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Red-Dogs-Biker Jakob B. im Gespräch
Jakob B.

Wiener Präsident Red Dogs MC Austria

Gesellschaft
27.10.2020
Jakob B. ist Wiener Präsident des Red Dogs Motorradclubs Austria. Das Mantra der Red Dogs lautet: Treue, Respekt, Ehrlichkeit und Vertrauen. Danach wird gelebt, davon gibt es keinen Schritt zurück. Niemals. Neben seiner Tätigkeit als Bikerpräsident hat Jakob B. einen Vollzeitjob bei einem börsennotierten Unternehmen und er betreibt das Non-Profit-Streetwearlabel »Radaubruder«.

Kannst du allen, die mit der Rocker- und Bikerszene nichts am Hut haben, erklären, wer die Red Dogs sind und was sie so den ganzen Tag über machen?

Ich bezeichne mich selber nicht als Rocker, sondern als Motorradverrückter. Wobei »verrückt« eigentlich auch schon nicht stimmt. Ich fahre einfach gerne Motorrad. Ich hatte immer schon Interesse an Subkulturen. Mit zunehmendem Alter hat sich die Begeisterung für Motorradclubs entwickelt. Ich habe zwar relativ schnell Anschluss an einen anderen relativ bekannten Motorradclub gefunden, wollte mich allerdings in kein gemachtes Nest setzen, sondern selber etwas aufbauen. Ursprünglich waren wir allerdings nicht die Red Dogs, sondern die Vienna Eagles.

Was unterscheidet euch von anderen Gruppierungen im motorisierten Bereich, wie beispielsweise den Harley-Fahrern oder GTI-Fans?

Wir vergleichen uns grundsätzlich nicht mit anderen. Wir schauen also nicht nach links oder rechts, sondern in erster Linie auf uns. Für Matchboxautos bin ich zu alt. Das Motorrad, das ich fahre, ist mittlerweile teurer als das Auto, das ich fahre. Es bedeutet für mich Freiheit. Der Unterschied zum durchschnittlichen Harley-Fahrer sind durchschnittlich wahrscheinlich 30 Jahre, wenn du mich hernimmst. Ich distanziere mich von Wochenendfahrern, die gerne Biker spielen. Ich repräsentiere das, was ich bin, 24 Stunden am Tag.

Wenn dein Motorrad mittlerweile teurer ist als dein Auto: Willst du eine Zahl nennen?

Ungern.
»Das, was wir hier für uns haben, ist eine kleine Insel der Seligen«

In etlichen Zeitungsberichten werden Motorradclubs immer wieder als kriminelle Organisationen beschrieben, in einzelnen Ländern wurden manche Clubs sogar verboten. In anderen Berichten wiederum liest man von länderübergreifenden Friedensabkommen zwischen rivalisierenden Clubs. Muss man als Normalbürger Angst haben oder besteht kein Grund zur Sorge?

Dazu kann und möchte ich keine Angaben machen, da wir als Red Dogs MC rein auf uns schauen. Ich kann daher nur für uns sprechen. Prinzipiell muss sich jeder sein eigenes Bild machen. Für mich sind andere Sparten und Personengruppen viel gefährlicher – nämlich für die ganze Gesellschaft. Das, was wir hier für uns haben, ist eine kleine Insel der Seligen. Man kann sie abstempeln als Subkultur, Parallelgesellschaft oder wie man auch möchte. Wir werden in Klischees reingedrängt, als ob wir alle perspektivenlos und arbeitslos wären. Das sind wir nicht! Jeder von uns hat einen ehrlichen Beruf, hat Hobbys abseits dieses Clubs und hat in der Regel auch Familie. Wenn sich Leute also vor uns fürchten, ist es eher die Furcht vorm Unbekannten als die Furcht vor der Realität. Die Realität ist, dass Gäste freundlich aufgenommen werden.

Treue, Respekt, Ehrlichkeit und Vertrauen zählen zu euren Grundsätzen. Wie werden diese Begriffe bei euch im Club definiert?

Bei uns zählt der Grundsatz, dass Politik und Religion draußen bleiben. Das gibt es bei uns nicht und ist daher irrelevant. Dennoch zählen bei uns biblische Werte, nach denen wir alle erzogen werden und die eigentlich selbstredend sein sollten: Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht lügen, du sollst nicht die Frau des anderen begehren. In der allgemeinen Gesellschaft ist das eigentlich schon verloren gegangen. Es geht nur noch um Gier, Macht und Selbstdarstellung. Das ist bei uns anders. Wir schauen aufeinander und kümmern uns umeinander. Bei uns ist jeder am Tisch gleich – egal, was er besitzt, was er wählt oder sein Glaube ist. Eben weil der Mensch dahinter zählt.
»Bei uns zählt der Mensch – egal, was er besitzt, wählt oder glaubt«

Was passiert, wenn jemand dagegen verstößt?

Wenn dich einer deiner Freunde belügt oder betrügt, wirst du diese Verbindung kappen. Das ist bei uns auch so. Wenn jemand das Gefühl hat, dass er nicht mehr reinpasst – aus welchen Gründen auch immer –, dann wird er bei uns in weiterer Folge Abstand nehmen.

Bekommt man vorher einen Rüffel oder eine Verwarnung?

Auch in Familien streitet man, wie auch immer man es dann nennen will. Wir reden über Differenzen. Wenn der Moment gekommen ist, wo man das nicht mehr klären kann, geht man eben getrennte Wege. Aber Rüffel ... ich gebe niemandem Fernseh- oder Naschkastenverbot.

Wie oft ist das schon vorgekommen, dass wieder getrennte Wege gegangen werden?

Im Großen und Ganzen sind die Leute hier im Club Brüder fürs Leben. Trotzdem können persönliche Gründe mitspielen, dass jemand nicht mehr die Zeit aufbringen will oder kann. Gründe können beispielsweise eine Familiengründung sein oder ein Job in einem anderen Bundesland. Das heißt aber nicht, dass man mit der Person danach keinen weiteren Kontakt mehr hat. Es ist wie in einer Beziehung – man kann sich im Guten oder im Schlechten trennen.

Im Falco-Video »Rock Me Amadeus« ...

... spielen Rocker mit! Das Lustige ist, dass ich so in die Szene gekommen bin. Die Grabträger vom Falco waren von einem namhaften österreichischen Club. Einer dieser Grabträger ist ein Schulfreund von meinem Vater, der Zeit seines Lebens gerne Geschichten davon erzählt, was für ein tolles Leben dieser Freund von ihm führt. Eben weil er seinen Weg gefunden hat und glücklich war. Irgendwann habe ich ihn persönlich kennengelernt. Der war schon eine Erscheinung. So wie man sich halt einen Rocker vorstellt – zwei Meter groß, großflächig tätowiert und einen Bart wie vom Weihnachtsmann. Da ist man als junger Bua schon ein bissl eingeschüchtert. Als ich ihn dann aber kennengelernt habe, habe ich gemerkt, dass es da nichts gab, wovor ich mich hätte fürchten müssen, bis halt aufs Aussehen. Das waren so die ersten Momente, in denen ich mir dachte: »Das wäre was für mich!«

Nicht nur in Musikvideos, auch in Zeichentrickserien wie beispielsweise den Simpsons, aber auch in Filmen gibt es immer wieder Verweise auf die Subkultur der Biker-Szene. Wie sehr wirken Biker- und Motorradclubs in der Popkultur und damit im gesellschaftlichen Leben?

Ich sehe uns nicht als Subkultur. Wir werden in diese Kategorie halt reingestopft. Das Thema ist folgendes: Rapper oder Personen in der Popkultur entsprechen nicht wirklich der gesellschaftlichen Norm. Die haben irgendetwas, das sie besonders macht. Das muss nicht unbedingt die Stimme sein, das sind eher die Präsenz und ihr Auftritt. Gerade dadurch unterscheiden sie sich von den »normalen« Leuten, die sie dann genau dadurch wieder bewundern, weil sie von diesen Zwängen ausbrechen. So sehe ich diese Verknüpfung. Alles, was normal ist, ist fad. Vom normalen Durchschnittsbürger brauch ich keine Serie drehen. Was interessiert mich, wie der sich in der Früh sein Butterbrot schmiert, seinen Anzug anzieht, in die Bank arbeiten geht und um vier am Nachmittag heimkommt und im Unterleiberl sein Bier trinkt, nur um danach schlafen zu gehen?

Der Film »Die Truman Show« war genau das.

Ja, na eh. Trotzdem finden Durchschnittsbürger Gefallen an diesem Besonderen, was den Unterschied ausmacht. »Rock Me Amadeus« war halt unter anderem so prägnant, weil dort lauter tätowierte Biker zu sehen waren. Wenn ich mich heute umsehe, ist auf einmal jeder tätowiert. Die Grenzen überschneiden sich damit. 
Red-Dogs-Biker im Doghouse Vienna mit Red-Dogs-Logo im Hintergrund

Du betreibst das Streetwear- und Textillabel »Radaubruder«.

Ich betreibe einen Textilhandel, der die Marken »Radaubruder«, »Radauluder« und »Radaugschropp« beinhaltet. Diese drei Labels sind non profit und dienen dazu, gewisse Personen, die in ihrer Sparte gut sind, allerdings nicht die finanziellen Mittel haben, zu unterstützen und auf die nächste Ebene zu bringen.

Wen unterstützt ihr?

In erster Linie kümmern wir uns um Jugendliche, die Randsportarten betreiben, wie zum Beispiel Boxsport oder Mixed-Martial-Arts. Aber auch Leute, die musikalisches Talent besitzen, wie junge Rapper. Teilweise entwickeln wir auch eigene Editionen für sie.

Wenn man an die 80er oder 90er zurückdenkt: Hip-Hop war damals weniger in der Mitte der Gesellschaft als heute. Damals kleine Labels wurden zum Big Business. Wäre das auch bei euch denkbar?

Nein, für mich wird das non profit bleiben. Die Intention dahinter ist folgende: Sollte das Ganze größer werden, mit größerem Bekanntheitsgrad von einzelnen Sportlern oder Musikern, die dann wirklich Geld damit verdienen, dass die dann zurückdenken daran, wer es ihnen ermöglicht hat, und ebenso Unterstützung bieten, wenn sie benötigt wird. 

In einem Interview in den 2000er Jahren hat Jörg Haider von »linken Radaubrüdern, die die Destabilisierung der Gesellschaft herbeiführen« gesprochen. Wie legst du den Begriff des Radaubruders aus?

Zu Jörg Haider habe ich keine Meinung. »Radaubruder« ist ein Begriff aus dem Duden. Ein Radaubruder eckt an. Ich möchte das weder als links noch als rechts bezeichnen. In gewisser Weise ist es auch ein österreichischer Begriff, weil »Radau« Mundart ist. Und »Bruder« steht für Brüderlichkeit. In Kombination handelt es sich also um Leute, die der gesellschaftlichen Norm vielleicht nicht entsprechen, denen aber eine Brüderlichkeit geboten wird, weil sie sonst durchs Raster fallen würden. Ein bissl wie ein großer Bruder, der auf einen schaut.

Also ein Anecken, aber keine gesellschaftliche Destabilisierung.

Keine Destabilisierung und überhaupt nichts mit Politik. Ich möchte weder links noch rechts irgendwo eingeordnet werden. Das hat mit der Marke auch überhaupt nichts zu tun. Das wäre genau das Gegenteil von dem, was ich bezwecken will. Wir fördern sowohl österreichische Staatsbürger als auch andere mit Migrationshintergrund, unabhängig ihrer Herkunft, mit Fokus auf ihre Leistung. Wenn ich Leute mit Mördertalent kennenlerne, die sich über drei Trainingshosen und T-Shirts freuen, weil es ihnen sonst an den kleinsten Sachen fehlt, ist das für mich eigentlich ein Armutszeugnis für die Gesellschaft, wenn der Rocker den großen Bruder spielen muss. 

Wenn nun jemand Lust bekommen hat, bei euch Mitglied zu werden: Was sind die Aufnahmekriterien?

Wir suchen keine Mitglieder. Es ist eher so, dass es Freunde von Freunden sind. Oder Bekannte von Bekannten. Man kommt also nicht einfach zu uns und sagt: »Ich will Mitglied werden.« Es sind Leute, die durch unsere Facebook-Präsenz oder Charity-Veranstaltungen auf uns aufmerksam geworden sind. Leute, die dann sehen, dass wir nicht nur Rocker und eben keine Kriminellen sind. Die sehen, dass wir Motorradbegeisterte sind und uns um Leute kümmern. Wenn man das merkt und interessiert ist, kommt man zu offenen Clubabenden und schaut sich das mal näher an. Und dann gehen eher wir auf die Leute zu, wenn jemand regelmäßig vorbeikommt und sich einbringt. Von heute auf morgen wird man dann allerdings auch nicht Mitglied. Es dauert Jahre, bis man »Vollmember« ist. Es gibt eine Anwärterzeit. Das kann als Aussiebeprozess gesehen werden. Es wäre ja tragisch, wenn jeder, der Mitglied werden will, auch aufgenommen wird. Das würde ja heißen, dass wir überhaupt keine Ansprüche haben. Es handelt sich um ein gegenseitiges Kennenlernen und Abtasten.

Lieblings-

Buch: 1984 (George Orwell)
Film: Pulp Fiction
Song: Simple Man (Lynyrd Skynyrd) 
Schauspieler/in: Edward Norton
Motto: Lebe jeden Tag so, als ob es dein letzter wäre! 
Autor/in: Bertolt Brecht
Serie: King of Queens
Stadt: Wien
Land: Österreich
Gericht: Mamas Rindsschnitzel
Getränk: Radauwasser

Persönliches Mitbringsel

Die Babykutte meines Sohnes. Die wurde meinem kleinen Sohn, als er drei Wochen alt war, zur Taufe geschenkt, vom Matö, dem Mitbegründer des Red Dogs MC. Darauf steht »My dad is a dog«. Mein Sohn wurde in unserer Gemeinschaft so aufgenommen, als ob es ihr eigener Sohn wäre. Die Ansprache vom Matö damals hat mich extrem berührt. Er meinte: »Jakob, egal, was mit dir passiert: Du hast 30 Brüder, die auf deinen Sohn schauen, wenn mit dir etwas passieren sollte.« Das war für mich eines der einschneidendsten Erlebnisse im Clubleben.
Red-Dogs-MC-Babykutte von Jakob B.s Sohn

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Ich bin gestern bis 12 Uhr nachts mit meinen Brüdern hier gesessen. Wir haben gute und tiefgründige Gespräche geführt.
Negativstes: Heute, das Aufstehen in der Früh danach.

Berufswunsch als Kind

Anwalt

Wen wolltest du immer schon einmal treffen?

Ich würde gerne einen Wegbegleiter, der uns schon viel zu früh verlassen hat, wieder treffen – unseren Matö. Mit dem würde ich gerne noch einmal hier am Tisch sitzen, damit er sieht, was durch seine Hilfe und Unterstützung entstanden ist. Er hat sehr an mich geglaubt. Ich glaube, er wäre äußerst stolz. Das würde mir guttun, ihm zu zeigen, dass er Teil davon war und immer noch ist.

Teenie-Schwarm

Ich hatte eher Idole und dazu gehörte Dennis Rodman.

Clubhouse Bestellung

Whiskey-Cola

Ort des Interviews

Doghouse Vienna
Beim Doghouse Vienna handelt es sich um das Clubhaus des Wiener Red Dogs MC. Während privater Clubabende des Motorradclubs ist es nur für Mitglieder zugänglich. Ein- bis zweimal im Monat öffnet die Bar in der Märzstraße 111 im 15. Bezirk seine Pforten für jedermann.