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Kabarettistin Lydia Prenner-Kasper im Gespräch
Lydia Prenner-Kasper

Kabarettistin

Kultur
02.03.2021
Lydia Prenner-Kasper nimmt sich vom »Muttitasking« gerne eine Auszeit bei der »Weiberwellness«, damit sie dort, mit einem »Damenspitzerl«, schiach reden kann. So oder so ähnlich könnte man die Kabarettistin zusammenfassend beschreiben, wenn man sich auf ihre Kabarettprogramme bezieht. Wenn sie nicht gerade mit einem ihrer Programme durch Österreich tourt, ist sie dennoch zu sehen – meist auf Puls4 in der Witzesendung »Sehr witzig!?«.

Ich habe gelesen, dass du in allen Lebenslagen gerne die Kontrolle behältst.

(lacht) Ich wusste, dass mir das irgendwann auf den Kopf fällt! Ich habe diesen einen Satz mit der Kontrolle in einem Krone-Interview gesagt, im Zusammenhang mit meinem Pferd. Beim Reiten behalte ich gerne die Kontrolle. Ich glaube, es gibt niemanden, der nicht gerne die Kontrolle am Pferd behalten möchte. Jeder, der schon mal auf einem rennenden Pferd gesessen ist und dabei nicht die Kontrolle hatte, weiß, wie »lustig« das ist. Und genau dieser eine Satz ist dann zur Headline geworden. Aber ja, ich habe die Dinge schon gerne im Griff und weiß gerne, was als Nächstes passiert. Ich kann’s allerdings schon auch mal fließen lassen. Der volle Kontrollfreak bin ich also nicht. Das muss ich an der Stelle schon mal klarstellen. (grinst)

Was muss passieren, um die Kontrolle in unserem heutigen Gespräch abzugeben, damit es für dich fließt?

Im Tee sollte Rum sein. 

Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich einen mitgenommen.

(lacht) Dazu ist es noch zu früh! Hmm, was müsste passieren ... sobald ich mich amüsiere und in einem Gespräch wohlfühle, lasse ich es fließen.

Vor ungefähr zwei Jahren hast du in einem Interview ein Klischee angesprochen, das vor Jahren auch von Late-Night-Talker Harald Schmidt thematisiert wurde: Es gibt im Showbusiness keine lustigen Frauen, und wenn doch, sind sie die Ausnahme von der Regel.

Das scheint so. Ich habe das allerdings eher ironisch gemeint und finde, dass es absolut nicht so ist! Es gibt einen jahrhundertelangen Gewöhnungseffekt daran, dass Männer in der Öffentlichkeit das Wort führen. Man muss sich offenbar noch daran gewöhnen, dass auch Frauen öffentlich Sachen sagen und dabei nicht immer alles schön aussehen lassen. Es ist seit Generationen eingeprägt, dass Frauen, die ihre wahren Empfindungen ansprechen, als lästig und störend empfunden werden, weil damit das Gesellschaftsbild verrückt wird. Insofern gilt das auch für den Humor. Ich habe anfänglich ganz viel Empörung geerntet. Je länger man mich kennt, desto besser weiß man, worauf man sich einstellen muss und was man konsumiert, wenn man mich ansieht. Und damit wird es lustigerweise auch gesellschaftsverträglicher. 

Was für Empörungen wurden geerntet?

Für dreckige Pointen oder Witze zum Beispiel. Ich finde, es gibt nichts, was man nicht ansprechen darf! Weil: Dinge, die es gibt, sind auch besprechenswert. Ich bin eine Feindin von Tabus und davon, Dinge unter den Teppich zu kehren. Für Leute, die gelernt haben, Dinge gut unter Verschluss zu halten, ist das dann sehr verstörend. Ich kann das auch nachvollziehen! Ich glaube aber auch, dass es an der Zeit ist, diese Dinge aufzubrechen. Viele Menschen fühlen sich mit diesem »unter den Teppich kehren« nicht wohl. Deshalb glaube ich, dass es sich um einen gesellschaftlichen Fortschritt handelt, wenn man sich diesen Themen annähert. 

Egal ob Comedy, Kabarett oder Politik?

Eigentlich egal, ja. 
Kabarettistin Lydia Prenner-Kasper im Interview

Ein anderes Klischee besagt, dass es keine hübschen Comedians oder Kabarettisten gibt.

Aha, das habe ich noch nicht gehört. Ich nehme das jetzt einfach mal als Info auf.

Das Klischee ist auf die Männer gemünzt. Die schönen werden Schauspieler, die anderen sind lustig und werden Kabarettisten.

Ach so! 

Es sollte keine versteckte Beleidigung sein!

Ich dachte schon, du meintest, dass es schön ist, dass auch aus so einer Perchte wie mir etwas geworden ist. (lacht) Wenn man sich nicht so auf die Äußerlichkeiten verlassen kann – unabhängig vom Geschlecht – und nicht die totalen Modelmaße hat, gibt es halt andere Attribute, auf die man setzen muss in der Beutewelt. Schönheit ist ja ein wahnsinnig subjektiver Begriff. Jeder von uns hat wahrscheinlich diesen einen Freund oder diese eine Freundin, bei denen ein Partner oder eine Partnerin mitgebracht wurde und man sich dachte: »Bitte, echt jetzt?!« Da sieht man dann, wie subjektiv es ist, Schönheit zu definieren. Ein Schmäh kann Schönheit unterstreichen oder hervorkehren, selbst wenn man sie – wieder subjektiv betrachtet – nicht sieht. Wenn ich jemanden treffe und der mich nicht anspricht, aber wirklich lustig ist, dann kann er schon mein Herz erobern.

Bei welchen Kollegen wäre das zum Beispiel der Fall?

(lacht) Kein Kommentar! Mir fällt aber auch keiner ein. Lustige Menschen sind einfach schön, weil sie sich selbst nicht so ernst nehmen. Es gibt Menschen, die nach außen hin wunderschön sind, aber gleichzeitig wahnsinnig zickig und empfindlich, ihr eigenes Ego betreffend. Das finde ich ganz fürchterlich. Das sind für mich innerlich potthässliche Menschen, mit denen ich nichts anfangen kann. Wenn man über sich selbst nicht lachen kann, hat man eigentlich schon verloren.

Im Kabarett wie auch in der Comedy wird immer wieder einmal die Frage behandelt, ob es Themen gibt, über die man sich nicht lustig machen darf. Was ist deine Meinung dazu, wo liegt deine persönliche Grenze?

Das ist eine ganz schwierige Frage, weil Humor extrem subjektiv ist. Es gibt Gruppen, die Witze über sich sehr gut aushalten. Ich finde, dass immer der Empfänger oder das Opfer des Witzes entscheiden darf, ob es lustig ist oder nicht. Da sind wir dann wieder beim Thema »Selbstironie«. Kann ich mich über mich und meine Gruppe, zu der ich gehöre, lustig machen und darüber lachen? Was ich schlecht aushalte, sind Stellvertreterkämpfe. Wenn Menschen, die absolut nicht davon betroffen sind, aufstehen und rufen: »Bitte, das ist jetzt aber ungerecht, weil die könnten sich ja so kränken!« Das finde ich unangemessen, weil es die Gruppe schon selbst betrachten muss. Es ist etwas anderes, wenn es sich um eine Gruppe handelt, die sich selbst nicht zur Wehr setzen kann. In solchen Fällen kann und muss man die Stimme erheben. Aber natürlich auch in Abstimmung und im Einverständnis mit der betroffenen Gruppe.

Der britische Comedian Ricky Gervais hat genau das in seinem Programm »Humanity« behandelt. Er meinte, nicht jeder Witz und jede Pointe sei für jeden gemacht. Verglichen hat er es mit einem Werbeplakat für Gitarrenunterricht. Wenn du keinen Gitarrenunterricht willst, rufst du dort auch nicht an und schreist ins Telefon, dass du aber keinen Gitarrenunterricht haben willst.

Genau das ist es! Es ist eine Erscheinung unserer Zeit, dass man sich einfach gerne ein bisschen empört. Auch wenn es nicht für einen selbst ist.
Im Interview: Kabarettistin Lydia Prenner-Kasper

Worüber kannst du selbst herzlich lachen und dich stundenlang amüsieren, weil es einfach jedes Mal lustig ist?

Ich finde, Slapstick nutzt sich nicht ab. Oder auch, wenn sich jemand richtig patschert und lustig wehtut. Das ist vielleicht auch eine große Schwäche von mir. Solche Situationen sehen einfach so lustig aus, dass sich der Drang zu lachen über eine angebrachte Empathie stellt. Es ist die Tatsache, dass es der Mensch nicht steuern kann und dass alleine die Beobachtung schon sehr lustig ist. Natürlich tut es mir leid, wenn sich jemand wehtut, aber oft halt erst auf den zweiten Blick. Das ist mir auch schon bei den eigenen Kindern passiert. Die sind weinend dagelegen, und ich konnte nicht anders, als einfach nur zu lachen. Ich habe probiert, sie zu trösten, und sie sind grantig geworden, weil ich die ganze Zeit dabei gelacht habe. Aber gut, sie haben ja auch nicht gesehen, wie lustig das ausgeschaut hat. (lacht)

Also wenn es regnet, der Bus fährt vorbei und spritzt Leute an ...

Ja, da kann man nicht nicht lachen! 

Gleiche Szene mit einem Rollstuhlfahrer und einem Menschen mit Krücken.

Da kommt es wiederum sehr darauf an, wie die Leute reagieren, die es betrifft. Ich habe im Sozialbereich mit Menschen mit Behinderung gearbeitet. Dort haben wir uns mit dem gesellschaftlichen Bild von Menschen mit Behinderung beschäftigt. Was wir dabei herausgefunden haben: Es handelt sich dabei genau um die vorhin erwähnte Stellvertretersache. Die Gesellschaft sieht Menschen mit Behinderung gerne als hilfsbedürftige Hascherl – für die muss gespendet werden, denen muss man unter die Arme greifen, denen muss man helfen. Für die Gruppe ist das allerdings nicht förderlich! Die Menschen möchten nicht darüber definiert werden. Sie möchten dadurch definiert sein, wer sie sind und was für einen Charakter sie haben, und nicht dadurch, dass sie irgendein Wagerl unterm Hintern haben. Chancengleichheit und Zugang zu allen Dingen, die auch Menschen ohne Behinderung zur Verfügung stehen – darum geht es! Es gibt auf YouTube Kanäle, auf denen Behindertengruppen Witze rein über Behinderte machen. Das finde ich sehr schön, weil das in die Richtung geht, dass man über sich selbst lacht. Und das nicht schadenfroh, sondern mit einer Freude und Akzeptanz darüber, so zu sein, wie man ist. Jeder Mensch sollte über sich lachen können. Wenn nun also ein vorbeifahrender Bus einen Rollstuhlfahrer komplett vollspritzt und der haut sich selbst ab, warum sollte ich nicht lachen, wenn es lustig aussieht. 

Es ändert sich nichts an der Szene.

Es ändert sich nichts an der Szene und es wäre für jeden blöd. Und natürlich ist es auch keine Frage, dass man hingeht und unterstützt, wenn man dann fertig gelacht hat. Es ist ein menschliches Bedürfnis zu lachen, wenn etwas komisch ist. 

Und umgekehrt gefragt: Wann ist Schluss mit lustig, in welchen Situationen wirst du zur Furie?

Womit ich nicht kann: plumper Alltagsrassismus und -sexismus. Da geht es darum, Menschen systematisch herabzuwürdigen. Manche Gruppen können sich dabei wahnsinnig auf die Schenkel klopfen. Das geht mir wahnsinnig auf den Keks und darüber kann ich auch nicht lachen. Fällt denen wirklich nichts Besseres ein?

Da du im Behindertenbereich gearbeitet hast: Kannst du dir vorstellen, als Clowndoktorin zu arbeiten?

Das ist ein sicherlich sehr schöner Beruf! Ich habe mir das schon öfter überlegt, allerdings bin ich nicht so die Clownin. Das Clowneske ist schon eine spezielle Art von Humor und Kunst. Dem bin ich nicht so zugetan und ich sehe dort auch mein Talent nicht. Menschen, denen es nicht gut geht, zum Lachen zu bringen, halte ich allerdings für eine sehr schöne Mission. Da wäre ich schon dabei, weil es Menschen aus der Lage, in der sie sich gerade befinden, rausreißen kann. Zumindest für ein paar Sekunden kann man dann vergessen, was einen gerade besorgt. 
»Ich habe mich wieder raufgearbeitet auf meiner Skala der Fuckability«

In deinem Programm »Muttitasking« beschreibst du deine Brüste als von deinem dritten Kind ausgezutzeltes Fallobst und dass du dich von der Sexgöttin zu einer nach Käse riechenden Nachtschichtarbeiterin entwickelt hast. Auf einer Skala »Sexgöttin bis Emmentaler«, wo ordnest du dich aktuell ein?

(lacht) Ich glaube, im guten Mittelfeld, fast schon wieder oberes Drittel. Ich habe mich wieder raufgearbeitet auf meiner Skala der »Fuckability«. (lacht) Als junge Mutter gilt man als 24-Stunden-Drive-in und verliert dieses Gefühl zwischenzeitlich ein wenig. Es kommt aber wieder. Vor allem, wenn die Kinder ein Stück weit abgenabelt und unabhängiger sind. Man merkt dann wieder, wie es ist, man selbst zu sein. 

Gutes Mittelfeld heißt, optisch wieder voll da, aber das Parfüm muss noch ein bisschen adaptiert werden, um den Käsegeruch ganz wegzubekommen.

Mit dem seidelnden Milchgeruch sind wir durch, das ist erledigt! (lacht) Die Optik ist schwer wieder herzustellen, aber damit muss ich leben. Ich habe dafür drei tolle Kinder.

In der Puls-4-Show »Sehr witzig!?« werden Witze am laufenden Band erzählt. Wie oft müssen du oder deine Kollegen lachen und hinter der Bühne sagt ihr euch: »Na ja, das war halt jetzt nur für die Kamera, weil wirklich lustig war der Witz nicht«?

Ich weiß nicht, wie es den anderen geht, aber ich hatte nicht so oft das Gefühl, dass ich mir ein Lachen einbetonieren muss, um die Sendung durchzubekommen. Alleine das Beobachten von Menschen, die Witze erzählen, und die Reaktionen darauf sind schon so witzig, dass es gar nicht mehr so wichtig ist, ob ich den Witz jetzt genial finde. Natürlich waren auch mal flachere dabei, bei denen ich im echten Leben jetzt wahrscheinlich nicht gegrölt hätte, aber das Ambiente rundherum trägt extrem dazu bei, dass die Stimmung steigt.

Kommt es in Alltagssituationen oft vor, dass Menschen zu dir kommen und sagen »Erzähl einen Witz! Sei lustig!«?

Was viel öfter vorkommt: »Ich muss Ihnen einen Witz erzählen!« (lacht)

Was denkt man sich dann? »Net scho wieder!«?

Das kommt auf die Situation an. Mir ist es schon in der Sauna, im Wartezimmer beim Arzt oder auch im Supermarkt passiert. In günstigeren Situationen denke ich mir »Passt, erzähl!« und in ungünstigeren denke ich mir »Passt, erzähl, ich hab’s aber eilig!«.

Was ist die ungünstigste Situation für einen Witz, die du dir vorstellen kannst?

Wenn ich an einer Klippe hänge und die Hand von demjenigen benötige, der mir gerade einen Witz erzählen will. Das wäre ungünstig. Da würde ich dann schon fragen, ob er auch später Zeit hat und mir jetzt kurz helfen könnte.

Und vom Gynäkologen einen Arztwitz erzählt zu bekommen?

Ja, wobei, mein Gynäkologe ist großartig! Meine Besuche beim Gynäkologen sind davon geprägt, dass wir uns blöde Witze erzählen. Das ist wirklich sehr lustig! 

In dem Fall hast dann aber wahrscheinlich du begonnen.

Wir kennen uns schon recht lange. Er hat allen meinen drei Kindern geholfen, auf die Welt zu kommen, und hat uns begleitet. Daher kennen wir uns recht gut und wissen auch, was wir humortechnisch vertragen. Es ist ja schon mal großartig, wenn der Gynäkologe zu mir sagt: »Frau Prenner-Kasper, wissen S’ eh, ich merke mir keine Gesichter.« Das ist ein guter Einstieg für einen netten Arzttermin. 
Kabarettistin Lydia Prenner-Kasper im Interview

Vor Jahren hat mir eine Studienfreundin ihren Freund vorgestellt und meinte zu ihm, auf mich zeigend: »Das ist ein Freund von mir, der ist lustig.«

Da liegt die Latte schon ein bisschen hoch. Das kann man ja kaum erfüllen, auf Befehl lustig zu sein. Viel schöner ist es, eine Situation mit kleiner Erwartungshaltung zu haben. Dann wird das super! So soll man eigentlich auch auf die Bühne gehen. Wenn ich da raufgehe und mir schon denke, dass es ganz toll wird, weil ich das rocke, wird das richtig öd. Wenn ich mit einem Gefühl reingehe, dass der Abend hoffentlich bald vorbei sein wird, werden das meist die besten Auftritte. 

Beschimpft Christoph Grissemann sein Publikum deswegen manchmal als »Dreckspublikum«? Will er die Latte damit einfach nur sehr tieflegen?

(lacht) Der arbeitet sicherlich mit dem Stilmittel des Tiefstapelns. Eigentlich fäult es ihn an und es gibt keine Erwartung. Dieses Anfäulen ist ja schon mal lustig, besonders in Österreich. Das hat Kultur, sich in den Spiegel zu schauen und zu sagen: »Das kann heute nichts werden.« Nur um dann überrascht zu sein, wenn einem doch etwas Gutes widerfährt.

Du bist vor Jahren über »Die große Chance« zum Kabarett gekommen. Ist man überrascht, wenn man Persönlichkeiten aus dem Comedy- und Kabarett-Bereich kennenlernt, die man vorher nur übers Fernsehen oder von der Bühne kannte? Weil manche abseits des Rampenlichts überhaupt nicht lustig oder vielleicht sogar depressiv sind?

Es gibt gar nicht so viele, die so konträr zur Bühne sind. Das kommt eher vereinzelt vor. Du hältst es auch nicht ewig durch, wenn das nur aufgesetzt wäre. Die Diskrepanz zwischen inneren Emotionen und äußerem Darstellen würde sehr stark schmerzen. Was in Künstlerkreisen schon vorkommt: Jeder, der etwas auf sich hält, ist auch ein Selbstzweifler. Weil immer wieder dekonstruiert und neu aufgebaut wird. Aber nicht bis zur Selbstzerstörung. Die meisten sind sehr entspannt. Es hat mich eher überrascht, wie entspannt die Szene ist. Eine Depression hinter dem Humor hätte ich noch nicht entdeckt. 

Stichwörter »Ibiza-Skandal« und »Corona-Pandemie«.

Zwei ganz tolle Stichwörter!

Zwei politisch und gesellschaftlich extrem polarisierende und demoralisierende Themen, welche für Kabarettisten perfektes Material darstellen.

Ein bissi, ja, und ein bissi wird uns die Arbeitsgrundlage geraubt. Es ist ja fast nicht mehr zu toppen! Wenn die Realität das Buch schreibt und solche Pointen liefert, dass man selbst kaum mehr etwas dazu beitragen muss, ist es ja schon fast Arbeitsplatzraub.
»Es ist ein Gesundheitsfaktor, dass Menschen zusammenkommen und gemeinsam lachen«

Was wünscht sich die Kabarettistin in dir und was der Mensch in dir für die kommenden Monate und Jahre?

So leicht lässt sich das nicht trennen. Die Kabarettistin in mir wünscht sich, dass es bald eine Grundlage gibt, damit Menschen bald wieder zusammenkommen können – nämlich mit Hirn! Dieses Auseinandersperren als Vorsichtsmaßnahme ist, glaube ich, nicht das allerbeste Mittel. Es gibt sicherlich andere Möglichkeiten, trotzdem Kultur und Sozialkontakte pflegen und inhalieren zu können. Das ist nur eine Frage der Organisation. Die kommenden Monate und Jahre werden damit sicherlich etwas organisationsintensiver werden. Ich hoffe aber, dass die Angebote vorhanden sein dürfen! Es ist ein Gesundheitsfaktor, dass Menschen zusammenkommen und gemeinsam lachen. Es ist toll, wenn wenig Menschen an Corona erkranken, aber nicht so toll, wenn im Gegenzug ganz viele Menschen mit psychischen Schäden aus der Pandemie kommen. Es sollte zu denken geben, ob wirklich alles richtig gemacht worden ist, wenn solche Probleme zunehmen. Ich habe keine Generallösung, ersuche jedoch nachzudenken, ob es nicht noch ein paar Graustufen der Lösung dazwischen gibt. Leicht ist das sicher nicht und wahrscheinlich will gerade auch niemand mit den Politikern tauschen.

Das war die Antwort auf die Pandemie. Aber auf die Politik bezogen: Wenn keine Skandale mehr produziert würden, wäre es auch traurig ... fürs Kabarett. 

Für das politische Kabarett wäre es vielleicht blöd. Allerdings gibt es auch bei integren Politikern genug Dinge, die man parodieren kann. Wenn sich jemand mit besonders komischer Stimme oder interessantem Erscheinungsbild ans Pult stellt, kann man das schön parodieren. Es ist nicht immer der Skandal hinter dem Politiker, der das lustig macht. Ein Heinz Faßmann ist relativ skandalfrei von dem, was wir jetzt über ihn wissen. Er ist nicht unbedingt der korrupteste Politiker, den man sich vorstellen kann.

Vielleicht aber auch nur, weil er eben kein ursprünglicher Politiker ist.

Womöglich macht das seine Weste etwas weißer. Von seinem Typus und seiner Erscheinung hat er wahnsinniges Parodiepotential. Gernot Kulis macht das großartig!

Würdest du gerne einmal in die Politik gehen? So ein bisschen wie Beppe Grillo in Italien.

Nein! Das möchte ich ganz bestimmt nicht. Ich glaube, dass du eine sehr dicke Haut brauchst und ganz viel von deiner ursprünglichen Emotion und Empathie ablegen musst, weil du andauernd damit konfrontiert bist, nicht alle zufriedenstellen zu können.

Wäre es nicht großartig, als Kabarettistin im Nationalrat aufzutreten? Das wäre doch mal eine andere Rede, bei der nicht alle nur mit ihren Handys spielen, gähnen und einschlafen oder andauernd dem Redner ins Wort fallen. Da würden sich doch alle denken: »Die lassen wir reden, die ist lustig!«

Vielleicht könnte man das Talent benützen, um politisch doch ein bisschen mehr zu bewegen. Ich glaube aber, dass das in diesem System nicht geht. Kabarettisten sind tendenziell Menschen, die das Verborgene ans Tageslicht bringen wollen. Wir wollen als blind geltende Flecken sichtbar machen und damit Menschen den Spiegel vorhalten. Sowas ist in der Politik nicht lange gewünscht. Ich würde mit dem Herz, das ich auf der Zunge trage, in einer politischen Partei nicht weit hüpfen.

Also Schluss mit lustig.

Da wäre dann relativ schnell Schluss mit lustig, weil ich zu viele Dinge geradeaus ansprechen würde.

Lieblings-

Buch: Das kleine Ich bin ich (Mira Lobe)
Film: Titanic
Song: Ich bin eine Querbeet-Hörerin. Es gibt zu viele, um mich festlegen zu können. 
Schauspieler/in: George Clooney
Motto: Es gibt nix, was nicht auch drei Tage warten kann.
Autor/in: Auch hier gibt es zu viele coole, als dass ich mich festlegen könnte.
Serie: Grey’s Anatomy
Stadt: Wien
Land: Österreich
Gericht: Hühnerschnitzel
Getränk: Tee

Persönliches Mitbringsel

In meinem Geldbörsel befindet sich seit langen Jahren ein gestiefelter Kater. Der ist aus Metall und war irgendwann einmal in einem Überraschungsei. Ich kenne niemanden, der so einen hat. Der muss also relativ selten sein, eben auch, weil er aus Metall ist. Ich finde, der hat ein liebes Gesicht und schaut lustig drein. Der Bauchnabel ist verrutscht, er wirkt ein bisschen chaotisch und ist dennoch gestiefelt und adjustiert. Das passt ein bisschen zu mir. Er hätte ja auch gerne die Kontrolle, hat sie aber nicht. Eines Tages wurde mir mein Geldbörsel mit dem Kater gemeinsam gestohlen. Eines anderen Tages, ein paar Jahre danach, kaufe ich mir ein Überraschungsei und wieder ist dieser Kater drin! Seither begleitet er mich wieder und ist seitdem besonders heilig, da er bereits ein zweites Mal zu mir gefunden hat. Auch wenn ich ihn nicht allzu oft betrachte, habe ich das Gefühl, dass er mir Glück bringt. Er ist so eine Mischung aus völlig siegessicher, g’schaftig und zum Scheitern verurteilt. Diese Mischung gefällt mir. Das bin ein bisschen ich.
Gestiefelter Kater aus Metall

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Der 15. Geburtstag meiner ältesten Tochter.
Negativstes: Hatte ich keines.

Berufswunsch als Kind

Ich habe im Kindergarten schon mehr gesagt als andere Kinder, und meist auch lauter als die anderen. Von daher war’s schon damals etwas mit einer gewissen Bühnentätigkeit.

Wen wolltest du immer schon mal treffen?

Die meisten Menschen, die ich treffen will, treffe ich auch. Wenn ich geschichtlich zurückreisen könnte, fände ich Kaiserin Elisabeth interessant. Die war nicht so lieb, wie sie in der Sisi-Trilogie immer dargestellt wird. Ich bewundere zutiefst, wie sie sich in diesem engen K.-u.-k.-Hofkorsett ihren Willen und Weg gebahnt hat. Die Frau muss schon Eier gehabt haben. Die hat auf viele gesellschaftlichen und höfischen Konventionen gepfiffen. Das finde ich generell schön, wenn Menschen Dinge aufbrechen, die immer schon so waren oder so sein »müssen«. Sie war sicherlich kein einfacher Mensch.

Teenie-Schwarm

Kevin von den Backstreet Boys.

Getränk während des Interviews

Kräutertee

Ort des Interviews

Nöbauer am Kagraner Platz
Die Konditorei und Bäckerei Nöbauer ist ein Wiener Familienbetrieb, der 1947 gegründet wurde und mittlerweile in dritter Generation geführt wird. Aktuell werden fünf Filialen betrieben, vier davon im Bezirk Donaustadt, eine in Döbling. Für das Interview mit Lydia Prenner-Kasper wurden Kaffee und Tee bei einer der zwei Filialen am Kagraner Platz bestellt.