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Schmuckdesignerin Caroline Ertl mit Kaffee
Caroline Ertl

Schmuckdesignerin

Gesellschaft
08.06.2020
Caroline Ertl ist Schmuckdesignerin und Gründungsmitglied des Ateliers »Stoss im Himmel«. Neben einem Schauraum ist im Atelier auch direkt die Schmuckwerkstatt integriert, in der mehrere Künstlerinnen live arbeiten. Und um nicht nur beobachten und einkaufen zu können, werden neben Vernissagen und Private Shopping Events auch Workshops angeboten, womit dem eigenen Schmuckstück nichts mehr im Wege steht.

Karl Lagerfeld meinte einmal, dass er Mode für Frauen macht, weil er bei Männermode automatisch an sich denkt, er allerdings den Abstand benötigt. Der Erfolg hat ihm Recht gegeben. Was denkt man als Schmuckdesignerin, die Schmuck für Frauen und Männer macht, bei der Aussage solch einer Ikone?

Ich mach’ eigentlich alles für mich. (lacht) Und das ist für mich der Antrieb. Das hat sich sicherlich verändert. Ich habe früher definitiv keinen Schmuck für mich gemacht und auch nicht getragen. Das hat mich nicht interessiert. Daher war mein Schmuck früher ganz anders. Der war daher aber auch viel weiter weg von Tragbarkeit und Mode. Der war wirklich nur gemacht, um Schmuck zu sein, um cool zu sein, um zu irgendeinem Thema zu passen. Der war konstruiert. Das hat mich irgendwann nicht mehr interessiert, und ich hab’ damit aufgehört, und hab’ den Schmuck gemacht, den ich gerne tragen würde. Fast jedes Stück wird von mir eingetragen: Ist das angenehm? Wo passt das gut dazu? Das interessiert mich jetzt viel mehr als früher. Das Beste ist daher, wenn ich mir denke: »Ich will das haben!«, weil ich extrem hohe Ansprüche habe. Das ist sicherlich der bessere Ansatz. Für mich ist die Ästhetik das Wichtigste. Es muss einfach ur schön sein. Es muss einen schöner oder interessanter machen.

Du entwirfst und produzierst außergewöhnlichen und vor allem auffallenden Schmuck. Ästhetisch elegant und handmade in Vienna. Wünscht man sich dann auch eine entsprechende Kundschaft? Kunden die extravagante Markenbotschafter sind. Oder ist dir das egal?

Das wäre natürlich schon total nett. (lacht) Ich habe super Kundinnen und Kunden, und da bin ich schon stolz, wenn sie das tragen. Aber natürlich gibt es auch ein paar Typen, wo ich find’, denen würde das extrem gut passen, wenn sie’s tragen, und es ist halt nicht so.

Anders formuliert: Ich stelle es mir schrecklich vor, wenn man als Designerin wochenlang an einem Unikat arbeitet, beispielsweise an einem Ring, und dann wird er an einem unförmigen Wurstfinger einer schwitzenden Schwabbelhand rausgetragen.

Früher habe ich bis zu zehn Tage an einem Unikat gearbeitet. Das geht sich heute nicht mehr aus. Es sei denn, es bestellt jemand. An einem Prototypen arbeite ich so an die 15 bis 20 Stunden.

Ich bemühe mich ehrlicherweise darum, dass die Person danach noch schöner ist. Wenn sie jetzt von vornherein nicht so cool ist, soll sie nachher cooler sein und sich gut fühlen. Es ist eher so, dass, wenn es wirklich ein ganz schönes Einzelstück ist, ich’s dann nicht gern hergebe. (lacht) Weil ich weiß, den Ring bekomme ich so nicht mehr hin.
Schmuckdesignerin Caroline Ertl bei einem Kaffee

Kosten solche Einzelstücke dann automatisch mehr?

Das ist blöderweise so eine Zwickmühle. Solche Sachen müssten dann viel mehr kosten. Das hat was mit meiner inneren Einstellung zu tun, weil ich ein gewisses Preisniveau nicht überschreiten möchte. Und das ist eigentlich dumm. Es ist vollkommen okay, wenn ein Einzelstück mindestens das Doppelte kostet. Da bin ich selber Schuld.

Kommen auch Leute zu dir und sagen: Den Ring, die Halskette, das Armband habe ich in einem Film gesehen. Sowas hätt ich gerne. Bitte anfertigen.

Ab und zu passiert das schon. Wenn zum Beispiel jemand heiratet und wo etwas gesehen hat, und das dann nachgemacht haben will.
Schmuckdesignerin Caroline Ertl beim Interview nachdenkend

Waren auch schon skurrile Anfragen dabei? Zum Beispiel ein Ring, der nicht für den Finger gedacht war.

Ein paar Mal waren Fragen mit Genitalschmuck dabei. Da habe ich jetzt nicht sofort »Nein« gesagt, aber gleichzeitig war es auch nichts, was ich unbedingt machen muss. Hat mich also nicht irrsinnig interessiert und ist dann auch nicht zustande gekommen.

Wien ist Ball-Stadt. An welchem Star würdest du gerne einmal deinen Schmuck am roten Teppich sehen? Beispielsweise am Wiener Opernball oder auch international.

Ich hätte immer gerne, dass die Karin Resetarits meinen Schmuck trägt. Man sieht, dass sie Wert darauf legt, was sie anhat, ihr Styling generell. Dann und wann hat sie auch Schmuck, der etwas hervorsticht. Da sieht man schon, das ist kein Standard-Ring. Da denk’ ich mir immer: »Eigentlich fänd’ ich’s total nett, wenn ich die bestücken könnte.«

Beim letzten Tarantino-Film »Once upon a time in Hollywood« haben alle Männer große Ringe getragen. Da hatten sie viele coole Schmuckstücke. Klar hätt ich gerne, dass Leonardo DiCaprio oder Brad Pitt in einem Film meinen Ring trägt. Ich hätte auch immer gerne gehabt, dass Johnny Depp anstelle seiner derben Totenköpfe, die wirklich relativ banal sind, einmal bei mir einen bestellen würde. Ich habe mir schon mal überlegt, ob ich ihm einen schicke.
»Mode bewirkt bei mir ein Gefühl der Aufregung«

Welche historischen Schmuckstücke sind aus deiner Sicht Meisterwerke?

Hm, ja, gibt es sicherlich einige. Schaue ich mir ehrlich gesagt aber weniger an. Das beeinflusst einen nämlich schon stärker, als man glaubt. Meine Inspirationsquelle ist beispielsweise Mode. Nicht Mode-Trends, sondern schöne ästhetische Mode. Weil es bei mir etwas bewirkt. Ein Gefühl der Aufregung. Schönheit in Architektur, in Stoffen, in Blumen und eben in der Natur … das ist für mich alles »Wow!«. Bei Schmuck ist es mir dann oft zu konkret und dann kopier ich’s vielleicht. Daher schaue ich mir das weniger an.

Ich folge auf Instagram ein paar coolen Gallerien und da gibt es schon einige, die mir taugen. In New York gibt es zum Beispiel die Jill Herlands. Die find ich ziemlich cool. Und dann gibt es natürlich auch Entwürfe von Großen wie Cartier. Und so Sachen, die es bei uns in der Schatzkammer gibt, find' ich vom Handwerk unglaublich toll. Und dann gibt es noch einen Italiener, den Stefano Marchetti. Das, was der macht, ist einfach irre.

Meine Interviewpartner können persönliche Mitbringsel mitnehmen, über die wir dann reden. Was ist deines?

Ein Ring, den ich mir selbst gemacht habe. Da sind zehn Diamanten drinnen. Für jemand anderen ist der vielleicht jetzt nicht so offensichtlich schön, für mich aber schon. Bei dem Ring hab’ ich mir gedacht: »Wenn ich jetzt aufhöre, Schmuck zu machen, ist das für mich voll okay, weil ich diesen Ring gemacht habe.« Mir gefällt die Struktur. Mir gefällt die Form. Er macht eine extrem schöne Hand. Ich liebe Flüsse und Wasser. Für mich ist die Linie wie ein Flussbett. Ich hab’ das Flussbett quasi aufgeschüttet. Es ist ein Fluss, der natürlich entstanden ist mit Steinen, die man auch in der Natur findet.
Ring als persönliches Mitbringsel
»Diamanten sind schon recht gute Freunde«

Aus Männersicht eher vorsichtig gefragt: Sind Diamanten wirklich die besten Freunde der Frauen?

Sind schon recht gute Freunde, ja. (lacht) Sie sind schon total faszinierend. Es gibt ja viele Steine. Eine schöne Qualität nimmt dich ganz schnell ein. Rubin, Saphir und Smaragd sind die Klassiker. Das sind dann aber wieder so plumpe Farben. Es ist toll, dass das in der Natur vorkommt. Das sind geile Farben, aber irrsinnig kitschig. Dieser weiße Glanz und die Brillanz von einem Diamanten haut dich dann halt schon um, wenn du welche siehst, die eine schöne Qualität haben. Wenn du einen schönen Diamanten hast, ist es egal, auf welches Schmuckstück du den draufsetzt, das ist einfach »wow«. Es fängt an zu funkeln und ist einfach irre!

Ich weiß nicht, wie es da anderen Frauen damit geht. Ob die auch so vom Funkeln fasziniert sind wie ich. Vielen Frauen geht es da sicher um die Kohle, um den Wert, den sie da geschenkt bekommen. Weil sie dann ja auch mehr wert sind. Mir geht es um die Eigenschaften dieses Steins.

Lieblings-

Buch: Vergebung, Verdammnis, Verblendung (alle drei Stieg Larsson)
Film: The Big Lebowski
Song: Songs der Band Ghost Capsules
Schauspieler/in: Mike Myers
Motto: Wähl’ eine Arbeit, die du liebst, und du musst nie wieder wirklich arbeiten
Autor/in: Henning Mankell
Serie: The Marvelous Mrs. Maisel
Stadt: Marrakesch
Land: Kroatien
Gericht: Spargel
Getränk: Bier

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Meine Radausflüge an der Donau.

Negativstes: Ich hab’ drei Söhne. Das ist manchmal ein bisschen ernüchternd. (schmunzelt) Ich bin seit 20 Jahren Mutter, und mein Hauptprojekt ist es, coole Menschen in diese Welt zu entlassen. Und das ist ein unfassbarer Aufwand, aus denen wirklich kompakte, gut aufgestellte Menschen zu machen. Das ist ernsthaft der Hammer! Da denk ich mir zwischendurch schon: »Oida!« Vor allem die letzten Wochen während des Corona-Lockdowns. Ich bin sehr direkt. Ich sage ihnen immer, was ich mir denke. Ich sag’ ihnen, wenn ich sie lieb’ und sie cool sind. Aber wenn sie sich nicht gut aufführen und einfach nicht leiwand sind, dann sag’ ich ihnen das auch.

Berufswunsch als Kind

Krankenschwester

Wen wolltest du immer schon einmal treffen?

Kleopatra

Teenie-Schwarm

Mel Gibson

Kaffeehausbestellung

Cappuccino

Ort des Interviews

Kaffein
Das Kaffein gehört laut Stadtzeitung Falter zu den 14 besten Cafés für Third Wave Coffee in Wien und befindet sich direkt neben dem Atelier an der Adresse Stoss im Himmel 3, 1010 Wien. Eine moderne Location mit erstklassigem Kaffee, stylischer Bar und Kunstwerken an den Wänden.

Bildgallerie

zur Verfügung gestellt von Caroline Ertl