeit genommen, anstatt heimzugehen nach der Show. Er hat mir Tipps gegeben und mich dazu ermutigt weiterzumachen.
Soso Mugiraneza lachend beim Interview

Wenn man selbst auf der Bühne steht und Leute zum Lachen bringt, ist es dann schwierig, selbst zum Lachen gebracht zu werden?

Ja, oft schon. Als Comedian ist man wie ein Koch. Ein Koch achtet nicht nur auf den Geschmack, sondern auf viel mehr. Wenn ich im Publikum sitze, dann spiele ich unbewusst mit und überlege mir, wie ich es gemacht hätte. Mich bringen Leute zum Lachen, von denen ich mir nicht erwarte, dass sie lustig sind. Meine Tochter bringt mich zum Lachen. Ich erwarte nicht mal, dass sie reden kann.

Zu welchen Comedians und Kabarettisten schaust du auf, wen bewunderst du? Egal, ob national oder international.

Dave Chappelle. Ich bewundere, wie er es schafft, mit Ruhe ein langes Setup zu machen. Du hast das Gefühl, dass ein Knaller kommt, egal, wie lange er redet. Du weißt allerdings nicht, wann. Auch wenn nicht gelacht wird, schafft er es, die Spannung zu halten und dass du weiter zuhörst.

Auf welcher Bühne würdest du gerne einmal stehen?

Ich würde gerne einmal in der Kabarett-Szene eine Chance bekommen. Kabarett Simpl oder Niedermair zum Beispiel. Es spielen dort Leute, die ich zum Teil gefördert habe. Ich glaube aber, dass die mich nicht wollen. Obwohl: Kabarett ist schon links, oder?

In der Regel schon, auch wenn einer Lisa Eckhart gerne mal unterstellt wird, rechts zu sein.

Die ist links! Wenn du Kabarett in die rechte Ecke stellst, dann ...

... verstehst du den Humor nicht.

Genau.

Bitte, einen Witz zum Abschluss.

Einen Witz? Pfff! Ich habe früher Witze erzählt, aber die waren nicht von mir. Mir persönlich fallen keine Witze ein. Etwas zu erzählen, was nicht von mir ist, sollte keinen Credit bekommen.

Lieblings-

Buch: Die Bibel
Film: Coming to America (dt. Titel: Der Prinz aus Zamunda)
Song: generell Songs von Bob Marley
Schauspieler/in: Eddie Murphy
Motto: Hauptsache, es macht Spaß!
Autor/in: Soso Mugiraneza
Serie: Haus des Geldes
Stadt: Wien
Land: Österreich und Burundi
Gericht: Fufu (afrikanischer stärkehaltiger Brei aus Maniok oder Yams und Kochbananen) 
Getränk: Tee von Montag bis Freitag, Bier am Wochenende

Persönliches Mitbringsel

Ich habe nichts Besonderes, das ich hätte mitnehmen können.

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Ich habe in Berlin eine neue Location gefunden, die mit mir arbeiten will. 
Negativstes: Durch Corona sind einige Shows abgesagt worden. Dadurch habe ich teilweise meinen Antrieb verloren und war ein bisschen down.

Berufswunsch als Kind

Fußballer

Wen wolltest du immer schon einmal treffen?

Ich würde meinen verstorbenen Bruder gerne wieder einmal treffen. Ich träume viel von ihm und würde ihn gerne fragen, was man eigentlich so macht, wenn man gestorben ist. Einfach mal so fragen, wie es im Himmel ist.

Teenie-Schwarm

Ich bin im Ghetto aufgewachsen, daher hatten wir keinen Fernseher und haben keine Filme geschaut. Mein Schwarm kam aus meinem Milieu. Es gab eine, die einfach lustig war. Viele der Mädels waren oft beleidigt, aber sie hat gekontert. Sie war einfach cool.

Café-Bestellung

Schwarztee mit Zitrone

Ort des Interviews

Café Wannenmacher
Das Café Wannenmacher ist ein unscheinbares, aber mit Liebe eigentümergeführtes Traditionscafé in der Billrothstraße 57, 1190 Wien. Beim Betreten fühlt man sich in eine frühere Zeit aus der Kindheit zurückversetzt. Soll heißen: Beim Wannenmacher handelt es sich um kein perfekt durchgestyltes Third-Wave-Coffee-Bobo-Zeitgeist-Café, sondern um eine bodenständige Lokalität, die mit klassischer Speisekarte ohne großen Schnick-Schnack auskommt. Die Vitrine bietet allerlei süße Leckereien, der Schinken-Käse-Toast wird mit gutem Weißbrot kross zubereitet und der Schwarztee wird wahlweise mit Milch, Zucker oder Zitrone serviert. Kaffeeklassiker wie den großen oder kleinen Braunen, den Wiener Melange oder einen Verlängerten gibt’s natürlich auch. Braucht’s mehr?