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Fiakerfahrer Wolfgang Fasching im Gespräch
Wolfgang Fasching

Fiakerfahrer

Gesellschaft
09.02.2021
Hü, hott, heute gemma Fiaker fahren, und zwar mit Fiakerfahrer Wolfgang Fasching! Beruflich nennt er sich »Fiakerbaron« und kutschiert seine Gäste klassisch wienerisch durch die historische Altstadt.

Woran denken Sie, wenn Sie vorne am Fiaker sitzen und Ihre Kundschaft durch Wien kutschieren?

In allererster Linie ist eine Fiakerfahrt ein Symposium zwischen Mensch und Tier. Sobald ich auf dem Bock oben sitze, bin ich mit meinen Pferden eins. Und ich habe natürlich die schöne Aufgabe, den Leuten, die ihre Freizeit in Wien verbringen, stolz meine Stadt zu zeigen. 

Also keine umherschweifenden Gedanken, sondern stets voll bei der Sache.

Ja, bis zum Aussteigen. Man achtet auf die Schritte der Pferde, auf die Zügel und natürlich auf die Leute. Wenn jemand besonders interessiert ist, erzählt man über die Architekten. Manche interessiert das wiederum gar nicht, die wollen dann nur wissen, wo die Mutzenbacher gewohnt hat. Das bekommt man schon nach den ersten 50 Metern mit, wofür sich jemand interessiert. Da bin ich immer bei der Sache, vom Einsteigen bis zum Aussteigen. 

Klingt ein bisschen wie beim Friseur – man fängt an zu reden und lässt es bleiben, wenn die Kundschaft ihre Ruhe will.

Ich fange an, weil ich erkläre, wo wir vorbeifahren und um welche historischen Denkmäler es sich handelt. Oft fangen die Leute aber auch von sich aus an, wenn sie gerade erst beim Einsteigen sind. Am liebsten sind mir die, die schon in der Löwelstraße rufen, was das dort vorne ist, und dabei auf die Hofburg zeigen. Da sag ich dann meistens, dass wir dort erst hinkommen und ich es dann schon erzähle, wenn es so weit ist.

Gibt es besonders beliebte und unbeliebte Fahrgäste?

Franzosen sind sehr exaltiert. Mit denen komme ich nicht so ganz klar, aber nach 40 Minuten ist das Schauerspiel dann auch vorbei. Wenn du nicht französisch kannst, kommst du nicht weit. Sie sprechen zwar englisch, das interessiert sie allerdings nicht. Amerikaner und Deutsche sind recht lustig, die zählen zu unserem Hauptpublikum. Man darf auch nicht vergessen, dass sie alle auf Urlaub hier sind. Daher sind sie in einer ganz anderen Stimmung als der Alltagsmensch, der in die Arbeit geht.
Fiakerfahrer Wolfgang Fasching im Interview

Sie haben auch schon Promis und Politiker wie beispielsweise Star-Violinist André Rieu, Grand Dame Dagmar Koller, Wiens Bürgermeister Michael Ludwig oder Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil mit ihrem Fiaker durch Wien gefahren. Wer davon war am umgänglichsten?

Bill Ramsey. Aus dieser Fahrt hat sich sogar eine langjährige Freundschaft entwickelt. Ich besuche ihn auch oft in Hamburg. Das war sicherlich der Umgänglichste. Sonst sind die Prominenten aber auch so ganz entspannt. Eine Fiakerfahrt ist ja etwas Schönes, etwas, das man nicht machen muss, sondern das man machen will. Dadurch ist die Laune der Menschen entsprechend locker. Etwas extravagant war Peter Weck. Aber gut, der ist 90 Jahre und ein Wiener der alten Schule. Er legt sehr viel Wert auf Etikette. Ich kam gut mit ihm aus, aber die Regieassistentin von dem Filmteam, das dabei war, eher nicht. Die war ihm etwas zu locker im Umgang.

Da Sie ein Filmteam erwähnt haben: Kommen Promis und Politiker dann eher zu Ihnen, um sich mittels Pressefotos zu inszenieren, oder sind manche auch ganz privat im Urlaub mit Ihnen gefahren?

Ist schon auch vorgekommen. Ich habe eines der Spice Girls gefahren, ohne zu wissen, wer das überhaupt war. Eine ihrer Begleitpersonen hat sogar erwähnt, dass sie ein Spice Girl ist, ich konnte allerdings nichts damit anfangen. An den Blicken der Leute am Straßenrand habe ich gemerkt, dass es sich um eine prominente Person handelt. Michael Seida habe ich privat mit seiner Frau gefahren. Anna Netrebko habe ich zweimal privat gefahren. Da habe ich dann gefragt, ob ich ein privates Foto für Facebook machen darf. 

Wissen Sie im Nachhinein, welches von den Spice Girls es war?

Nein, es war ein bisschen peinlich, weil ich sie nicht gekannt habe. (lacht)
Fiakerfahrer Wolfgang Fasching im Interview

Neben Wien bietet auch New York die Möglichkeit an, Touristen in einer Kutsche zu hofieren. Haben Sie selbst schon mal als Gast dort oder da Platz in einem Fiaker oder einer Kutsche genommen?

Überall, wo ich hinkomme, steige ich in die Kutsche ein. Ich schaue mir davor natürlich die Pferde, ihren Ernährungszustand und den Hufbeschlag an. In Mallorca bin ich daher nicht gefahren, da die Pferde dort unter aller Sau waren. Ansonsten bin ich schon auf Kuba, in Griechenland, in Deutschland, in Prag in anderen Kutschen gefahren. Wenn es dort, wo ich hinkomme, welche gibt, ist es für mich Pflicht, damit zu fahren.

Wenn Mallorca das schlechteste Erlebnis war, wo ist außerhalb von Wien das beste Erlebnis für eine Kutschenfahrt zu erwarten?

Das ist ganz in der Nähe, nämlich in Salzburg. Die Pferde dort sind toll gepflegt und der Ernährungszustand ist sehr gut, da sie oft auf den Salzburger Weiden stehen. Die Pferde dürfen nur jeden zweiten Tag eingesetzt werden. Da kann man ohne schlechtes Gewissen eine Runde machen. Salzburg ist mit Wien sicher gleich auf.

Warum eigentlich »Fiakerbaron«?

Als ich angefangen habe vor über 20 Jahren, war das Fiakergewerbe ein recht raues. Es gab Spieler und Alkoholiker. Irgendwann, während einer Diskussion oder Streiterei, habe ich gesagt, dass das alles Gesindel ist und ich dagegen ein Adeliger bin. Von da an haben die mich mit »Herr Baron« angesprochen. Das ist mir geblieben.

Aber die Branche hat sich gewandelt. 

Anfang der 2000er wurde der Fiakerführerschein eingeführt, den man genauso wie den Führerschein abnehmen kann. Damit waren die Alkoholiker vom einen auf den anderen Tag weg. Auch mit Vorstrafen darf man den Fiakerschein nicht mehr machen, es sei denn, es handelt sich nachweislich um eine Jugendsünde.

Wenn man in einem Fiaker sitzt und herumfährt, hat man das Gefühl, in Kaisers Zeiten einzutauchen. Wie viel hat sich an der guten alten Kutsche seit damals verändert?

Das hat sich natürlich verändert. Bei Regenwetter haben wir heute eine geschlossene Kutsche mit Glas. Das gab’s damals noch nicht. Da gab’s die Lederlandauer mit einem Fenster links und rechts oder Viktorias, das sind die Kutschen, die aussehen wie große Kinderwägen. Heute ist schon mehr Komfort vorhanden. Früher war der Fiaker ein Taxi, heute ist er eine Touristenattraktion.
Fiakerfahrer Wolfgang Fasching im Interview

Der Ausdruck »die Kurve kratzen« soll aus dem Mittelalter stammen, als Kutschen beim Einbiegen in Straßen an den Häuserecken kratzten. Wie oft haben Sie schon die Kurve gekratzt?

Die Kurve habe ich überhaupt noch nicht gekratzt. In den Anfangsjahren ist es mir passiert, dass ich ein Auto gekratzt habe. Das war aber nicht ganz meine Schuld. Ich war dabei abzubiegen und der andere ist zu weit in die Kreuzung eingefahren, sodass ich ihn mit dem Hinterrad gekratzt habe.

Kennen Sie den Ausdruck »jemanden über den Haufen fahren«?

Sagt mir etwas.

Wissen Sie, woher das kommt?

Ich könnte probieren, etwas herzuleiten.

Bei den Kutschenrädern geht vorne und hinten ein Stück Narbe hinaus. Bei den Personenkutschen ist das nur ein wenig, aber bei den früheren Fuhrwerken war das ein richtiger Haufen. Wenn die dann um die Kurve gefahren sind und die Leute standen zu knapp am Straßenrand, haben die mit dem Haufen eine aufs Schienbein bekommen. Das nannte man »über den Haufen führen«. 

Das stelle ich mir sehr schmerzhaft vor!

Bestimmt, ich habe allerdings noch niemanden über den Haufen geführt! (lacht)

Essen Sie eigentlich Pferdeleberkäse?

Gar nicht, nein.

Noch nie probiert?

Bevor ich als Fiakerfahrer zu tun hatte schon, seitdem esse ich aber fast überhaupt kein Fleisch mehr. Nur noch ganz selten, zu Anlässen wie: Urlaub, Geburtstag und Weihnachten. Sonst esse ich vegetarisch.
»Ich bin derjenige, der auf der Autobahn in der ersten Spur fährt«

Wie viel PS fahren Sie privat, wenn Sie nicht mit dem Fiaker unterwegs sind?

48 PS, wenn überhaupt. Für mich ist es wichtig, dass mich ein Fahrzeug von A nach B bringt. Das muss nicht viele PS haben. Das muss nicht schnell gehen. Ich bin derjenige, der auf der Autobahn in der ersten Spur fährt. Mehr PS brauche ich nicht. Wenn man den ganzen Tag am Bock sitzt und dann von der Kutsche ins Auto umsteigt, kommen einem 40 km/h rasend schnell vor. Das dauert zehn Minuten, bis man sich wieder daran gewöhnt hat.

Lieblings-

Buch: Keine Zeit für Arschlöcher (Horst Lichter) 
Film: Inspector Barnaby
Song: Jerusalema (Master KG) 
Schauspieler/in: Da habe ich keine Präferenzen. 
Motto: Weiterkämpfen!
Autor/in: Jack London
Serie: Medical Detectives 
Stadt: Wien, Hamburg
Land: Österreich, Griechenland 
Gericht: Kaiserschmarren 
Getränk: alkoholfrei

Persönliches Mitbringsel

Das wäre ein Hufeisen gewesen, das habe ich allerdings vergessen.

Schönstes und negativstes Erlebnis der vergangenen Woche

Schönstes: Meine Frau ist lungenkrank und hat endlich den Behindertenstatus für ihr Auto bekommen. Damit muss sie vom Parkplatz nicht mehr so weit gehen, wenn sie einkaufen geht. 
Negativstes: Mein Herzinfarkt, der ist allerdings schon zwei Wochen her. Auch wenn ich das nicht wahnsinnig tragisch finde, war das sicherlich das schlimmste Erlebnis.

Berufswunsch als Kind

Sicher nicht Fiakerfahrer. Tischler war mein Traumberuf. Ich war einer von den letzten geburtenstarken Jahrgängen und war froh, eine Kellnerlehre bekommen zu haben. Das wollte ich überhaupt nicht, und dennoch habe ich es bis zum 31. Lebensjahr ausgeübt, da mir der persönliche Kontakt mit den Leuten so gefallen hat.

Wen wollten Sie immer schon einmal treffen?

Den Papst

Teenie-Schwarm

Hatte ich nicht, da ich ein Spätzünder war. Bis zum 19. Lebensjahr wollte ich Priester werden, wodurch ich die Lebensphase des männlichen Pubertierenden ausgelassen habe. Meine Mutter hat sich damals schon ein bisschen Sorgen gemacht.

Café-Bestellung

Verlängerter braun

Ort des Interviews

Fenster Café
Beim Fenster Café handelt es sich tatsächlich um ein großes Fenster, aus dem der Coffee to go gereicht wird. Örtlich ist man nur wenige Meter vom Stephansplatz entfernt, dem Wiener Zentrum, und damit auch dem Ausgangspunkt diverser Fiakerfahrten. Neben diversen klassischen Kaffeevariationen gibt es auch verschiedene Spezialitäten wie zum Beispiel den »Cornettoccino«, also einen Kaffee, der in einem Stanitzel, das innen mit Schokolade ausgekleidet wurde, serviert wird. Dafür gibt’s ein Like von Talkaccino! Ach ja, und auch beim Kaffeezusatz, der Milch, bietet das Fenster Café unterschiedliche Variationen an wie beispielsweise laktosefreie Milch, Sojamilch, oder auch selbstgemachte Mandel- oder Cashewmilch.